Stefanie Hütz — 09.09.2019

Innovation fördern für das Business von morgen – dieses Ziel stand im Mittelpunkt des Zukunftsforums «Kontext Annual». Die ausgebuchte Gemeinschaftsveranstaltung von Swiss Textiles und Design Preis Schweiz Ende August im Kosmos Zürich brachte bei Vorträgen, Ausstellung und Austausch Expertinnen und Experten vielfältiger Fachrichtungen zusammen. Denn, da waren sich alle Protagonisten einig: Innovation braucht Kollaboration, und das über bisherige Branchengrenzen hinaus.

«Die Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft ist tief greifend. Wir müssen anders arbeiten als bisher, offener in unserem Denken sowie risikofreudiger werden, um die künftigen Herausforderungen zu meistern», zeigten sich die Organisatoren Evelyne Roth, kreative Leitung der Plattform Kontext, Michel Hueter, Director & Curator des Design Preis Schweiz, und Mirjam Matti Gähwiler, Head of Communication & PR bei Swiss Textiles, überzeugt. Sie möchten nicht weniger als den «Mindset positiv verändern». Der Titel der diesjährigen Ausgabe von Kontext Annual, die von Michelle Nicol, Mitgründerin der Strategie-Agentur Neutral Zürich, mit spannenden Fragen in die Tiefe moderiert wurde: «The Pursuit of Happiness – Produktinnovation im Kontext der Selbstoptimierung».

Die Referentinnen und Referenten und Initiantinnen und Initanten der KONTEXT Annual 2019
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«Kontext – schon der Name ist doch wie für uns gemacht», begründete Markus Freitag, Inhaber der Freitag lab.ag, seine Teilnahme an der Veranstaltung. «Schliesslich bezeichnen wir uns selbst als Rekontextualisierer. Wir nehmen Sachen aus ihrem Kontext und bringen sie in einen neuen. Das ist bei uns Methode beziehungsweise Markenwert. Aus Lkw-Planen machen wir Taschen, aus Frachtcontainern einen Flagship-Store. Kontext Annual bietet einen guten thematischen Mix über die Textilbranche hinaus. Wenn man immer nur die gleichen Menschen zusammenbringt, kann nicht viel Neues passieren. Ungeplante Begegnungen sind oftmals die, aus denen etwas entsteht. Überhaupt weht bei Swiss Textiles ein frischer Wind, sowohl was das Team als auch die Themen angeht.»

Der interdisziplinäre Mix war nicht nur unter den Teilnehmenden auszumachen. Auch die Referentinnen und Referenten kamen aus unterschiedlichen Disziplinen und beleuchteten das Thema aus ihrer Perspektive.

Markus Freitag, Inhaber Freitag lab.ag

Wenn man immer nur die gleichen Menschen zusammenbringt, kann nicht viel Neues passieren.
Er zog alle in seinen Bann: Dr. Patrick Künzler mit seinem Limbic Chair.
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Über das Hirn zur Happiness

Der karibische Inselstaat Jamaica beziehungsweise der dortige «Hüftschwung» inspirierten den Schweizer Hirnforscher Dr. Patrik Künzler: «Die Menschen haben dort ein anderes Körpergefühl als wir, und das macht sie glücklicher», bemerkte der Arzt, der mehrere Jahre am MIT Media Lab forschte. Er entwickelte einen neuen Designansatz auf Basis der Neurowissenschaften, bei dem der Weg vom Gehirn über den Körper zum Produkt führt. Die erste Innovation seines Unternehmens Limbic Life, die kurz vor der Markteinführung steht, ist der «Limbic Chair». Die patentierte Federung des Stuhls und die Form der Schalen lösen Bewegungen aus, die das Glücksempfinden steigern, demonstrierte der Referent. «Der ‹Limbic Chair› gibt Bürotätigen ihren Körper bei der Arbeit zurück. Die Wirbelsäule ist aufrecht, aber im Flow, der Körper kann spielen. Freier Körper, freier Geist – das ist ideal auch für Kreative. Das Gefühl sinnlicher Schwerelosigkeit kann zudem Älteren den Eindruck früherer Freiheit wiedergeben. Rückenleiden können gemindert oder sogar verhindert werden», machte Dr. Patrik Künzler, der «Ideen für viele weitere Produkte» hat, auf das Potenzial des «Limbic Chair» aufmerksam.

