Jeroen van Rooijen — 09.07.2019

Nina Bachmann vertritt Swiss Textiles im Projekt «Nachhaltige Textilien Schweiz» des Bundesamts für Umwelt. Im Rahmen dieser Initiative erarbeiten Marktteilnehmende und der Bund Handlungsfelder und gemeinsame Lösungen für eine umwelt- und ressourcenschonende textile Zukunft.

Textilien sind überall und begleiten uns auf Schritt und Tritt – neben Bereichen wie Kleidung und Heimtextilien finden sich textile Produkte auch im Bau, in der Medizin, der Mobilität, in Hightech und der Industrie. Vielen Konsumentinnen und Konsumenten ist zwar bewusst, dass Herstellung und Vertrieb textiler Flächen auch für die Umwelt Folgen haben, doch wie schwer diese wiegen, ist den wenigsten bekannt – zumal heute ein Grossteil der Herstellung von Textilien im Ausland erbracht wird. Auch für die Schweizer Unternehmen ist es nicht einfach, sich alleine in diesem Thema zurechtzufinden. Hier setzt die Initiative «Nachhaltige Textilien Schweiz» an. Sie will verbindliche Grundlagen schaffen, Wissen vermitteln, Standards etablieren, Konsumenten sensibilisieren und die Textilbranche auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Zukunft begleiten, indem sie neue Technologien und Innovationen fördert. Für letztere Arbeitsgruppe steht Nina Bachmann ein, Leiterin Technologie und Umwelt von Swiss Textiles.

Interview mit:

Nina Bachmann

Nina Bachmann

Leiterin Technologie und Umwelt
T: +41 44 289 79 02
nina.bachmann@swisstextiles.ch

Jeroen van Rooijen: Frau Bachmann, das Thema der Nachhaltigkeit ist derart vielschichtig, dass viele vor lauter Bäumen kaum noch den Wald sehen – blicken Sie wenigstens durch?
Nina Bachmann: Grundsätzlich ist es tatsächlich ein sehr komplexes Thema, kaum jemand hat den Durchblick, jeder sieht nur Teilaspekte und Teillösungen. Zwar behaupten viele, nachhaltig tätig zu sein, aber es sind immer nur Fragmente. Ich nehme ab und zu an Podiumsdiskussionen zum Thema teil und erlebe dort oft, wie viel Halbwissen und Fehlmeinungen es insbesondere auch bei den Konsumenten und Konsumentinnen gibt.

Wo setzen Sie als Teilnehmerin der Initiative «Nachhaltige Textilien Schweiz» den Hebel an, mit welchen Überzeugungen gehen Sie in die Meetings mit den Branchenkollegen?
Wir haben seitens Swiss Textiles bereits früher definiert, was für uns Nachhaltigkeit bedeutet. Dazu gibt es eine entsprechende Broschüre. Für uns war also klar, dass wir im Rahmen dieser Initiative, die der Bund lanciert hat, das textile Know-how unserer Branche einbringen und aufzeigen wollten, was diese bereits gemacht hat und wo noch Handlungsbedarf besteht.

Für uns war also klar, dass wir im Rahmen dieser Initiative, die der Bund lanciert hat, das textile Know-how unserer Branche einbringen.

Ein erster Workshop fand vor über einem Jahr statt – was ist seither passiert?
Am Workshop haben wir eine Auslegeordnung geschaffen, um das weite Feld überhaupt abzustecken. Es wurden dabei 150 Initiativen genannt, die bereits existieren – wir beginnen also nicht bei null, es geschieht schon vieles, und daran wollen wir anknüpfen. Wir haben vier Themenfelder definiert, bei denen Unternehmen alleine nicht weiterkommen, weil es dort die Zusammenarbeit aller Akteure braucht: Grundlagenwissen zu Umwelteinwirkungen von Materialien, Textilstandards und Transparenz, Konsumentensensibilisierung und Forschung. Zu jedem dieser Themenfelder arbeiten wir nun in Gruppen weiter, die sich zwei- bis viermal jährlich treffen.

Was sind das für Leute, die an diesen Gesprächen teilnehmen – sind da auch hartgesottene Utopisten und Träumer dabei?
Die Teilnehmergruppen sind sehr heterogen. Da sind einerseits Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mit ihren Forderungen, die eine Benchmark setzen möchten. Doch uns war wichtig, dass zwei Drittel der Teilnehmenden Vertreter der Wirtschaft sind. Sonst funktioniert die Umsetzung der Initiative letztlich nicht. Wir haben nun also CEOs und Entscheiderinnen – häufig von KMUs – sowie die Nachhaltigkeitsverantwortlichen von grösseren Firmen und Konzernen. Letztere müssen die Ideen natürlich erst wieder intern nach oben reichen, bevor sie wirksam werden.

