Jeroen van Rooijen — 30.04.2019

Das junge ETH-Spin-off Haelixa entwickelt DNA-basierte Marker, die auf Rohstoffe – etwa Biobaumwolle – aufgebracht werden können und ganz ohne Etiketten und Zertifikate zweifelsfreien Aufschluss über die Herkunft des Materials geben.

Die Doppelhelix ist ein starkes Symbol. Sie besteht aus zwei sich rechts drehenden Strängen, die sich um eine gemeinsame Achse winden und über eine Art von Stufen einer Leiter verbunden sind – dies sind die Basenpaarungen im sogenannten Watson-Crick-Modell, welches die Erbanlagen darstellt, im Volksmund auch bekannt als DNA oder DNS. Die Doppelhelix steht für den wohl grössten Triumph der medizinischen Forschung, die Entschlüsselung und Replizierbarkeit von biologischer Information.

Die junge Zürcher Firma Haelixa nimmt genau diese Eigenschaft der Doppelhelix als Ursprung der Namensgebung. Bei dem innovativen ETH-Spin-off von Michela Puddu und Gediminas Mikutis, das erst drei Jahre jung ist, wird die einzigartige, ultrakompakte Methode der Natur, Information zu speichern, für Markierungen von Produkten aller Art genutzt. Um zu verstehen, wie das funktioniert, muss man Chemiker sein – oder den Fachleuten ganz gut zuhören.

Michela Puddu (links), Gründerin von Haelixa, mit Punit Mehra, verantwortlich für die Kommunikation und Projektmanagement.
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Vereinfacht gesagt geht es darum, dass Haelixa eine beliebige Zahl von Informationen in künstlich erzeugte DNA-Sequenzen packen kann. Diese sogenannten Tracers werden in winzigen und sehr robusten Partikeln mit einem Umfang von 1/10'000 Millimeter eingepackt und in Flüssigkeit gemischt, mittels der sie auf die verschiedensten Rohmaterialien oder Produkte aufgebracht werden können. Dies geschieht mit einer Vielzahl von Auftragungsvarianten wie zum Beispiel handelsüblichen Sprayflaschen oder Bädern.

Dem Zürcher Start-up ist es gelungen, eine Art «Fingerabdruck» für die Herkunft von physischen Produkten zu entwickeln, ohne dass diese ein Etikett brauchen, das leicht manipuliert oder ausgetauscht werden kann. Es braucht pro Tonne Rohstoff nur einige Milligramm der ungiftigen und umweltverträglichen Haelixa-Lösung mit Tracern, um lesbar zu sein. Für das spätere Identifizieren der Informationen bedarf es allerdings bioanalytischer Geräte. Auch hier hat Haelixa eine kompakte Lösung entwickelt, die kaum grösser ist als eine Bierdose.

⬇️⬇️⬇️ BIG NEWS! ⬇️⬇️⬇️ Dr. Michela Puddu, Haelixa's CEO and ChairWoman of the board, is the winner of the 2019...

Gepostet von Haelixa am Freitag, 17. Mai 2019

Der Vorteil der Anwendung liegt auf der Hand, etwa im Bereich der textilen Rohstoffe: Eine Baumwollernte, die mit Haelixa markiert wurde, ist über alle Stufen der nachfolgenden Verarbeitung nachvollziehbar. Die Fasern behalten die aufgebrachte DNA-Information auch dann, wenn sie gekämmt, gewaschen, gebleicht, versponnen oder das daraus gewonnene Garn verwebt wird.

Für Hersteller von Premium-Rohstoffen, mit denen manchmal getrickst wird – etwa Biobaumwolle oder Edelsteine –, ist die zweifelsfreie Herkunft ein entscheidendes Argument. Erstmals ist die Herkunft eines Materials eindeutig belegbar, und zwar nicht nur mit Zertifikaten und Versprechen. Es ist auch «lesbar», ob die Rohstoffe im Verlauf der Verarbeitung vermischt oder mit anderen, ähnlichen Materialien gestreckt wurden – die Anzahl der vorhandenen DNA-Marker verrät es.

Am Rande des weitläufigen Campus der ETH Hönggerberg findet man den Sitz von Haelixa, an dem die Tracer produziert und in alle Welt verschickt werden. Sie beanspruchen ein nüchternes Büro im Erdgeschoss, teilen sich Besprechungs- und Aufenthaltsräume mit der Hochschule und mieten eine Reihe von Laborplätzen, neben anderen Start-ups im Rahmen des Innovation and Entrepreneurship Lab. Michela Puddu hat grosse Pläne, und wer den Erklärungen der ambitionierten Italienerin lauscht, der bekommt das gute Gefühl, dass sie ganz genau weiss, was sie tut.