Der «Limbic Chair» durfte in der Ausstellung Kontext Gallery von allen Besucherinnen und Besuchern ausprobiert werden. «Es sind mega-coole Vorträge, noch besser als erwartet. Ich muss unbedingt den ‹Limbic Chair› ausprobieren, der hier gerade vorgestellt worden ist», freute sich Elisa Kaufmann, freischaffende Modedesignerin, die zuvor noch als Womenswear Designerin bei Stella McCartney in London tätig war.

Julia Riedmeier, Projektleiterin INLUX

Luxus wird insgesamt weniger materialistisch definiert.
Julia Riedmeier.
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Streben nach Glück statt Status

Gesundheit, Well-being, Selbstoptimierung – für Konsumentinnen und Konsumenten stehen diese Aspekte heute weit oben auf der Bedürfnisagenda. Sie werden zunehmend als Luxus empfunden, stellte Julia Riedmeier, Projektleiterin beim Münchner Beratungsunternehmen INLUX, die Ergebnisse der neuen Studie «Neo Luxury» vor. «Luxus wird insgesamt weniger materialistisch definiert», unterstrich die Consulterin. So werde Zeit für Freunde und Familie zu einem hohen Gut, während traditionelle Insignien wie das teure Auto an Stellenwert verlieren. Haben klassische Luxusanbieter künftig überhaupt noch eine Chance? «Ja», meint Julia Riedmeier, «wenn sie sich verändern.» In diesem Zusammenhang schwärmte sie von einem hochwertigen Boutiquehotel in Kambodscha, dem «Jaya House River Park», das mit der Herzlichkeit seiner Mitarbeitenden sowie sozialem und ökologischem Engagement punkte. Es sei unter anderem plastikfrei ausgerichtet und übernehme Verantwortung für die Community vor Ort, indem Strassenkinder und ihre Familien gefördert werden. «Wenn man hier Urlaub macht, hat man das Gefühl, Gutes zu tun und Teil von etwas Besonderem zu sein.» Ohnehin gehört Nachhaltigkeit in die neue Luxuskategorie und auch Individualisierung und Co-Creation gewinnen als Formen von Exklusivität an Bedeutung. «Die Konsumentin, der Konsument möchten involviert sein», betonte Julia Riedmeier. Persönlich betrachtet sie «absolute Ruhe, zum Beispiel bei Yoga und Meditation» als Luxus.

Wie transformieren die Teilnehmenden das Gesagte in ihre Arbeit? «Ich bin hergekommen, um mein Gehirn neuen Inputs auszusetzen, es quasi neuronal neu zu verdrahten», erklärte Christian Harbeke, CEO der Agentur Nose Design Experience, und ergänzte: «Es überrascht mich positiv, wie konkret die Vorträge sind. Wir sind unter anderem auf den Sektor Eisenbahnzüge spezialisiert. Zur Zukunft des Fernreiseverkehrs ist mir anhand der vorgestellten Neo-Luxury-Studie nochmals deutlich geworden, wie wichtig das Thema Ruhe für die Menschen ist.»

Christian Harbeke, CEO Nose Design Experience

Es überrascht mich positiv, wie konkret die Vorträge sind.

