Mirjam Rombach — 14.09.2020

Während die Dringlichkeit nachhaltigen Wirtschaftens immer deutlicher wird, sind konkrete, griffige Strategien oft schwer umsetzbar. Zu komplex sind weltumspannende Lieferketten, zu vielschichtig das Thema Nachhaltigkeit. Hier setzte die vor zwei Jahren gegründete Initiative Nachhaltige Textilien Schweiz an, die nun in das Programm Sustainable Textiles Switzerland 2030 überführt wird. Was sich dadurch ändert und wo neue Herausforderungen liegen, erklärt Nina Bachmann, Leiterin Technologie und Umwelt bei Swiss Textiles.

Mirjam Rombach: Frau Bachmann, als die Initiative ins Leben gerufen wurde, wurde als erstes eine Auslegeordnung geschaffen. Welches Bild zeigte sich, wie steht es um die Nachhaltigkeit in Schweizer Textilunternehmen?
Nina Bachmann: Beim ersten Kick-off Meeting waren neben Vertretern vom Bundesamt für Umwelt BAFU, dem Staatsekretariat für Wirtschaft SECO, dem Netzwerk amfori Schweiz sowie Swiss Textiles auch knapp 50 Textiler und Textilerinnen dabei. Dabei zeigte sich, dass über 150 Initiativen bereits am laufen waren. Diese möchten wir nun bündeln, um Synergien besser nutzen zu können. Definiert wurden auch Lücken, die Unternehmen nicht alleine schliessen können, weil es dafür die Zusammenarbeit aller Akteure braucht: Forschung und Innovation, Transparenz und Standards, Grundlagenwissen und Konsumentensensibilisierung.

Zu diesen Themenfeldern wurden vier Arbeitsgruppen gebildet. Was haben sie bisher erreicht?
Ich leite die Gruppe Forschung und Innovation. Die Schweiz ist in diesem Bereich sehr stark, daher macht es Sinn, die Transformation der Textilwirtschaft auf diesem Weg voranzutreiben. Als erstes hat sich gezeigt, dass wir eine Übersicht schaffen müssen, weil Forschende sowie Unternehmer oft nicht wissen, woran der andere gerade arbeitet. Wir möchten Textilforschungsinstitute miteinander verknüpfen und bestehende Netzwerke weiter ausbauen. Im Rahmen der Gruppe Datengrundlagen wurde der Umweltatlas Lieferketten Schweiz des BAFU erarbeitet. Er zeigt der Branche, wo in ihrer Lieferkette die grössten Umweltauswirkungen liegen und welche das sind. Zu den Textilstandards wird eine vergleichende Studie zu Nachhaltigkeitsstandards im Textilbereich gemacht, die Gruppe Konsumentensensiblisierung hat ein Konzept für eine Kampagne erarbeitet. Sobald die Finanzierung geklärt ist, soll sie umgesetzt werden.

Weshalb wird die Initiative nun in das Programm STS 2030 überführt?
Wir Verbände kämpften mit knappen Ressourcen, das Projekt verlor an Zugkraft. Durch eine Anschubfinanzierung des SECO können wir die Initiative nun auf feste Beine stellen. Das Umweltbüro Ecos übernimmt als Geschäftsstelle Organisation sowie Administration und fungiert als Zugpferd. Träger des Programms sind die Verbände Swiss Textiles, amfori und Swiss Fair Trade, strategische Unterstützung kommt vom SECO und vom BAFU.

Nina Bachmann

Nina Bachmann vertritt Swiss Textiles im Projekt «Sustainable Textiles Switzerland 2030», einer Kooperation zwischen amfori, Swiss Fair Trade sowie dem BAFU und dem SECO.

Was bedeutet dies auf inhaltlicher Basis, bleiben die Ziele dieselben?
Die bereits formulierten Zielbilder sind nach wie vor Programm für die nächsten eineinhalb Jahre. Wir möchten sie konkretisieren und Unternehmen motivieren, sich auf freiwilliger Basis für die Erreichung messbarer Ziele zu verpflichten. Zusätzlich werden wir Massnahmen schaffen, mit deren Hilfe diese Ziele erreicht werden können, etwa Weiterbildungen, Diskussionsplattformen, Workshops, Tools für KMU und Forschungsprojekte. Aber vor allem dient die Initiative dazu, besser koordinieren zu können.

