Jeroen van Rooijen — 04.10.2019

Die weltbekannte Textilmarke Jakob Schlaepfer gehört seit bald vier Jahren zur St. Galler Forster Rohner Gruppe. Mit einem Fokus auf die kreative Teamleistung wird das nächste Kapitel der über 100-jährigen Geschichte des Unternehmens aufgeschlagen.

Seit 115 Jahren beliefert die Firma Jakob Schlaepfer von St. Gallen aus die Welt der Mode mit fantasievollen, ausdrucksstarken Stoffen für die Haute Couture und gehobene Prêt-à-porter. Typisch für die Arbeit der Textilmarke sind exklusive Kreationen, die oft nicht nur punkto Design, sondern auch technisch neue Wege gehen. Mit diesem Mix gehört Jakob Schlaepfer weltweit zur absoluten Spitze. Rund 1200 neue Ideen verlassen jedes Jahr die Ateliers in St. Gallen – zu den Kunden gehören Weltmarken wie Chanel oder Louis Vuitton, Avantgardisten wie Comme des Garçons oder Vivienne Westwood, Klassiker wie Ralph & Russo oder Newcomer wie Talbot Runhof.

Die Geschichte von Jakob Schlaepfer ist reich an Turbulenzen und Zäsuren – die jüngste liegt knapp vier Jahre zurück, als die St. Galler Filtex-Gruppe die Marke an den Stickereispezialisten Forster Rohner verkaufte. Seit 1997 war Jakob Schlaepfer Teil von Filtex. Durch den Verkauf an Forster Rohner wurde Jakob Schlaepfer nicht nur Teil einer viel grösseren Unternehmensgruppe, sondern zog auch vom Westen der Stadt in den Osten um, wo die Marke nun als eigenständige AG unter dem Dach von Forster Rohner geführt wird.

Mit dem adaptierten Tintenstrahl-Textildrucker, der mit Silikon arbeitet, schafft Jakob Schlaepfer dreidimensionale Strukturen. Unten: Bestellungen für Pailletten in der Produktion.
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Für Emanuel Forster, der seit 2007 zusammen mit seiner Schwester Caroline für die Geschicke der Forster Rohner verantwortlich ist, war die Option, Jakob Schlaepfer zu übernehmen, ein Glücksfall. «Jakob Schlaepfer passt sehr gut in unsere Gruppenstrategie – mehrere, sich ergänzende Marken unter dem Dach einer Gruppe», sagt Forster. Dabei geht es sowohl um das Marktsegment, das Jakob Schlaepfer bedient, um die Kreativität des Hauses wie auch um die typischen Materialien der Marke. Zum erweiterten Portfolio der Gruppe gehören Forster Willi, Interspitzen und Forster Rohner.

Bei der Übernahme von Jakob Schlaepfer ging es für die neuen Eigentümer aber nicht nur um die Integration der weltbekannten «Perle», sondern auch um einen Generationenwechsel im Kreativstudio. Denn nur kurz nach dem Umzug erfolgte die ordentliche Pensionierung von Creative Director Martin Leuthold, der 44 Jahre lang für die Firma tätig war. «Martin Leuthold ist ein wichtiger Teil der Geschichte von Jakob Schlaepfer, er war das Aushängeschild und die Identifikationsfigur», sagt Emanuel Forster. Mit Leuthold schied ein scheinbar unverzichtbarer Mitarbeiter aus dem Unternehmen aus – der kreative Ostschweizer verkörperte für viele nicht weniger als die Seele der Marke.

Die Forster Rohner Gruppe beschloss, das Vakuum nicht mit einer Neubesetzung zu füllen, sondern die Teamleistung, die in jedem Textilunternehmen letztlich das entscheidende Moment darstellt, zum neuen «Motor» der Marke Jakob Schlaepfer zu machen. «Wir wollten keine einzelne Person mehr in den Fokus rücken, sondern die kreative Leistung der Firma als das darstellen, was sie ist: das Ergebnis eines Kollektivs», erklärt Emanuel Forster. Und so sind die einst bei einer einzigen Person gebündelten Verantwortungen heute auf viele Schultern verteilt. «Für die Stabilität der Firma ist das gut, und das Selbstbewusstsein des Kreativteams wächst auch», resümiert Emanuel Forster.

Das fast komplette Kreativteam im Designstudio von Jakob Schlaepfer in St. Gallen. In der Mitte CEO Emanuel Forster.
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So leitet Grace Lomas, die am renommierten Central Saint Martins Collage in London Textildesign studierte, im Atelier den Bereich Stickerei und Pailletten. Rahel Flury und Yvonne Gradl, beide zwei langjährige Mitarbeiterinnen des Ateliers, teilen sich im Jobsharing die Leitung Handarbeiten und Spezialmaschinen. Eva Günter, bis vor einem Jahr rechte Hand der weltbekannten Fashion-Designerin Mary Katrantzou in London, leitet die Druckabteilung des Ateliers. Und Bernhard Duss zeichnet sich wie bereits in der Vergangenheit im Atelier für die Decor-Sparte von Jakob Schlaepfer verantwortlich. Claudia Schreiber stellt sicher, dass die Kollektion eine einheitliche, aussagekräftige Farbaussage bekommt.

Administrativ koordiniert wird das Designstudio von Moritz Ahrens, der Schnittstelle zwischen Mutterhaus, Technik und Kreativabteilung ist. Er hat in Hamburg Modedesign studiert, einen Master in Multichannel Trade Management gemacht und später bei Hussein Chalayan in London gearbeitet. Ahrens versteht als «Kreativer mit Business-Ader» die Bedürfnisse der Designer und jene des Unternehmens. «Es geht mir sicher auch darum, eine Balance zwischen kreativer Unruhe und unternehmerischer Contenance zu finden», sagt der Norddeutsche. Denn die Kreativleistung ist nicht nur eine Teamarbeit, sondern auch immer das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Technik, Kunden und externen Lieferanten.