Hoch im Kurs: Hobby und Haustier

Analog dazu bezeichnete sich Namhee Lee, Chief Trend Researcher bei FaDI (Korea Research Institute For Fashion and Distribution Information), privat als «Home Ludens». Damit liegt sie voll und ganz im Trend ihrer Landsleute, die weltweit als Early Adopter von Veränderungen gelten, insbesondere in der Megacity Seoul. «Home Ludens» – der Begriff steht für «zu Hause spielen». Sich in der Freizeit mit Menschen zu umgeben, empfinden viele Südkoreaner als zu anstrengend. Sie pflegen stattdessen Hobbys in den eigenen vier Wänden – von Handarbeit bis Heimtraining –, und holen sich mit VR-Brillen das Leben ins Haus. Die Folge: Delivery Services boomen, ebenso Produkte für Singlehaushalte, die 30 Prozent Anteil haben. Hobby- und Haustiermarkt entwickeln sich gleichermassen positiv. Namhee Lee berichtete beispielhaft von einem Aboservice, der monatlich neue Spielsets für Hunde liefert. Hoch im Kurs stehen ihr zufolge auch nachhaltige Produkte, darunter «Mikrofarmen» für die Wohnung, in denen Algen produziert werden. Denn diese absorbieren höchst effizient CO2 und Feinstaub – die hohe Luftverschmutzung ist schliesslich ein Thema in Seoul. Die transluzenten, mit den grünen Algen gefüllten «Miniaquarien» sind zudem dekorativ, ganze Wände lassen sich damit gestalten.

Namhee Lee.
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Nachhaltig in Mode und Textil

Was brauchen wir wirklich? Diese Frage ging der Gründung der Taschen-Marke Qwstion mit Designbüro in Zürich voraus. Fünf Freunde, darunter der Industriedesigner Christian Paul Kaegi, wollten den allgegenwärtigen Kunststoffprodukten am Markt etwas entgegensetzen. Ihre neueste Materialantwort heisst «Bananatex» und ist als Open-Source-Projekt konzipiert. «Wir möchten auch andere Firmen dazu ermutigen, das robuste, fein strukturierte Gewebe zu verwenden und Plastik zu verbannen», warb Christian Paul Kaegi. Hinter Bananatex verbirgt sich die Bananenstaude Abacá, eine wild wachsende Pflanze, die ohne zusätzliches Wasser und ohne Pestizide gedeiht und bei der Aufforstung ehemaliger Palmölplantagen eine wichtige Rolle spielt.

Nachhaltig präsentiert sich auch das Headquarter von Qwstion im österreichischen Reith. «Es wurde aus Vollholz gebaut und produziert mehr Energie als es verbraucht», erklärte der Creative Director, und zeigte Fotos der dortigen Atmosphäre. Auf einem Bild zu sehen: Mitarbeitende, die barfuss und in kurzen Hosen auf dem Boden sitzend miteinander diskutieren. Ungezwungene Lässigkeit ist demnach eine Innovationen fördernde Strategie im Unternehmen Qwstion.

Christian Paul Kaegi, CEO/Founder Qwstion

Wir möchten auch andere Firmen dazu ermutigen, das robuste, fein strukturierte Gewebe zu verwenden und Plastik zu verbannen.
Christian Paul Kaegi.
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So küsst einen die Muse

Was zum Vortrag von Marcel Aeschlimann überleitet. Der Managing Partner und Verwaltungsratspräsident der Innovationsfabrik Creaholic mit Sitz in Biel stellte seine «Do’s» zur Ideensteigerung vor. Möglichst viele Musen um sich zu haben, ist eine davon. Das 65-köpfige Mitarbeiterteam von Creaholic ist deshalb bewusst vielfältig zusammengesetzt. «Wir beschäftigen Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen.» Jeder Mitarbeitende kann sich 100 Stunden im Jahr Zeit nehmen, um innovativ zu sein – nach Vorstellung seiner Idee wird entschieden, ob mehr daraus wird. Träumen und sich etwas trauen, zählt zu den Empfehlungen Aeschlimanns. Ebenso wie die, «hinter das Offensichtliche zu blicken». Was mit Unwissenheit manchmal leichter fällt als mit Fachwissen, weshalb für Erfindungen mitunter beides nötig sei. Bestes Beispiel: Ein Uhren- und ein Holzingenieur aus dem Unternehmen Creaholic erreichten eine Revolution in der Medizintechnik, auf ihre Lösung wäre ein Medizinspezialist möglicherweise nicht gekommen. Auf die Frage von Michelle Nicol, was denn seine beste Idee war, antwortete Marcel Aeschlimann: «Sie wird morgen kommen.» Denn auch das ist sein Credo: dass man niemals aufhören sollte, innovativ zu sein.

