Jeroen van Rooijen — 23.09.2019

Niemand steht gerne unter Druck – es ist ein Mantra unserer Zeit, möglichst stressfrei und entspannt durchs Leben zu gehen. Doch es gibt Dinge, die brauchen Druck. Kranke und müde Beine etwa – hier hilft gezielte Kompression. Die Schweizer Sigvaris Group kennt sich damit bestens aus.

Die Menschen im Westen werden immer älter, tendenziell schwerer und bewegen sich weniger – und damit nimmt der Anteil jener Personen, die ein Beinleiden haben, stetig zu. In gewissen Ländern sind Probleme mit dem Venensystem in den Beinen bereits eine Volkskrankheit – in Deutschland etwa ist bereits jeder Zweite betroffen. Zu hohes Gewicht und Bewegungsmangel sind nur zwei Gründe dafür – ebenso sind allerdings Erbanlagen, falsches Schuhwerk oder eine Schwangerschaft Schuld daran, wenn sich ein Beinleiden entwickelt.

Eines der wirksamsten Mittel gegen venöse und lymphatische Leiden ist gezielte Kompression der unteren Extremitäten. Vielflieger kennen und schätzen die Wirkung von Kompressionsstrümpfen, um einer Thrombose vorzubeugen. Auch Sportler nutzen diese Produkte, um den Rücktransport des Blutes aus den Beinen zu begünstigen. Doch natürlich werden Kompressions- oder Stützstrümpfe meistens in der medizinischen Therapie eingesetzt. Sie werden vom Arzt verschrieben – und immer öfter als individuelle Massanfertigung hergestellt, denn die Krankheitsbilder, bei denen diese textilen Erzeugnisse helfen, sind so divers wie die Menschen, die davon betroffen sind.

Sigvaris-Produktionssstandort in St. Gallen.
Picture Sigvaris Company Below

Kompressionsstrümpfe auf Mass – das ist kein frivoler Luxus einer ausser Kontrolle geratenen Gesundheitssystems, sondern eine Notwendigkeit. Für die Sigvaris Group, Weltmarktführerin im Bereich der medizinischen Kompressionsstrümpfe, ist die Massarbeit sogar ein wichtiges Stück Zukunft. «Wir sind ein Weltunternehmen in einer sehr speziellen Nische», sagt Jürgen Sigg, der seit 2019die Schweizer SIGVARIS AG als CEO führt und davor 15 Jahre lang beim Neuhauser Medizinproduktehersteller IVF Hartmann AG war.

Zufall, dass Jürgen Sigg den gleichen Nachnamen hat wie der Ideengeber des wichtigsten Produktes in der über 150-jährigen Geschichte der Winterthurer Firma Ganzoni, aus der die Sigvaris Group hervorging? «Tatsächlich sind wir nicht verwandt», lacht Jürgen Sigg – ausser vielleicht im Geiste, denn auch Jürgen Sigg liebt es, an neuen Ideen zu herum zu tüfteln. So wie Dr. Karl Sigg, mit dem die Firma Ende der 1950er Jahre den ersten medizinischen Kompressionsstrumpf entwickelte. Aus den Worten Sigg und Varize (das lateinische Wort für Krampfader) entstand ein Kunstwort für ein Produkt, welches im Laufe der Jahrzehnte zum Firmennamen der Gruppe wurde.

Im Kreise der Mitglieder des Verbandes Swiss Textiles ist die Sigvaris Group ein gutes Beispiel dafür, wie vielseitig die Textilbranche heute aufgestellt ist. «Die Sigvaris Group ist ein textiler Medizinproduktehersteller», sagt CEO Jürgen Sigg, «regulatorisch sind alle unsere Produkte Medizinprodukte und müssen regulatorischen Anforderungen erfüllen – genauso wie ein z. B. ein Fieberthermometer oder ein Wundbehandlungsprodukt.» Um den strengen Vorschriften nicht nur zu genügen, sondern die Spezialität des Hauses weiter zu entwickeln, arbeitet die Sigvaris Group eng mit Ärzten zusammen, macht Studien und sorgt so dafür, dass Patienten mit Beinleiden besser therapiert werden können. Denn natürlich ist man in der Nische nicht allein – verschiedene Mitbewerber sind den St. Gallern dicht auf den Fersen.

Besonders ist bei der Sigvaris Group allerdings, dass die Firma alle Produkte selbst herstellt und kaum etwas extern zukauft – ausser natürlich den Garnen, mit denen die computergesteuerten Strickmaschinen «gefüttert» werden. «Wir produzieren in allen unseren Märkten mit eigenen Anlagen», sagt Helmut Winner, COO der Sigvaris AG. Dem studierten Stricktechniker und Textilingenieur ist es mit zu verdanken, dass Sigvaris heute in der Lage ist, Kundenbestellungen auf Mass innerhalb von 24Stunden zu fertigen und auszuliefern. 65’000 Paar davon sind es derzeit pro Jahr, Tendenz steigend.