Michela Puddu über die Arbeit von Haelixa

Das Interesse an der neuen Technologie aus der ETH Zürich ist gross. Seit Gründung der Firma im Jahre 2016 wurde Haelixa mit fast zwei Millionen Franken in Fördergeldern von Venture Kick, der Gebert Rüf Stiftung, der ETH Foundation und weiteren Initiativen unterstützt. Namhafte Hersteller von Rohstoffen – etwa von Biobaumwolle – sowie Investoren bewerten das Start-up aus Zürich als zukunftsträchtigen Innovator. Im Herbst 2018 konnte Haelixa in einer Finanzierungsrunde Partner wie Clariant oder die Zürcher Kantonalbank überzeugen, eine Beteiligung am Unternehmen zu erwerben. «Wir sind glücklich, mit diesen strategischen Partnern nicht nur neues Kapital, sondern auch eine Expertise in unseren Zielmärkten zu gewinnen», sagt Michela Puddu. Dass sie überzeugen kann, zeigt auch ihre Nominierung für den Förderpreis der Europäischen Union für «Rising Woman Innovators» – dieser wird am 16. Mai 2019 vergeben und ist mit 50’000 Euro dotiert.

Seit Frühjahr 2019 ist Haelixa zudem Mitglied bei Swiss Textiles und dabei, sich mit der hiesigen Textilbranche zu vernetzen. Bereits laufen erste Projekte mit Garnentwicklern. Im Herbst 2019 muss Haelixa einen weiteren, wichtigen Schritt machen und sich eigene Büros und Labors ausserhalb der ETH suchen. Diese Gelegenheit wird Haelixa nutzen, um die ehrgeizigen Ziele und das Wachstum voranzutreiben und neue motivierte Mitarbeitende zu rekrutieren.

Punit Mehra von Haelixa (im blauen Shirt) verfolgt die Bio-Baumwollernte in Indien.
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Inerview mit:

Michela Puddu

Michela Puddu

Haelixa
Mitgründerin und CEO

Swisstextiles: Wann realisierten Sie, dass das Thema, mit dem Sie sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit in Chemieingenieurwesen an der ETH Zürich beschäftigten, kommerzielles Potenzial hat?

Michela Puddu: Es war uns schnell klar, dass die Technologie viele Anwendungen haben könnte. Am Ende meines Doktorats haben wir beschlossen, dass wir die Forschung kommerzialisieren und damit eine Firma gründen möchten. Das grosse Interesse von Medien, Konsumenten und Firmen bestätigt uns, dass die Idee Potenzial hat.

Haelixa ist jetzt drei Jahre jung. Sind Ihre Entwicklungen denn bereits am Markt, funktionieren sie?

Wir haben bereits kommerzielle Anwendungen in hochwertigen Produkten, die immer mehr auf Nachverfolgbarkeit achten, wie zum Beispiel Edelsteine. Letztes Jahr sind wir in diesem Bereich stark gewachsen. Nun gehen wir gezielt die Textilbranche an. Denn unsere Analysen der Marktchancen haben ergeben, dass Textilien ein grosses und wichtiges Feld sind, weil der Bedarf an mehr Transparenz hier besonders gross ist.

Wie funktioniert das Aufbringen der Informationsträger auf die Rohstoffe, etwa im Falle von Baumwolle?

Die Anwendung ist sehr einfach. Die Lösung sieht aus wie trübes Wasser, wird nach der Ernte direkt auf die Fasern gesprayt und verbindet sich sofort mit dem Rohstoff. Das Wasser verdunstet, die Partikel bleiben auf der Ernte. Während der Verarbeitung der Fasern wird die Information sogar noch enger in das Produkt integriert. Statt eines Etiketts, das man auf eine Ernte von 50 Tonnen klebt, wird mit unserer Anwendung also praktisch jede Faser markiert.

Dies garantiert aber noch nicht, dass mit dem Rohstoff danach nicht getrickst wird – oder ihm andere Fasern beigemischt werden, um einen höheren Profit einzufahren …

Durch die Markierung des Rohstoffs mit Haelixa Tracer können Marken und Hersteller mit einem zusätzlichen Hilfsmittel diesen Tricksereien entgegensteuern und sie identifizieren. Dadurch können mögliche Probleme in der Lieferkette behoben werden – schliesslich führt das zu einer transparenteren Textilproduktion. Wichtig ist dabei immer die offene Kommunikation nach aussen zu den Kunden und eine ausgeprägte Lieferkettenkontrolle nach innen. Nur so kann die Baumwollproduktion fairer gestaltet werden und alle involvierten Parteien, vom Bauern zum Kunden, können nachhaltig profitieren.

Wie wird die Information am Ende der Kette sichtbar?

Das Lesen der Information ist ein bisschen komplizierter als das Auftragen, aber die Geräte, die man braucht, sind handelsübliche Detektoren, die in der Medizin oder für forensische Anwendungen gebraucht werden. Es gibt davon sogar tragbare Versionen für den Einsatz im Feld. Das Ziel ist es, den Herstellern ein vertrauenswürdiges Werkzeug bereitzustellen, mit dem sie ihre Nachhaltigkeits- und Transparenzziele beweisen können. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Kommunikation der Produkttransparenz und Rückverfolgbarkeit es den Kunden ermöglicht, nachhaltige Entscheidungen zu treffen.

Haelixa AG
Otto-Stern-Weg 7
8093 Zürich
www.haelixa.com

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