Mars Aeschlimman.
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So sieht es auch Vera Gail, Innovation Manager Smart Textiles der Schoeller Textil AG: «Kontext Annual bietet die Möglichkeit, sich ausserhalb des gewohnten Umfelds zu bewegen. Für Innovationen ist der Austausch mit anderen Industrien wichtig. Man braucht verschiedene Perspektiven und muss mit neuen Themen in Berührung kommen. Genau das finden wir hier. Als Aussteller von Kontext Gallery erhoffen wir uns zudem, Interessenten oder vielleicht sogar Partner für unsere Produktneuentwicklung zu gewinnen. Wir haben ein Golfshirt konzipiert, das wie ein Trainer fungiert. Ziel ist es, den Abschlag zu verbessern. Dafür sind im Bereich Schulter Sensoren in das Textil integriert. Mittels Vibrationssignalen an Schulter und Rücken wird der Träger darin unterstützt, die richtige Abschlagposition zu finden.»

Austausch über Smart Textiles: Vera Gail von Schoeller Textil AG erklärt Guy Papstein von Swisscom AG wie das Sensorshirt im Golfsport eingesetzt wird.
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Cécile Feilchenfeldt, die Textildesignerin, die mit dem Schweizer Grand Design 2018 ausgezeichnet wurde, ist Mitglied des Kontext-Maker-Workshops, der die Kontext-View-Veranstaltungen vorbereitet und die Themen dafür lanciert: «Ich finde das Konzept genial und möchte es mit meiner Teilnahme unterstützen. Wir benötigen unbedingt Innovation, und gerade die Schweiz hat ein Riesenpotenzial.»

Zeit Fragen zu stellen - Cécile Feilchenfeldt hatte einige Fragen an die Referentinnen und Referenten.
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Weitere Impressionen

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Führte kompetent durch die Veranstaltung: Michelle Nicol, Mitgründerin der Strategie-Agentur Neutral Zürich

Führte kompetent durch die Veranstaltung: Michelle Nicol, Mitgründerin der Strategie-Agentur Neutral Zürich

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Mirjam Matti, Michel Hueter und Evelyne Roth begrüssen mit Moderatorin Michelle Nicol die Teilnehmenden im ausgebuchten Kinosaal.

Mirjam Matti, Michel Hueter und Evelyne Roth begrüssen mit Moderatorin Michelle Nicol die Teilnehmenden im ausgebuchten Kinosaal.

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In der KONTEXT Gallery wurden Produkte und Projekte passend zum Thema ausgestellt.

In der KONTEXT Gallery wurden Produkte und Projekte passend zum Thema ausgestellt.

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Markus Freitag testet den Limbic Chair.

Markus Freitag testet den Limbic Chair.

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Catarina Dahlin von Dagsmejan Ventures erklärt das Konzept hinter der funktionalen Schlafbekleidung. Dagsmejan ist nominiert für den Design Preis Schweiz.

Catarina Dahlin von Dagsmejan Ventures erklärt das Konzept hinter der funktionalen Schlafbekleidung. Dagsmejan ist nominiert für den Design Preis Schweiz.

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Nora Urscheler im Gespräch über ihr Projekt SO MALE

Nora Urscheler im Gespräch über ihr Projekt SO MALE

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SO MALE ist ebenfalls nominiert für den Design Preis Schweiz.

SO MALE ist ebenfalls nominiert für den Design Preis Schweiz.

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Priscille Jotzu erklärt ihre Forschungsrbeit SMELL FORWARD. Ebenfalls nominiert für den Design Preis Schweiz.

Priscille Jotzu erklärt ihre Forschungsrbeit SMELL FORWARD. Ebenfalls nominiert für den Design Preis Schweiz.

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Die Designerin Stefanie Thalmann und Journalistin Franziska Kessler erforschen SMELL FORWARD.

Die Designerin Stefanie Thalmann und Journalistin Franziska Kessler erforschen SMELL FORWARD.

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Schweizer Taschen-Pioniere unter sich: Christian Paul Kaegi und Markus Freitag.

Schweizer Taschen-Pioniere unter sich: Christian Paul Kaegi und Markus Freitag.

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