Musterlaschen der Kollektion von Jakob Schlaepfer.
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Jakob Schlaepfer arbeitet saisonal mit vier Themen, die zeitgeistige Impulse und Farbwelten abbilden. «Wir müssen unter diesem Label immer wieder neu das Aussergewöhnliche leisten», sagt Emanuel Forster, «dazu sind drei Kriterien ausschlaggebend: die Designidee, das Material und die verwendete Technik. Es kann also nicht einfach eine gestickte Paillette sein, sondern sie muss dreidimensional, bedruckt oder anderswie manipuliert sein.» So entstehen meistens sehr intensive und auffällige Stoffe, die für sich betrachtet schon reife Kunstwerke sind – ohne dass ein Modemacher auch nur eine einzige Schnittlinie darin platziert hat.

Einen erheblichen Teil des Erfolgs von Jakob Schlaepfer trägt nicht nur die eigene Kollektion bei, sondern auch die kundenspezifischen Entwicklungen, die in St. Gallen entstehen. Wer durch die Ateliers und Produktionshallen geht, stösst alle paar Meter auf weltbekannte Markenzeichen. Das Kreativteam übernimmt von diesen Häusern Impulse und Themen und erarbeitet, teilweise in wenigen Tagen und Wochen, passende textile Lösungen.

Galerie: Impressionen aus der Produktion bei Jakob Schlaepfer in St. Gallen.

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Dabei geht es – wie so oft im Textilen – nicht nur um die Entwicklung eines neuen Produkts, sondern auch um die dazugehörenden Techniken und Maschinen. Hierfür hat das Mutterhaus Forster Rohner nicht nur die entsprechende Erfahrung, sondern auch ein weltweites Netzwerk an Produktionsstätten. «Jakob Schlaepfer kann durch die Integration bei uns sehr viel mehr intern machen und so eine bessere Wertschöpfung erzielen», sagt Emanuel Forster. Die eigene Produktion wurde spürbar vergrössert, so der CEO: «Wir machen mehr und mehr inhouse, das ist generell unsere Philosophie.»

Nicht nur unternehmerisch und strategisch scheint Jakob Schlaepfer das neue Mutterschiff zu bereichern, sondern auch kreativ. Durch die Integration der 50 Mitarbeitenden an der Flurhofstrasse weht ein neuer Wind im Unternehmen. Und Designer, die auf Ideensuche bei Forster Rohner haltmachen, können sich gleich in mehreren Musterkollektionen bedienen. So finden sich in der aktuellen Herbst-/Winter-Kollektion von Rei Kawakubo für Comme des Garçons in einem Outfit vereint Stoffkreationen von Jakob Schlaepfer und Forster Rohner. Die Unterschiede erkennt freilich nur der Insider. Emanuel Forster soll es recht sein: «Es ist der Charakter unserer Branche, sich zurückzuhalten, denn wir sind Zulieferer.» Wenn eine Chanel-Show stattfinde, dann ginge es eben ganz um Chanel – «und nicht um die Frage, welche Stoffe nun von Jakob Schlaepfer oder Forster Rohner sind.»

Vieles an den textilen Kreationen von Jakob Schlaepfer ist zeitraubende Handarbeit.
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Emanuel Forster

Wir machen mehr und mehr inhouse, das ist generell unsere Philosophie.

JAKOB SCHLAEPFER AG

Die Geschichte der Jakob Schlaepfer AG beginnt 1904 mit der Gründung der Stickerei Rudolf Vogel, in die vier Jahre später Jakob Schläpfer eintritt – die Firma wird später in Vogel & Séquin umbenannt. 1934 übernimmt Jakob Schläpfer das Unternehmen ganz und gibt ihm seinen Namen, allerdings mit einem internationalen «ae». 1945 steigt sein Sohn Robert ein, 1950 zeigt die Firma seine erste Prêt-à-porter-Kollektion. 1957 bekommt die Firma ihr unverkennbares Logo, den stilisierten Pfau. 1963 kauft das Unternehmen ein Weltpatent für industrielle Paillettenstickerei auf Schifflistickmaschinen – Pailletten werden fortan zum «Markenzeichen» von Jakob Schlaepfer, die Spezialitäten immer mehr auf die Bedürfnisse der Haute Couture abgestimmt. Mitte der 1990er-Jahre, die Firma gewinnt in aller Welt reihenweise Designpreise, wird Jakob Schlaepfer an von Meiss & Bolte verkauft, nur zwei Jahre später an die Textilgruppe Filtex. 2004, zum 100. Geburtstag des Unternehmens, zeigt das Landesmuseum Zürich die Ausstellung «Bling Bling – Traumstoffe aus St. Gallen». 2013 wird der langjährige Kreativchef Martin Leuthold mit dem Schweizer Grand Prix Design für sein Lebenswerk geehrt. 2016 kauft die Forster Rohner Gruppe in St. Gallen die Marke Jakob Schlaepfer und führt sie als eigenständige AG weiter. Das Atelier wird nach der Pensionierung von Martin Leuthold als Kollektiv geführt. Im September 2019 gewinnt das Team von Jakob Schlaepfer den Premier Vision Award Imagination Prize 2019, die weltweit renommierteste Auszeichnung des Textildesigns.

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