Mirjam Matti Gähwiler — 22.04.2021

Die Corona-Pandemie hat die Schweizer Textilbranche stark getroffen. Eine von Swiss Textiles durchgeführte Umfrage zeigt einen drastischen Rückgang der Investionen. Dabei müsste man doch gerade in der Krise innovativ bleiben. Wir sprachen mit Dr. Jan Zimmermann, zuständig für Industry Relations an der ETH Zürich, wie er die Textilbranche Schweiz wahrnimmt und welche Chancen und Herausforderungen er sieht.

In Ihrer Tätigkeit haben Sie einen guten Überblick, was in der Branche läuft. Was sind derzeit die grossen Treiber?

Die Nachhaltigkeit ist schon länger das grosse Thema, dem sich alle Unternehmen stellen müssen. Da werden bedeutende Umwälzungen auf uns zukommen. Gerade die Modebranche mit den grossen Brands hat inzwischen gemerkt, dass dieses «immer mehr und immer schneller» nicht mehr aufgeht. Es wird eine Entschleunigung geben.

Ein weiteres Thema, das wir auch schon länger kennen, ist die Digitalisierung. Und durch die Pandemie ist sie nochmals stark in den Fokus gerückt. Ich muss hier klar sagen: Digitalisierung ist für jede Firma etwas anderes. Jede und jeder muss für sich die Frage beantworten, wo er die Chancen der Digitalisierung nutzen kann. Das kann beispielsweise im Design das digitale Herstellen von Prototypen sein, in der Administration die vollständige digitale Buchhaltung oder bei Produkten, bei denen es auf der ganzen Welt Schulungen braucht, eine Schulungs-App und Videos anstelle von physischen Ausbildungskursen. Es gibt eine enorme Vielzahl von Digitalisierungsmöglichkeiten entlang der ganzen Lieferketten. Die ETH hat zusammen mit der EPFL das Swiss Data Science Center ins Leben gerufen, um die Firmen auf ihrem Weg zur Digitalisierung zu unterstützen.

Wo sehen Sie die Schweizer Firmen besonders gefordert?

JZ: Ich muss dazu sagen, dass es natürlich keine einfachen Zeiten für die Schweizer Firmen sind. Viele der KMU in der Schweizer Textilbranche haben eine lange Tradition, sind über mehrere Generationen inhabergeführt. Die Generation, die heute am Werk ist, hat einem enormen Wettbewerb standzuhalten und braucht alleine schon, um den Status quo aufrechtzuerhalten, das volle Engagement.

Die Elektronikbranche und die Textilbranche sind komplett anders aufgestellt. Hier müssen sich erst neue Prozesse und Schnittstellen etablieren.

Und dann verlangt der Markt ständig nach Innovationen?

Ja genau. Innovation ist ein trockenes Brot, das man kauen muss. Die Komplexität wird oft unterschätzt. Innovation kann man meist nicht einfach einkaufen und dann implementieren. Wer neue Wege gehen will, muss sich dem voll verschreiben, die ganze Organisation hinter sich stellen, bereit sein, die Ressourcen einzusetzen und einen langen Atem haben. Und wer investiert, hat keine Garantie, dass sich dies einmal auszahlen wird. Da gehört wirklich eine grosse Portion Mut dazu.

Grosse Technologiekonzerne haben das Interesse an textilen Produkten, Smart Textiles entdeckt. Wo stehen wir?

Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass intelligente Textilien, ob in der Bekleidung oder in industriellen Anwendungen, ein enormes Potenzial haben – aber bis zum grossen Durchbruch ist es noch ein langer Weg. Die Entwicklung und Herstellung von Smart Textiles ist weitaus komplizierter, als wir am Anfang angenommen haben. Es treffen hier zwei Branchen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Elektronikbranche und die Textilbranche sind komplett anders aufgestellt. Hier müssen sich erst neue Prozesse und Schnittstellen etablieren. Die Techfirmen unterschätzen hierbei gerne den hohen Reifegrad der Textilproduktion. Man kann in dieses hocheffiziente, aber komplexe System nicht einfach beliebig eingreifen. Aus textiler Sicht hingegen wird häufiger der Fehler begangen zu denken, man könne neben einer gängigen Textilproduktion quasi nebenbei noch Smart Textiles produzieren. Smart-Textile-Produzent «im Nebenberuf» funktioniert aber nicht, dafür ist das Thema zu komplex.

Im Ausland gibt es bereits Textilfirmen, die sich voll und ganz auf die Produktion von Smart Textiles ausgerichtet haben und sich erfolgreich positioniert haben. Sie sind damit natürlich ideale Partner für die Technologiekonzerne, weil sie sich bereits in den Prozessen aufeinander abgestimmt haben. Auch die Spin-off-Firmen der ETH setzen natürlich alles auf eine Karte.

Heute wird bereits während des Studiums in interdisziplinären Teams an komplexen Fällen gearbeitet. Ich wünsche mir, dass die Firmen offener sind gegenüber diesem Nachwuchs.

Sie waren selbst in der Textilbranche tätig, jetzt bei der ETH Zürich. Wo klappt die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung und wo könnte man noch verbessern?

Für mich hat die Schweiz zwei enorme Vorteile:
Erstens haben wir in diesem Land eine hohe Dichte an qualitativ gut ausgebildeten Menschen. Welchen beruflichen Weg auch immer jemand eingeschlagen hat, ob im dualen oder akademischen System, er oder sie bringt einen grossen Rucksack mit. Ich sehe, dass die von KMU geprägte Textilbranche dieses Potenzial noch zu wenig nutzt. Gerade was die Abgängerinnen und Abgänger der ETH betrifft. Vielleicht sind es Vorurteile, akademische Ausbildungen seien praxisfern. Das hat sich natürlich in den letzten 20 Jahren unglaublich verändert. Heute wird bereits während des Studiums in interdisziplinären Teams an komplexen Fällen gearbeitet. Ich wünsche mir, dass die Firmen offener sind gegenüber diesem Nachwuchs und sich darauf einlassen, diese top ausgebildeten Leute in ihre Betriebe zu holen und von diesen Impulsen profitieren können.
Zweitens haben wir in der Schweiz eine grosse Unterstützung für Innovationen. Die staatliche Initiative Innosuisse einerseits, andererseits stehen auch bei den Hochschulen, wie beispielsweise auch bei uns an der ETH, die Türen offen, um Ideen und Projekte zusammen mit der Industrie zu initiieren.

In den letzten Jahren sind aus der ETH verschiedene Spin-offs*, die sich mit textilen Anwendungen beschäftigen, entstanden. Ist Textil für Start-ups wieder «in»?

Es ist schon eher Zufall, dass all diese Firmen sich auf Lösungen, die mit Textil zu tun haben, konzentrierten. Es gibt ja keine eigentliche Textilforschung an der ETH Zürich. Die Spin-offs oder Forschungsinitiativen kommen aus der Architektur, Computerwissenschaften, Biotechnologie oder Sportphysiologie. Entweder haben diese im Zuge ihrer Forschungstätigkeit eine Anwendung für Textil entdeckt, oder sie haben Textil als geeignetes Material für ihr Produkt gefunden. Auch in der Forschung tut sich einiges, wie zum Beispiel die textilen Betonverschalungen der Block Research Group oder im Bereich des 3D Designs von Kleidungsstücken im Interactive Geometry Lab. Persönlich bin ich natürlich begeistert, dass so viel Textiles an der ETH entsteht.

Artikel zum Thema