Mirjam Rombach — 17.06.2020

Grossen Krisen wird eine beschleunigende Wirkung zugesprochen, sowohl auf ökonomischer wie auf gesellschaftlicher Ebene. Tatsächlich wurden während der letzten Wochen die Schwachstellen unseres Wirtschaftssystems deutlich: Überproduktion, Rabattschlachten, die Komplexität globaler Lieferketten und das ungleiche Kräfteverhältnis derselben. Deutlich wurden auch die Notwendigkeit der digitalen Transformation sowie der Bildung nachhaltiger Strukturen. Wir haben uns unter Schweizer Textilbetrieben umgehört und gefragt, welche Schlüsse sie aus der Krise ziehen.

Wie ein Unternehmen die derzeitige Krise bewältigt, hängt nicht bloss von der Dauer des Lockdown oder der Wirkung staatlicher Massnahmen ab. Sondern auch von seinem Geschäftsmodell und seiner Lieferstruktur. Langfristige Beziehungen und übersichtliche Lieferketten machen Firmen in der aktuellen Situation widerstandsfähiger. Nicht, weil sie gross oder klein oder in der Schweiz sind, sondern weil sie nachhaltige Konzepte verfolgen.

Relativ gelassen auf den Auftragseinbruch reagiert hat man bei Jakob Schlaepfer. Obwohl der Hersteller innovativer Textilien für Modeunternehmen im High-End-Bereich jährlich eine Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterkollektion entwickelt, spielt der saisonale Aspekt nur eine untergeordnete Rolle.

Jakobschlaepfer Swisstextiles

Bei Jakob Schlaepfer werden fast alle Stoffe in der St. Galler Manufaktur hergestellt.

Bei Jakob Schlaepfer werden fast alle Stoffe in der St. Galler Manufaktur hergestellt.

Swisstextiles Jakobschlaepfer

Neben eigenen Kollektionen entwickelt Jakob Schlaepfer auch Dessins für internationale Kunden.

Neben eigenen Kollektionen entwickelt Jakob Schlaepfer auch Dessins für internationale Kunden.

«Wichtiger als Jahreszeiten sind Absatzmärkte – in vielen Ländern gibt es schliesslich gar keinen Winter. Deshalb ist es für uns kein Drama, wenn wir die Dessins erst verspätet zeigen können», so CEO Emanuel Forster. Obwohl sich die Timeline der Kunden durch den Lockdown verändert hat, haben die Designer ihre Kollektion pünktlich fertiggestellt und sie auch quantitativ kaum reduziert. Forster bestätigt: «Sobald unsere Kunden wieder arbeiten können und etwas sehen möchten, sind wir bereit. Design verfault ja nicht – gute Ideen bleiben immer frisch.»

Lagerbestände bleiben bei Jakob Schlaepfer ohnehin nicht liegen. Fast alle Stoffe werden in der eigenen Manufaktur in St. Gallen produziert – nicht im Voraus, sondern auf Bestellung. Wenn nun die Order der grossen Modehäuser auf sich warten lassen, entsteht kein Überschuss, sondern lediglich eine zeitliche Verschiebung.

Emanuel Forster

Die Frage ist weniger, was mit der letzten Kollektion geschieht. Sondern vielmehr, wann wir die nächste brauchen.

«Die Frage ist weniger, was mit der letzten Kollektion geschieht. Sondern vielmehr, wann wir die nächste brauchen», so Emanuel Forster. «Eigentlich müsste die Couture Frühlings- und Sommerkollektion Ende Oktober fertig sein. Doch wenn die Kunden nicht verkaufen können, bestellen sie auch nichts. Weil wir dem Zyklus einen Schritt voraus sind, können wir darauf flexibel reagieren. Nun warten wir, bis wir erkennen, was die Kunden brauchen. Womöglich macht es mehr Sinn, an einigen wirklich innovativen, spannenden Dessins tüfteln, statt eine komplette Couture Kollektion zu entwickeln.»

Als Textilediteur produziert Christian Fischbacher nicht in eigenen Fabriken, sondern bei Partnerbetrieben in Italien und der Schweiz. Aufträge storniert hat der Betrieb keine – dass Einrichtungsstoffe kaum an den Retail gebunden sind, federt die Auswirkung des Lockdown ab. «Der April lief natürlich schlecht. Doch da viele Einrichter weiterarbeiten konnten, sieht es seit Mai schon wieder deutlich besser aus», bestätigt Michael Fischbacher.

Swisstextiles Christianfischbacher Design

Die Entwürfe für die Bereiche Bettwäsche, Einrichtungsstoffe, Tapeten und Teppiche werden im St. Galler Standort entwickelt.