Wie verhindert man, dass eine solche Initiative nicht einfach heisse Luft und Blabla bleibt?
Wir glauben, dass sie eine gewisse Bedeutung und Hebelwirkung bekommt, weil sie vom Bund unterstützt wird. Zudem sind mit amfori Schweiz und Swiss Fairtrade auch zwei weitere Partner mit an Bord, welche die Kunden unserer Unternehmen, also den Retail abdecken. Das verleiht der Initiative Gewicht und hilft, dass die Diskussion über die Lieferkette hinweg geführt werden kann. Auch ist es uns wichtig, dass wir auf dem Niveau der Industrie diskutieren und entsprechend praxisbezogen sind. Es ist für die Teilnehmenden der Initiative unglaublich wichtig, dass sie merken, dass alle – auch Unternehmen in anderen Sparten – mit den gleichen Fragen konfrontiert sind und dass es helfen kann, wenn man miteinander redet oder Dinge anpackt. Der grösste Gewinn der Initiative ist daher das Netzwerk, das nun entsteht. Es treffen sich die unterschiedlichsten Akteure der Branche in diesen Arbeitsgruppen, und bei der persönlichen Begegnung findet man bald einmal heraus, wo und wie man gemeinsam weitergehen könnte.

Der grösste Gewinn der Initiative ist daher das Netzwerk, das nun entsteht.

Was können Mitglieder von Swiss Textiles tun, um an diesen Ideenpool anzuknüpfen?
Wir vermitteln unseren Mitgliedern natürlich gerne Denkanstösse und persönliche Kontakte – dafür sind wir schliesslich da. Ich besuche auch regelmässig die Firmen und nutze diesen Kontakt, um über die Initiative zu berichten und aufzuzeigen, wie man aktiv werden kann.

Was schauen Sie persönlich bisher als grössten Know-how-Gewinn an?
Ich spüre, dass das Thema auf viel Interesse stösst und dass bezüglich der Nachhaltigkeit eine grosse Welle der Veränderung auf uns zukommt. Man muss aber nicht nur über das Thema sprechen, sondern auch handeln können. Unsere Branche ist gefordert zu zeigen, dass sie freiwillig handelt – ansonsten kommen zwangsläufig eines Tages neue Regulierungen und Gesetze, die uns zwingen werden, zu reagieren. Für mich ist es immer wieder interessant zu sehen, dass die Unternehmensvertreter im bilateralen Gespräch neue gemeinsame Projektideen aufgleisen, beispielsweise um gemeinsam Produktionsabfälle wiederzuverwerten – es braucht schliesslich den persönlichen Kontakt «von Angesicht zu Angesicht», dann geht es plötzlich schnell und einfach. Und die Initiative bietet dafür genau die richtige Plattform.

Man muss aber nicht nur über das Thema sprechen, sondern auch handeln können.

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?
Die Sensibilisierung der Kunden ist auf gutem Weg, doch gerade der Retail – also der textile Einzelhandel – ist noch im Hintertreffen, insbesondere auch in Bezug auf die Kommunikation. Meist wird vornehm geschwiegen bezüglich Fragen der Herkunft und Produktion, oder es wird nur bei jenen Teilsortimenten kommuniziert, die nachhaltig sind. Das ist eine verpasste Chance hinsichtlich der Konsumentensensibilisierung. Letztlich sind aufgeklärte Kundinnen und Kunden diejenigen, die in der textilen Lieferkette den Druck verstärken und mit einer erhöhten Zahlungsbereitschaft eine Umsetzung von Nachhaltigkeit massiv unterstützen könnten.

Letztlich sind aufgeklärte Kundinnen und Kunden diejenigen, die in der textilen Lieferkette den Druck verstärken und mit einer erhöhten Zahlungsbereitschaft eine Umsetzung von Nachhaltigkeit massiv unterstützen könnten.

Kommt Nachhaltigkeit vielleicht auch wieder mal aus der Mode?
Ich hoffe und denke es nicht. Die Daten und Tools für mehr Transparenz sind da, und die Menschen werden entsprechende Taten von den Herstellern einfordern.

Wird die Initiative hoffentlich auch dazu führen, dass der Konsument im Dickicht der Ökoetiketten endlich einen besseren Durchblick bekommt?
Bis jetzt hat sich keiner richtig getraut, die vielen vorhandenen Standards zu bewerten, es wollte sich einfach niemand die Finger daran verbrennen. Die Initiative versucht das gerade zu ändern, indem wir eine Standardevaluation vornehmen und diese breit abstützen. Damit hat sie eine Chance, zu einer relevanten Stimme zu werden.

Initiative «Nachhaltige Textilien Schweiz»
Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) fördern mit der Unterstützung von Swiss Textiles, amfori Netzwerk Schweiz und Swiss Fairtrade den Austausch zu einer zukunftsfähigen, nachhaltigen Textilwertschöpfungskette in der Schweiz. Die breit abgestützte Initiative «Nachhaltige Textilien Schweiz» trat im März 2018 erstmals in Zürich zu einem Kick-off zusammen – rund 50 Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, NGOs und der öffentlichen Hand aus der gesamten textilen Wertschöpfungskette diskutierten über gemeinsame Lösungsansätze für eine nachhaltige Textil- und Bekleidungsindustrie der Schweiz und formulierten erste Themenschwerpunkte. Ausserdem wurden vier Arbeitsgruppen in den Bereichen Grundlagen und Wissen, Transparenz und Standards, Sensibilisierung und Motivation sowie Technologie und Innovation gegründet. Letztere Gruppe wird geleitet von Nina Bachmann, Swiss Textiles.

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