Warum ist eine bessere Koordination so wichtig?
Das Thema Nachhaltigkeit im Textilbereich ist in den letzten fünf Jahren regelrecht explodiert. Viele Akteure wollen etwas dazu beitragen, es gibt immer mehr Veranstaltungen; der Bund, Verbände und NGO’s sind aktiv. Schlussendlich sprechen wir in der Schweiz aber eine sehr kleine Zielgruppe an. Es ist wenig zielführend, wenn an sieben Nachhaltigkeitsveranstaltungen ständig dieselben Unternehmen und dasselbe Publikum eingeladen werden. Indem wir konsolidieren, kommen wir schneller in die Phase der Umsetzung. Wir müssen unsere Energien bündeln.

Wie stehen die Mitglieder von Swiss Textiles den Zielen der Initiative gegenüber?
Das Interesse an Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Ich berate immer öfter auch Unternehmen, die bisher noch gar nicht tätig waren und das Thema nun angehen möchten. Entsprechend gross war auch das Interesse an der Initiative. Mit dem Aufruf am 27. August haben wir unsere Mitglieder nun nochmals eingeladen, sich im Rahmen des neuen Programms zu engagieren.

Nina Bachmann

Was wir brauchen, sind die Entscheidungsträger von Unternehmen, die marktrelevant sind und eine Hebelwirkung haben.

Wie arbeiten die involvierten Unternehmen heute mit?
Die Gruppe ist eher lose formiert und sehr heterogen, was Grösse und Ressourcen angeht. Manche Unternehmen schicken ihre Nachhaltigkeitsverantwortlichen, bei kleineren kommt der CEO persönlich. Manche sind im Prozess schon sehr weit und würden gerne schneller voran gehen, andere stehen noch in den Anfängen. Was wir brauchen, sind die Entscheidungsträgerinnen von Unternehmen, die marktrelevant sind und eine Hebelwirkung haben. Die müssen wir an Bord holen. Dementsprechend werden wir im neuen Programm stärker die Interessen grosser Unternehmen ansprechen.

Wie wollen Sie diese Unternehmen abholen?
Wir werden uns stark an internationalen Initiativen orientieren, etwa an den Zielformulierungen der UNO oder dem Textilbündnis Deutschland. Dann wird es auch für grosse Unternehmen interessant, über diesen Kanal mitzuarbeiten. Indem wir uns an bereits existierende Initiativen anschliessen und diese für uns adaptieren, kommen wir schneller in die Umsetzungsphase. Wir wollen kein neues, eigenes Schweizer Programm – international tätige Firmen brauchen internationale Lösungen.

Wie profitieren die Mitglieder von Swiss Textiles von der branchenübergreifenden Zusammenarbeit?
Bei Swiss Textiles laufen viele Informationen von Unternehmen und Institiutionen wie Empa, HSLU oder ETH zusammen. Woran aber NGO’s oder Retailer wie Coop oder Migros arbeiten, wussten wir bisher kaum. Als Multistakeholder–Initiative sind wir mit dem Partnerverband amfori nun sehr gut aufgestellt. Bei amfori sind Retailer dabei, die teilweise auch Abnehmer unserer Mitglieder sind, so dass wir ganze Lieferketten abbilden können. Und auch die NGO’s von Swiss Fair Trade wie Max Havelaar wollen im Bereich Innovation und Forschung vorwärts kommen. Die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv.

Warum ist der Weg zur Nachhaltigkeit so weit, was bremst den Transformationsprozess?
Da ist tatsächlich eine gewisse Schwerfälligkeit. Das liegt daran, dass der Zug vom Markt zu schwach ist, derzeit kommt er von uns Verbänden, dem Bund und den NGO’s. Zwar sind einige Unternehmen wie zum Beispiel Outdoor-Bekleidungsfirmen stark unter Druck; deshalb ermöglichen ihre Shareholder budgetrelevante Entscheidungen. Doch in Märkten, wo Kunden noch immer viel für wenig kaufen wollen, spüren die Unternehmen gar keinen Druck von ihren Abnehmerinnen. Darum investieren sie nicht in Nachhaltigkeit. Wir Verbände sind aber auf die Mitarbeit der Unternehmen angewiesen. Wir erarbeiten ja bloss Lösungsansätze, die Umsetzung liegt bei den Unternehmen selbst.

