Mirjam Matti Gähwiler — 19.04.2018

Digitalisierung und Automatisierung sind längst Alltag in der Textilbranche. Auch das Kaufverhalten der Kunden hat sich grundlegend verändert. Der Wandel ist allgegenwärtig.

Herr Illi, als Sie letzten Sommer das Präsidium übernahmen, haben Sie betont, wie wichtig Ihnen der Nachwuchs ist. Wie steht es um diesen?
Ich bin überzeugt, dass unsere Mitglieder eine hervorragende Plattform für junge Berufsleute bieten: Die Unternehmen sind dynamisch, haben flache Hierarchien, es herrscht Teamgeist und sie sind stark international ausgerichtet. Unsere Branche ist getrieben, innovativ zu bleiben, das bietet auch interessante Jobs. Und in einem KMU kann ein Einzelner mehr und schneller etwas bewegen als in einem Grosskonzern.

Carl Illi, Präsident Swiss Textiles

Unsere Branche ist getrieben, innovativ zu bleiben, das bietet auch interessante Jobs.

Fachkräfte sind überall gefragt. Kann da die Textilbranche gegenüber anderen Branchen mithalten?

Peter Flückiger
Ganz klar. Denn viele Firmen arbeiten an der Schnittstelle von Kreativität und Technik. Das ist einzigartig und bietet ein breites Spektrum. Das Ergebnis sind ästhetisch und funktional hochstehende Produkte, die dem Zeitgeist entsprechen und die man anfassen kann. Wir müssen aber aufpassen, dass wir die Fachkräfte in unserer Branche halten können und ihnen Perspektiven bieten.

Carl Illi
Das Mitpartizipieren an einem kreativen Prozess sorgt für eine emotionale Bindung und starke Identität.

Was tut die Branche, um diese Perspektiven aufzuzeigen?

Carl Illi
Da muss ich selbstkritisch sagen, dass wir in den letzten Jahren zu wenig getan haben, um jungen Leuten aufzuzeigen, wie attraktiv unsere Branche ist. Ich meine damit Nachwuchstalente für die Kader: Betriebswirtschaftler, Materialwissenschaftler, Ingenieure usw.

Peter Flückiger
Die Branche hat sich stark gewandelt. Das was heute am Standort Schweiz entwickelt, produziert und vermarktet wird, entspricht nicht mehr dem, was teilweise noch in den Köpfen der Leute verankert ist. Wir müssen das Bild korrigieren und zeigen, wie spannend und zukunftsorientiert die Branche heute ist.

Ein Gespräch mit Carl Illi, Präsident und Peter Flückiger, Direktor von Swiss Textiles, über die Chancen einer sich immer wieder neu erfindenden Branche.
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Peter Flückiger, Direktor Swiss Textiles

Wir müssen als Verband vorangehen und Themen aufgreifen, die zukunftsweisend sind.

Wo unterstützt der Verband?

Carl Illi
Wir unterstützen die branchenspezifischen Ausbildungsplattformen stark, um eine attraktive und bedarfsgerechte Aus- und Weiterbildung anzubieten. Dennoch ist es aber vor allem Aufgabe der Firmen, den jungen Leuten eine Zukunft, ja eine Karriere zu ermöglichen. Wir müssen dem Nachwuchs vertrauen.

Peter Flückiger
Uns beschäftigt, wie sich die Arbeitswelt verändern wird. Dass Mitarbeitende auch künftig 40 Jahre in einer Firma bleiben, wird wohl eher selten sein. Die neue Generation an Arbeitskräften ist auf der stetigen Suche nach Sinn in ihrer Arbeit, nach Veränderung. Darauf müssen sich die Firmen einstellen und antizipieren, welche Arbeitsmodelle es in Zukunft braucht. Hierarchien werden flacher, Teams interdisziplinärer und durchlässiger, Arbeitszeiten und Arbeitsorte flexibler. Dies wird ein Thema unseres nächsten Summit im Juni 2018 sein. Wir müssen als Verband vorangehen und Themen aufgreifen, die zukunftsweisend sind.

Carl Illi
Der Austausch und die Zusammenarbeit unter den Firmen und über die Branchen hinweg muss stärker werden. Da bieten wir mit verschiedenen Veranstaltungen und Forschungsprojekten eine Plattform für den fachlichen Austausch mit Materialwissenschaftlern, Biologen, Medizinern oder Maschineningenieuren, aber auch mit Grafikern, Industrie- oder Interior Designern. Ziel ist es, Inspiration für die Anwendung von Textilien nicht nur für Mode, sondern auch im Bereich der Medizinaltechnik, der Fahrzeugindustrie oder der Architektur zu vermitteln.

Der Wandel in der Branche wurde bereits angesprochen. Wo sehen Sie die Branche heute und in Zukunft?

