Jeroen van Rooijen — 20.06.2019

Mit ihrem Entwurf für «Zierstiche» auf den Sichtschutzvorhängen eines Schulhaus-Neubaus im Baselland setzt die Künstlerin Esther Ernst auf textile Kunst am Bau. Umgesetzt wird das Projekt von Bischoff Interior in St. Gallen.

Der Kanton Basel-Landschaft baut für die Zukunft. So entsteht in Laufen für rund 40 Mio. Franken ein neues Schulhaus für die Sekundarstufe, 2020 soll es bereit stehen. Es wird offen, hell und transparent wirken. Als Bezugspunkt und formale Inspiration für den modernen Bau mit gezacktem Shed-Dach diente dem Zürcher Architekt Thomas Fischer das nahe Industriequartier. Das viele Glas, das fürs «Atelier Himmelsicht» (Projektname) verbaut wird, soll den Blick für die Umwelt öffnen und in die Ferne schweifen lassen. Für die notwendige Privatsphäre sorgen grossflächige, bewegliche Sichtschutzvorhänge zwischen Lernlandschaft und Klassenzimmer im Inneren des Schulhauses.

Rendering des Schulhaus-Neubaus Laufenthal. (Bild: Baselland.ch)
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An diesen textilen Elementen des Bauwerks setzt das Projekt «Zierstiche» von Esther Ernst an. «Der hohe Glasanteil sowie das regional abgestimmte Material- und Farbkonzept des Neubaus der Sekundarschule Laufen brachten mich auf die Idee, ausgewählte Vorhänge im Inneren des Schulhauses mit Zeichnungen zu besticken», sagt die in Berlin und Therwil lebende Künstlerin. Esther Ernst beschreibt ihre Skizzen, die sich inhaltlich um den (Schul-) Alltag der SchülerInnen bewegen, als «kleine Geflechte aus unterschiedlichen Alltagsschnipseln». Sie verbinden «die innere Welt der Emotionen und Reflexionen mit der gegenständlichen und wiedererkennbaren äusseren Welt», so die Künstlerin.

Motiv «Kuss» aus den «Zierstichen» von Esther Ernst. (Bild: Esther Ernst)
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Der Vorschlag gefiel der Jury für die Kunst am Bau, sie lobte den «überzeugenden, atmosphärischen Mehrwert zur geplanten Architektursprache». Esther Ernst bekam einstimmig den Zuschlag und ist seither damit beschäftigt, ihre Skizzen grossformatig auf Textilien zu übertragen. Dies geschieht mit Hilfe der St. Galler Stickerei Bischoff Interior AG, welche über das nötige Know-how für die Umsetzung verfügt. Eine Besondere Herausforderung sind dabei die Materialbreite von 300 cm und Höhe von über 250 cm, so Gianni Silvestri, CEO von Bischoff Interior: «Ein vergleichbares Projekt haben wir noch nie realisiert, und ich meine sogar, dass auch anderswo noch nie ein Stickprojekt in einer solchen Grösse maschinell produziert wurde.»

Gestickt werden die Skizzen auf den matten Dekostoff «Tim 300» des dänischen Herstellers Kvadrat. Der Trägerstoff ist aus 100% Trevira, als Stickgarn wir zweiseitig ein matter Polyesterfaden in bis zu 19 Farben verwendet, so Silvestri. «Da die Vorhänge im Schulhaus beidseitig einsehbar und somit auch gestaltet sein sollen, haben wir uns für die applikationsfreie Direktstickerei entschieden», erklärt Künstlerin Esther Ernst. Diese Sticktechnik, die mit gleichem Fadenverbrauch auf Vorder- und Rückseite des Stoffes arbeitet, garantiert eine zweiseitige, jeweils spiegelverkehrte Stickerei. Dazu sticken die Maschinen bei Bischoff Interior sowohl Steppstiche wie auch lange glänzende Plattstiche, Schrägstiche und flächendeckende Geflechte.

Produktion des Motivs «Affe» bei der Bischoff Interior AG. (Bild: Esther Ernst)
Produktion Stickerei Bischoff Vorhang Affe

Künstlerin Esther Ernst ist von den Fähigkeiten der Bischoff Interiors AG angetan. «Gianni Silvestri zeigte mir bereits beim ersten Treffen das Näh- und Stickatelier in St. Gallen und Diepoldsau», so Ernst. Wichtig sei dabei gewesen, rasch eine gemeinsame Sprache und Arbeitsweise zu finden. Dann ging man sogleich an die Maschinen. «Während einer langen Testphase probierten wir verschiedenen Sticktechniken, Stichdichten und Längen aus, um die beidseitige und gleichwertige Stickerei ohne Applikationen geschmeidig auf den Vorhang zu bekommen, ohne den Faltenwurf dabei zu beeinträchtigen», sagt Ernst.

Besonders beeindruckt hat die Künstlerin auch, dass es dem Team von Gianni Silvestri gelang, «den zeichnerischen Gestus in der Stickerei beizubehalten.» Denn letztlich gelte für dieses wie für viele andere gestalterische Dinge im Leben: «Man braucht ein motiviertes und erfahrenes Team, das Lust und Ausdauer hat, neue Entwicklungen in Angriff zu nehmen, Ideen auszuprobieren und gemeinsame Wege zu gehen», so Esther Ernst.

Detailaufnahme des gestickten Motivs «Falter» von Esther Ernst. (Bild: Esther Ernst)
Aus Der Produktion Vorhang Falter Detail

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