Mirjam Rombach — 27.11.2019

Macht es für Textilhersteller Sinn, trotz Globalisierung am Rhythmus der Jahreszeiten festzuhalten? Swiss Textiles findet: nein. Statt einer klassischen Farbkarte stellen die Macherinnen und Macher der Kontext View am 10. Dezember deshalb ein Farbtool vor. Das neue Arbeitswerkzeug berücksichtigt branchenspezifische Anforderungen genauso wie Sättigung, Material und Haptik.

Das Prinzip der Saisonalität wurde von der Modebranche ad absurdum geführt. Wollmäntel im Spätsommer, Bikinis bei Schneeregen – die Jahreszeiten von Schaufenstern und Klima sind selten dieselben. Zudem ist die Textilbranche interdisziplinär unterwegs. Wie also sollen sich Mode, Sport und Outdoor, Interieur sowie industrielle Textilien in einer gemeinsamen, saisonalen Farbkarte wiederfinden? Laut Evelyne Roth, kreative Leiterin der Kontext, klaffen die Rhythmen der einzelnen Bereiche zu weit auseinander: «Das widerspiegelt nicht mehr die Realität der Branche – irgendwo ist immer Sommer. Deshalb setzen wir von nun an Themen und Stimmungen, die mittels Farbtool angewendet und individuell interpretiert werden können.»

Neu ist nicht nur das Arbeitsinstrument, neu ist unter anderem auch die Reduktion auf nachhaltig produzierte Farben. Der Farbhersteller DyStar hat für Kontext eigene Rezepturen entwickelt, alle kreislauffähig nach dem Cradle to Cradle-Prinzip. Sie erfüllen sämtliche Ansprüche an Qualität und Lichtechtheit. Was lange schwierig schien – es existierten lediglich sechs Farben –, gelingt mittlerweile bei 40 Grundfarben. Noch gibt es Grenzen: Bei Türkis-Färbungen werden Schadstoffe eingesetzt, die nicht in ein zirkuläres System rückgeführt werden können. Nicht alle Farben eignen sich für jede Qualität, nachhaltige Wollfärbungen sind komplexer als jene für Zellulosefasern. Färbungen synthetischer Materialien sind noch nicht vollumfänglich nachhaltig, da braucht es andere Herangehensweisen, um Designlösungen zirkulär zu gestalten. «Diese Informationen braucht ein Designer, um mit Einschränkungen und Entwicklungen geschickt arbeiten zu können. Es passiert so viel in der Forschung, dass es für Designerinnen und Designer schwierig ist, à jour zu bleiben. Diese Lücke möchten wir schliessen; wir schlagen quasi eine Brücke vom Chemielabor zum Designatelier», so Roth.

Evelyne Roth

Es passiert so viel in der Forschung, dass es für Designerinnen und Designer schwierig ist, à jour zu bleiben. Diese Lücke möchten wir schliessen; wir schlagen quasi eine Brücke vom Chemielabor zum Designatelier

Auch die Digitalisierung wirft im Zusammenhang mit Textilien neue Fragen auf: Welche Rolle spielt Sprache im wachsenden Onlinehandel? Kann der Mangel an Haptik durch sie kompensiert werden? Und wenn Modehäuser mit E-Sports-Organisationen kollaborieren – siehe Louis Vuitton & Riot Games –, arbeiten Textildesigner dann in Zukunft mit Programmierern zusammen? Wollen wir überhaupt virtuell arbeiten? Roth meint dazu: «An der Kontext suchen wir nach Antworten auf diese Fragen. Eine davon ist das neue Farbtool, mit dem wir auf den Status quo in Entwicklung, Industrie und Design eingehen. Natürlich sind klassische Farbkarten, wie sie unsere Partnerorganisation Première Vision oder die Vereinigung Intercolor herausgeben, auch weiterhin eine Option. Doch wir möchten einen Schritt weiter gehen. Wichtig ist uns auch der Austausch unter den Teilnehmenden. Kontext View ist eine offene Plattform, wo man über seine Arbeit diskutieren kann und das Zusammentreffen mit anderen Professionals neue Impulse auslöst.»

10. Dezember 2019
Kontext View
im Kino RiffRaff in Zürich

Credits Bilder: Welle: Christian Hersche, Melvin Zöller / Farben: DyStar, CradletoCradle, certified colors

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