Die Entwürfe für die Bereiche Bettwäsche, Einrichtungsstoffe, Tapeten und Teppiche werden im St. Galler Standort entwickelt.

Christianfischbacher Swisstextiles

Christian Fischbacher setzt schon seit Jahren auf die Entwicklung recycelter Stoffe. Früher, so Michael Fischbacher, hätten sich vorwiegend Journalisten und Architekten dafür interessiert. Heute liegt er damit voll im Trend.

Christian Fischbacher setzt schon seit Jahren auf die Entwicklung recycelter Stoffe. Früher, so Michael Fischbacher, hätten sich vorwiegend Journalisten und Architekten dafür interessiert. Heute liegt er damit voll im Trend.

Michael Fischbacher

Unser Produkt verkauft sich über Qualität, nicht über den Preis.

Stärker betroffen ist die Bettwäsche, die mit der möglichen Schliessung zweier Schweizer Partnerbetriebe wichtige Zulieferer verliert. Fischbacher wird alles daran setzen, die Produktion der Bettwäsche so weit wie möglich in der Schweiz zu halten. Trotz der Schwierigkeiten sieht er keine Lösung darin, die vergangenen Monate durch Rabatte zu kompensieren: «Wir sind da sehr zurückhaltend. Unser Produkt verkauft sich über Qualität, nicht über den Preis.»

Und wie geht es mit der anstehenden Kollektion weiter?


Im Herbst ist die Interior-Kollektion bei Christian Fischbacher jeweils kleiner als im Frühjahr. Dieses Jahr wurde sie nochmals leicht reduziert, da die Aufträge mitten während des Lockdown hätten platziert werden müssen. «Einige Dessins schieben wir deshalb in die Frühjahrskollektion. Im Herbst zeigen wir nur die Artikel, die uns besonders wichtig sind – etwa ein Stoff der Linie Benu. Wir verwenden dafür Plastik, der aus dem Mittelmeer gefischt wurde», so Fischbacher.

Michael Fischbacher

Nun ist die Haltung in unseren Köpfen eine andere geworden.

Stärker als die kreative Arbeit hat die Krise interne Prozesse verändert. Fischbacher wird künftig vermehrt in digitale Aktivitäten investieren: «Es ist eigentlich keine grosse Sache. Vorher galt das Digitale halt eher als eine von vielen Varianten. Nun ist die Haltung in unseren Köpfen eine andere geworden.»

Auch bei Textilfirmen im Bekleidungssektor zeigt sich, wie stark ihre Resilienz vom Geschäftsmodell abhängt. Metzler Hemden, ein St. Galler Familienbetrieb in vierter Generation, verkauft ausschliesslich über B2B-Kanäle. Produziert wird in eigenen Betrieben in der Schweiz und der Slowakei. Geschäftsführerin Alessia Mastroberardino erklärt: «Wir produzieren nur auf Bestellung, daher haben wir kaum Überschuss. Und wenn es doch einmal dazu kommt – etwa aufgrund einer Stoffüberlieferung –, finden wir mit unseren langjährigen Partnern eine Lösung, die für alle stimmt. Unser Outlet-Store in Balgach ist zudem ein guter Abnehmer für solche Situationen.»

Swisstextiles Metzlerhemden

Metzler Hemden produziert für den B2B-Bereich. Ungefähr ein Drittel aller Hemden gehen an den Fachhandel.

Metzler Hemden produziert für den B2B-Bereich. Ungefähr ein Drittel aller Hemden gehen an den Fachhandel.

Metzlerhemden Swisstextiles

Produziert wird in eigenen Standorten in der Schweiz und der Slowakei.

Produziert wird in eigenen Standorten in der Schweiz und der Slowakei.

Das Ende saisonaler Kollektionen?

Auch Unterwäschehersteller Zimmerli erwies sich während der letzten Wochen als handlungsfähig. Seit Anfang Jahr mit einem neuen CEO an der Spitze, steckt das knapp 150-jährige Unternehmen mitten in einem Transformationsprozess.

János Heé

Viele Themen, die uns schon vor der Krise beschäftigt haben, wurden nun von ihr beschleunigt.

«Viele Themen, die uns schon vor der Krise beschäftigt haben, wurden nun von ihr beschleunigt», so János Heé. «Wir möchten unser Profil schärfen und intern Komplexität reduzieren. Dazu gehört auch, dass wir uns fragen, ob wir neben den Essentials tatsächlich zwei Kollektionen pro Jahr brauchen. Für kleine Unternehmen ist das ein grosser Druck.»