Jürgen Sigg (links), CEO und Helmut Winner, COO von Sigvaris AG.
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Beim Arzt, Orthopädie- oder Sanitätsfachhändler wird das Bein vermessen, teils von Hand, immer öfter aber auch mit digitalen Scannern. Sigvaris hat hierzu einen eigenen Leg Reader entwickelt, der die Beine des Patienten kontaktlos erfasst. Der Spezialist übermittelt die Daten an Sigvaris, wo der Innendienst die Daten verarbeitet und sie sofort an die Produktion weitergibt. Innert Stunden wird der Mass-Strumpf gestrickt, konfektioniert, gefärbt, kontrolliert, etikettiert, verpackt und versandt – und zwar für alle Märkte weltweit. «Die logistische Herausforderung ist gross», sagt Jürgen Sigg und lächelt zufrieden – wissend, dass Sigvaris die Sache im Griff hat: «Das Zusammenspiel von Massnehmen und Passform ist komplex – das bekommen sie nur mit viel Erfahrung hin.»

Über 200 Mitarbeitende sind im Sigvaris-Werk St. Gallen beschäftigt – in der Strickerei, der Näherei, der Färberei und der Spedition, aber auch in der Entwicklung und dem Labor, wo die Kompressionsstrümpfe nach präzis definierten Normen geprüft werden. «Im Textil-Cluster St. Gallen gibt es heute noch viele Menschen, welche die Affinität und das Wissen haben, das man für unsere Produkte braucht», sagt Helmut Winner. Wichtig seien auch die Innovationspartner in der erweiterten Region, so Jürgen Sigg: «Wir sind in der Schweiz zuhause und gross geworden – und heute noch am richtigen Ort, um uns weiter zu entwickeln.»

Jürgen Sigg, CEO Sigvaris AG

Auch unsere Lifestyle-Produkte basieren auf unserem medizinischen Wissen.
Alle Produkte der Sigvaris werden auf eigenen Anlagen gefertigt.
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Kompressionstrümpfe auf Mass sind das Schmuckstück und die Speerspitze der Sigvaris Group – darüber hinaus führt die Firma aber auch ein breit aufgefächertes Standardsortiment, das rund 27’000 Positionen umfasst. „Da geht es um Farben und Festigkeiten, aber vor allem auch um Längen und Weiten, die sehr verschieden sind“, sagt Helmut Winner. Seit einiger Zeit bietet die Sigvaris Group ausserdem auch Lifestyle-Produkte für Alltag und Sport an – freilich mit dem gewissen Extra, wie Jürgen Sigg betont: „Auch unsere Lifestyle-Produkte basieren auf unserem medizinischen Wissen.“

Das Marktpotenzial der prophylaktischen Produkte schätzen die Sigvaris -Verantwortlichen als gross ein. Denn dass Kompressionsstrümpfe auch gesunden Menschen helfen, länger fit zu bleiben, ist ein Fakt. „Die Erkenntnis ist dem Endkonsument aber nur sehr schwer zu vermitteln“, sagt CEO Jürgen Sigg, „Sie wollen diese Art von Strümpfen nicht tragen, solange sie gesund sind.“ Also bedarf es nicht nur eines raffinierten Designs, sondern auch einer geschickten Kommunikation. „Wenn wir die Menschen einmal dazu bringen, dass sie in ihren Körper gleich viel vorsorglich investieren wie in ihr Auto, dann sind wir schon einen grossen Schritt weiter“, sagt Helmut Winner.

Massnehmen für medizinische Kompressionsstrümpfe – es geschieht heute immer öfter auch mit dem Scanner.
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SIGVARIS GROUP

Die Wurzeln der Sigvaris Group mit Sitz in Winterthur reichen bis ins Jahr 1864, als Moritz Ganzoni-Sträuli in Winterthur ein Mercerie-Geschäft eröffnete und begann, Elastikbänder zu weben. 1877 wurde daraus die Gummibandweberei, das damals gebaute Fabrikgebäude beherbergt heute das Fotomuseum. Während vier Generationen führte die Winterthurer Familie das Unternehmen durch zwei Weltkriege, diversifizierte und fokussierte abwechselnd – bis Anfangs der sechziger Jahre der grosse Wurf mit einem medizinischen Kompressionstrumpf gelang. Ideengeber für das Produkt war der Phlebologen Dr. Karl Sigg, dessen Name noch immer in der Marke verankert ist. Heute ist die Sigvaris Group einer der weltweit führenden Anbieter von Lösungen in medizinischer Kompression und beschäftigt über 1’550 Mitarbeitende mit eigenen Produktionsbetrieben in der Schweiz, Frankreich, Polen, USA und Brasilien. Mit Tochtergesellschaften in Deutschland, Österreich, England, Italien, Kanada, China, Australien, Mexiko und einer Niederlassung in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie mit Distributoren in über 70 Ländern auf allen Kontinenten ist die Firma ein global tätiges Unternehmen. Die Schweizer Sigvaris AG führt CEO Jürgen Sigg.

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