Peter Flückiger
Natürlich hat auch in unserer Branche die Digitalisierung längst eingesetzt. Die Produktion wird intelligenter und vernetzter. Aber auch im Produkt selbst, wo Elektronik im Textil beispielsweise für Sensoren ein grosses Thema ist. Am fundamentalsten ändert sich aber die Beziehung zum Kunden. Im B2B genauso wie im B2C. Die Kommunikation ist schneller, direkter, die Transparenz wird grösser. Die ganze Branche, ob Produktion oder Handel, steht unter einem grossen Innovationsdruck.

Carl Illi
Es braucht einen Schulterschluss mit allen Beteiligten. Die Interaktion zwischen den Firmen, die forschen und entwickeln, mit denjenigen, die industriell produzieren – am Standort Schweiz sind das noch etwa 40 Prozent unserer Mitglieder –, und mit den Händlern. Alle sind auf Innovationen angewiesen und können diese nur gemeinsam anpacken.

Carl Illi Präsident, Swiss Textiles

Wer nahe am Markt ist und in den letzten Jahren seine Hausaufgaben gemacht hat, der hat sicher gute Voraussetzungen.

Wie sieht das wirtschaftliche Umfeld aus?

Carl Illi
Die konjunkturellen Aussichten sind so gut wie lange nicht mehr. Unsere wichtigsten Absatzmärkte wachsen und der Franken ist zwar nach wie vor überbewertet, die Lage hat sich aber etwas entspannt. Diese Chance müssen unsere Mitglieder jetzt nutzen. Wer nahe am Markt ist und in den letzten Jahren seine Hausaufgaben gemacht hat, der hat sicher gute Voraussetzungen.

Peter Flückiger
Gute Aussichten bedeuten aber nicht automatisch Wachstum. Wachstum muss hart erarbeitet werden. Es braucht qualitativ hochstehende und unverwechselbare Produkte. Erfreulich ist, dass wir beispielsweise bei den technischen Textilien in den vergangenen Jahren eine stetige Exportzunahme von durchschnittlich drei Prozent haben. Am Standort Schweiz werden wir weiterhin mit hohen Kosten konfrontiert sein. Chancen sehen wir deshalb im Ausbau der Forschung und Entwicklung und in den Dienstleistungen.

Peter Flückiger, Direktor Swiss Textiles

In der interdisziplinären Zusammenarbeit liegt die Zukunft.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Peter Flückiger
Leider stellen wir eine zunehmende Strömung von Protektionismus und Populismus fest. Das ist Gift für die Textilbranche, die so offen und vernetzt ist. Freier Handel ist sicher ein grosses Thema für uns, sowohl im Export wie Import. Besonders gefreut hat mich, dass wir nach langjährigem Einsatz an vorderster Front erreicht haben, dass der Bundesrat die Zölle auf Industriegütern abschaffen will. Wir fordern auch vom Parlament, diesen Entscheid mitzutragen – und werden natürlich in der Debatte aktiv mitwirken.

Carl Illi
Als attraktive Arbeitgeber brauchen wir einen liberalen Arbeitsmarkt. Es bereitet mir Sorge, dass hier immer mehr Regulierungen drohen. Ich denke an die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative oder die Einführung der Überprüfung der Lohngleichheit. Wir müssen Fachkräfte unkompliziert anstellen können, sowohl aus dem In- wie Ausland. Ein KMU muss flexibel und einfach agieren können.

Peter Flückiger
Ein grosses Thema, das auch zunehmend auf dem Radar der Politik ist, ist die Nachhaltigkeit. Dabei muss klar sein, dass gerade in der globalen Textilbranche Nachhaltigkeit ein internationales Thema ist und wir eine internationale Zusammenarbeit benötigen. Unsere Mitglieder sind hier schon sehr weit und können Nachhaltigkeit als Chance für sich nutzen. Im öffentlichen Beschaffungswesen setzen wir uns ein, dass Kriterien zur nachhaltigeren Beschaffung im Gesetz verankert werden.

Haben die Umbrüche in der Branche auch Veränderungen in der Verbandstätigkeit zur Folge?

Carl Illi
Ja, auf jeden Fall. Als Verband müssen wir Vorreiter sein. Es ist jetzt ein guter Zeitpunkt, unsere bisherigen Strukturen und Aktivitäten zu überprüfen und zu analysieren, welche Angebote die Mitglieder in der Zukunft von uns brauchen. Im Frühling werden wir dazu einen umfangreichen Strategieprozess einläuten.

Peter Flückiger
Die Bereiche Innovation im modischen und technischen Sinn müssen wir noch stärker bearbeiten, da diese für alle Mitglieder bedeutend sind. Als Verband können wir keine Innovationen in den Firmen implementieren, aber wir vernetzen unsere Mitglieder innerhalb und ausserhalb der Branche. In der interdisziplinären Zusammenarbeit liegt die Zukunft.

Ansprechpersonen bei Swiss Textiles

Mirjam Matti Gähwiler

Mirjam Matti Gähwiler

Leiterin Kommunikation und PR
T: +41 44 289 79 24
M: +41 76 527 46 08
mirjam.matti@swisstextiles.ch

Peter Flückiger

Peter Flückiger

Direktor
T: +41 44 289 79 79
peter.flueckiger@swisstextiles.ch

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