Jasmin Schmid — 09.11.2018

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage — Die mit dem globalen Handelskonflikt verbundenen Unsicherheiten wirkten im zweiten Quartal bremsend auf die globale Investitionstätigkeit. Die industrielle Produktion sowie der Handel mit Investitionsgütern haben auf hohem Niveau etwas an Schwung verloren. Die Exportaufträge verrin­gerten sich. In der Eurozone ging die Exportaktivität zurück und führte so zu einem stagnierenden Wachstum von 1.5 Prozent (annualisiert). Insgesamt entwickelte sich das Weltwirtschaftswachstum robust mit 3.6 Prozent. Angetrieben durch die Steuersenkungen beschleunigte sich das US-Wachs­tum. Die lockere Fiskalpolitik und der starke Dollar vergrösserten allerdings das Handelsdefizit und wirkten gegen die Ziele der protektionistischen Zollpolitik der US-Regierung. Chinas BIP liess sich im zweiten Quartal davon noch nicht beeinflussen (6.7 Prozent). Japan fand indessen auf den Erholungspfad zurück. (Quelle: Weltbank)

Im Gegensatz zur Eurozone profitierte die Schweizer Konjunktur im zweiten Quartal von einer starken Auslandsnachfrage. Dies wohl auch nicht zuletzt wegen der damalig günstigen Wechselkurssituation. Die verarbeitende Industrie löste den Dienstleistungssektor als stärksten Wachstumsmotor des Schweizer BIP, das mit 0.7 Prozent kräftig wuchs, erneut ab. Der private Konsum und die Investitionstätigkeit gingen etwas zurück. Bei Letzterer soll der Rückgang allerdings nur von kurzer Dauer sein. Es bestehen Anzeichen, dass sich die dynamische Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes künftig etwas verlangsamen könnte. Daraufhin deuten die Exporte, die sich im dritten Quartal erstmals seit eineinhalb Jahren um 2.9 Prozent verringert haben (Quellen: Seco, KOF, EZV).

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Zum Jahresauftakt erlebte die Textil- und Bekleidungsindustrie einen Boom. Die Unternehmen konnten überdurchschnittlich viele Aufträge akquirieren und die Kapazitätsauslastung befand sich mit über 84 Prozent auf Rekordhoch. Das dritte Quartal deutet nun auf eine Normalisierung hin. Die Auftragslage hat sich nach einem Tauchgang im zweiten Quartal stabilisiert und die Kapazitätsauslastung verringerte sich um ein paar Prozentpunkte. Gleichzeitig blieb aber die Bewertung der Geschäftslage auf höchstem Niveau. Die Exporte verzeichnen sowohl im Textil- als auch im Bekleidungsbereich zwar etwas weniger kräftige, aber stets positive Wachstumsraten mit 2.1 bzw. 16.1 Prozent. Die Arbeitslosenquote befindet sich Ende September bei 2.7 Prozent und im Vergleich zur Vorjahresperiode kam es im zweiten Quartal gar zu einem kleinen Beschäftigungsanstieg um 2.0 Prozent. Der Aufschwung hielt vorerst an.

Kapazitätsauslastung (in Prozent)
Kapazitaetsauslastung

Die Kapazitätsauslastung der Textil- und Bekleidungsindustrie konnte den Spitzenwert von über 84 Prozent nicht halten und sank im dritten Quartal in Richtung 80-Prozent-Marke. Dagegen verläuft die Entwicklung der Kapazitätsauslastung der Gesamtindustrie seit Ende 2016 in langsamen Schritten, aber kontinuierlich nach oben.

Geschäftslage (Saldo)
Geschaeftslage

Bei der Bewertung der Geschäftslage zeichnet sich seit Jahresauftakt bei den Textil- und Bekleidungsunternehmen ein Seitwärtstrend ab. Im September bewerteten über 90 Prozent der Unternehmen die Geschäftslage als gut oder befriedigend. Damit befindet sich die Geschäftslage im Vergleich zu den letzten vier Jahren nach wie vor auf einem Rekordhoch. Die Geschäftslage der Gesamtindustrie verhält sich ähnlich, wenn auch etwas weniger volatil und auf tieferem Niveau.

Auftragsbestand (Saldo)
Auftragsbestand

Die Auftragslage der Textil- und Bekleidungs­industrie liegt im 3. Quartal nach wie vor im negativen Bereich, konnte sich allerdings etwas auffangen. Der negative Saldo darf dabei nicht überbewertet werden. 62 Prozent der Unternehmen schätzen die Auftragslage als normal ein. Im Vergleich zur Gesamtin­dus­trie fällt der Unterschied deshalb so gross aus, weil sich der Anteil der «zu grossen» Auftragslage zugunsten der «zu kleinen» Auftragslage in der Textil- und Bekleidungsindustrie verringert hat.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: zu gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren (Quelle: KOF ETHZ).

Tabellen

Aussenhandel

Im 3. Quartal 2018 wurden Textilien im Wert von 309 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Plus von 2.1 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 19.2 Prozent und belaufen sich auf 605 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 16.1 Prozent gestiegen und liegen bei 225 Millionen Franken.

Exporte Textilien, oben Exporte Bekleidung (ohne Rückwaren), unten
Export Textilien
Export Bekleidung
Tabellen3
Tabellen2

Interview zum Konjunkturbericht mit Herrn Bernd Schäfer, CEO Bäumlin & Ernst AG

Nach drei sehr guten Quartalen steht die Textil- und Bekleidungsindustrie den kommenden drei Monaten eher skeptisch gegenüber. Reagiert die Branche übervorsichtig?
Der Markt ist durch die wirtschafts- und geopolitischen Wirrungen sehr volatil. Besonders markant sind zurzeit die Rohgarnpreiserhöhungen für Polyamide, die gemäss Rohstoffproduzenten in der Verknappung einzelner Rohstoffe gründen. Zudem besteht im Markt eine höhere Nachfrage nach technischen Kunststoffen, was den Preis für die textilen Polymere weiter in die Höhe treibt. Eine Beurteilung auf die nächsten drei Monate scheint uns zu kurz gesprungen, um einen Trend ableiten zu können.