Nina Bachmann

In den nächsten Jahren wird auf politischer Ebene vieles geschehen, das den Wandel beschleunigen wird.

Was könnte in Zukunft Bewegung reinbringen?
In den nächsten Jahren wird auf politischer Ebene vieles geschehen, das den Wandel beschleunigen wird. Vonseiten der EU kommen diverse Vorschriften und Gebühren auf uns zu. Durch den direkten Austausch mit unseren Partnern vom Bund wissen wir, wo internationaler Druck für die Schaffung von Regulatorien besteht. So können wir gewisse Themen antizipieren. Umgekehrt haben wir die Möglichkeit dem Bund zu zeigen, was bereits umgesetzt wird. Neben der Politik werden auch die Konsumentinnen Treiber sein: Sie werden hartnäckiger nachfragen, woher ein Produkt kommt und hoffentlich vermehrt bereit sein, für Nachhaltigkeit zu bezahlen. Zurzeit geht in der Masse billig leider immer noch vor nachhaltig. Da könnten Retailer eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie zu bewusstem Konsum anregen – ähnlich wie das im Food-Bereich bereits geschieht. Dadurch würde die Nische nachhaltiger Produkte grösser.

Welche Rolle spielt die öffentliche Hand in diesem Prozess?
Eine sehr wichtige Rolle. Als Konsumenten nehmen die Beschaffer eine Vorbildfunktion ein. Wenn da Bewegung reinkommt, reagiert der Markt und beginnt, mitzuziehen. Dann sinken die Kosten für nachhaltige Geschäftsmodelle. Für die Unternehmen wäre es ein starker Anreiz, sowohl ökonomisch als auch nachhaltig produzieren zu können. Wir haben in der Schweiz genügend Unternehmen, die in der Lage wären, zu marktfähigen Preisen nachhaltig zu produzieren. Doch dazu brauchen sie die Nachfrage vom Markt.

Die Masse macht also den Unterschied?
Genau, eine gewisse Grundauslastung muss da sein. Wenn man mit fairen Löhnen und Biobaumwolle nur Kleinserien produzieren kann, bringt das wenig. Es muss auch ökonomisch nachhaltig sein, da muss man schon realistisch sein. Erst durch die Menge und durch Grösse kann man die Kosten herunterholen. Das sehen wir deutlich beim Thema Recycling von Produktionsabfällen, also pre-consumer Waste. Einerseits fehlen technologische Möglichkeiten, andererseits ist der Warenfluss nicht konstant und die gewonnen Mengen zu klein. Darum bleiben die Preise hoch. Zusammen mit der Empa haben wir kürzlich ein Projekt im Bereich pre-consumer Waste gestartet. Dabei sollen grössere Mengen Fasern verschiedener Unternehmen gesammelt werden, die möglichst optimal und konstant recycelt werden können. Dieses System wollen wir nach der Etablierung weiteren Unternehmen öffnen. Auch eine Initiative der EU verfolgen wir sehr interessiert: Auf fünf Standorten sollen Recycling-Hubs geschaffen werden, einer davon möglicherweise im süddeutschen Raum. Das genaue Konzept steckt noch in den Kinderschuhen, es wird gerade erarbeitet.

Nina Bachmann

Auch wenn der Prozess anspruchsvoll und sein Ausgang offen ist, macht es Sinn, über Nachhaltigkeit zu sprechen.

Warum fällt es Unternehmen schwer, ihre Bemühungen im Bereich Nachhaltigkeit zu kommunizieren, solange noch keine Resultate vorliegen?
Das weiss ich ehrlich gesagt auch nicht. Manche Unternehmen denken, dass sich niemand dafür interessiert, ihre Zielkunden dies gar nicht wollen oder sie haben Angst, dass sie kritisiert werden wenn sie nicht perfekt sind. Das halte ich für eine Fehleinschätzung. Im Moment kommunizieren eher wir Verbände, nicht die Unternehmen. Das könnte sich im Rahmen des neuen, national abgestützten Programms aber ändern. Auch wenn der Prozess anspruchsvoll und sein Ausgang offen ist, macht es Sinn, über Nachhaltigkeit zu sprechen.

Artikel zum Thema