Hält es Zimmerli also künftig mit Gucci Creative Director Alessandro Michele, der angekündigt hat, mit dem Zyklus der Fashion Seasons zu brechen? Heé winkt ab: «Das Ende der Saisons ist das nicht – der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis nach Neuem. Das brauchen wir auch, um neue Kunden zu gewinnen. Aber wir denken schon darüber nach, wie zwei Kollektionen pro Jahr mit unserem Nachhaltigkeitsgedanken zu vereinbaren sind. Wir werden also reduzieren und ein Stück herunterfahren. Während der Krise haben wir gemerkt, dass wir damit schneller vorwärtsmachen müssen – die Vorlaufzeit der Mode ist lang. Im Digitalen denkt man in Tagen, in der Mode in Jahren. Nun haben wir eine gute Lösung gefunden. Wie genau das geschehen wird, kann ich derzeit aber noch nicht verraten.»

János Heé

Im Digitalen denkt man in Tagen, in der Mode in Jahren.

Dass man bei Zimmerli den traditionellen Rhythmus der Mode hinterfragt, dürfte auch damit zusammenhängen, dass der saisonale Aspekt im E-Commerce weniger ins Gewicht fällt. Hierin hat der Lockdown den Betrieb weit nach vorne katapultiert: Der April war mit Abstand der umsatzstärkste Monat seit Gründung des Webshops. Die globale Ausrichtung hat den Effekt der Krise abgefedert und dem Betrieb durch die Krise geholfen. Insbesondere, dass keine Abhängigkeit von Waren aus China oder Bangladesch besteht, wirkte entlastend. «Auch im Tessin musste unsere Manufaktur zwischenzeitlich schliessen. Doch als wieder gearbeitet werden durfte, konnten wir die Produktion sofort wieder aufnehmen. Das wäre in China nicht so einfach gewesen. Diese Agilität ist unsere Stärke», so Heé.

Zimmerli Switzerland Swisstextiles

Der Lockdown hat die Onlineverkäufe von Zimmerli auf einen Schlag vervielfacht.

Der Lockdown hat die Onlineverkäufe von Zimmerli auf einen Schlag vervielfacht.

Swisstextiles Zimmerli

Trotz seiner internationalen Ausrichtung ist der Traditionsbetrieb in der Schweiz tief verwurzelt.

Trotz seiner internationalen Ausrichtung ist der Traditionsbetrieb in der Schweiz tief verwurzelt.

Auf die schwierige Situation der Fachhändler reagierte Zimmerli konziliant. Hée erklärt: «Es gibt Fälle, in denen wir den Kunden nicht entgegenkommen können. Etwa, wenn jemand Ware in asiatischen Grössen zurückgeben möchte, die wir in Europa nicht verkaufen können. Doch dann finden wir gemeinsam mit unseren Partnern eine andere Lösung. Wir wollen ja keine Verkaufsflächen mit Ware vollstopfen – das bringt niemandem etwas. Und das gefährliche Spiel der schnellen Sales auf NOS-Ware machen wir nicht mit. Das hat auch mit unserer Einstellung zu tun. Wir produzieren ja alles andere als Massenware.» Um präzise auf den Markt reagieren zu können, stehen Produktion und Vertrieb in engem Austausch. Eine Auswirkung des Lockdown – und ein Gewinn für den Betrieb, der nun von der Flexibilität der einheimischen Produktion profitiert.

Emanuel Forster

Wenn überall Verunsicherung herrscht statt Inspiration, geht nichts voran.

Christian Fischbacher, Jakob Schlaepfer, Metzler und Zimmerli verbindet ein gemeinsames Thema, das weit oben auf ihrer Prioritätenliste steht: Nachhaltigkeit. Ob in der Entwicklung von Recyclingstoffen, der Reduktion von Chemie, Energie und Wasser, der Integration von Öko-Labeln oder der Verwendung griechischer Baumwolle zugunsten kürzerer Transportwege – jedes der Unternehmen verfolgt ehrgeizige Ziele. In diesem Sinn, so Emanuel Forster, stehen Konsum und Nachhaltigkeit durchaus nicht im Widerspruch miteinander. «Es geht nicht um sinnlosen Überkonsum. Wir arbeiten täglich an besseren Produkten, die durchdachter, qualitativer und nachhaltiger sind. Für uns ist nun entscheidend, dass die Läden international wieder öffnen dürfen und beim Shoppen eine angenehme Atmosphäre herrscht. Ohne Läden, ohne Konsum können wir gar nichts machen, das wissen wir spätestens jetzt. Denn auch wenn in unserem Produkt viel künstlerisches Handwerk steckt, ist es letztlich doch ein Konsumgut. Im Moment ist zwar ein anderer Lebensstil gefordert, aber Genuss ist auch wichtig! Wenn überall Verunsicherung herrscht statt Inspiration, geht nichts voran.»

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