Die bäumlin & ernst ag (beag) produziert Garne für die Herstellung technischer Textilien. Technische Textilien sind sehr vielfältig. Wo kommen Ihre Produkte zum Einsatz?
Unsere konduktiven Garne werden hauptsächlich für elektrostatisch ableitende (ESD) Gewebe und Gestricke eingesetzt, die zu Textilien für OP- und Reinraumbekleidung verarbeitet werden. Für den Einsatz von Smart-Textilien bieten wir Kupfergarne mit unterschiedlichen Funktionen an. Einerseits werden sie für RFID-Anwendungen eingesetzt, das heisst, um fälschungssichere Etiketten herzustellen, welche Daten zum Textil und Hersteller beinhalten. Andererseits können diese Metallgarne im Gewebe elektromagnetische Strahlung (EMS) von Funkantennen und Mobiltelefonen abhalten. Zudem können sie als Heizdrähte in Bekleidungstextilien und Teppichen verarbeitet werden.

Die Schweizer Exporte von technischen Textilien gingen nach einer langen Phase des Aufschwungs leicht zurück. Wie entwickelt sich dieser Markt mittelfristig?
Der Einsatz von technischen Textilien befindet sich aus unserer Sicht im Wandel. Zunächst stand die Entwicklung von besonderen Garneigenschaften wie Konduktivität, Abschirmung oder Wärmeleitfähigkeit im Vordergrund. Heute fragt der Markt nach der Möglichkeit, ein technisches Textil digital zu vernetzen. Dabei werden interdisziplinäre Kompetenzen vorausgesetzt, die heute noch nicht alle Hersteller von technischen Textilien bieten können. Die IT-Branche und die Textilindustrie müssen in diesem Bereich noch mehr zusammenfinden, bevor die grossen Entwicklungen greifen können. Aus unserer Sicht handelt es sich um eine Verschnaufpause bzw. um eine Orientierungsphase.

Bernd Schäfer, CEO Bäumlin & Ernst AG
Portrait Bs

Nach dem Handelsstreit verhandeln die EU und die USA über gegenseitige Liberalisierungszugeständnisse. Sehen Sie in dieser Annäherung auch Chancen für die beag?
Ein klares Ja. Die EU ist neben dem Heimmarkt der wichtigste Markt für uns, zumal unsere Kunden zu 75 Prozent in die EU exportieren. Mit dem hoch qualifizierten und innovationsstarken Standort Schweiz profitieren wir von einer starken Wirtschaftsbeziehung zwischen der EU und den USA. Entgegen den Zahlen aus dem Konjunkturbericht, die ein Exportminus von 2.7 Prozent in die USA verzeichnen, konnten wir mit unseren EU-Kunden einen Zuwachs bei Produkten für den US-Markt erzielen.

Das wirtschaftspolitische Klima ist zurzeit mit grossen Unsicherheiten behaftet. Was bereitet Ihnen am meisten Sorgen?
Im Besonderen die weltweit schwelenden Handelskonflikte. Der freie Handel muss dauerhaft geregelt und verlässlich sein. Zölle verteuern die Importe, was zulasten der Wettbewerbsfähigkeit am Standort Schweiz geht. Mit dem Brexit stehen weitere Handelsschwierigkeiten innerhalb der europäischen Wirtschaft bevor. Und die Schweiz muss sich entscheiden, wie sie ihre Interessen gegenüber der EU vertraglich regeln kann, ohne dass die Schweizer Wirtschaft Schaden nimmt. Das Wichtigste aus unserer Sicht ist, dass sich die Schweiz europäisch nicht abkapselt. Dies würde den Handel weiter erschweren.

Wir danken Ihnen herzlich für das Interview.

Ausblick und Erwartungen

Gegenüber dem Jahresbeginn hat sich die Stimmung der Textil- und Bekleidungsunternehmen spürbar gedämpft. Im September revidierte die Branche die Exportentwicklung für die kommenden drei Monate erneut nach unten. Dennoch bleiben Exportaussichten verhalten optimistisch. Am stärksten fielen die Erwartungen in Bezug auf die Margen und die Bestellungen. Rund ein Drittel rechnet mit einer Verschlechterung der Auftragslage. In Bezug auf die Beschäftigung haben die Unternehmen ihre Einschätzung geringfügig nach oben korrigiert, dennoch verbleiben sie im negativen Bereich. Die insgesamt pessimistischere Einschätzung dürfte eine Folge der merklichen Aufwertung des Frankens im Sommer gegenüber dem Euro und der etwas schwunglosen Entwicklung der EU-Wirtschaft sein.

Aufgrund ihrer Einbettung in die globale Lieferkette sowie ihrer hohen Preissensitivität wirken sich internationale Entwicklungen stärker auf die Textil- und Bekleidungsindustrie aus als auf andere Industrien. Sie sind daher auch ausschlaggebend für die Erwartungen der Textil- und Bekleidungsunternehmen. Das verarbeitende Gewerbe der Schweiz revidierte im Gegensatz zur Textil- und Bekleidungsbranche seine Erwartungen nur geringfügig nach unten. Grundsätzlich bewerten die verarbeitenden Schweizer Unternehmen ihre Aussichten weiterhin als sehr günstig. Ein ähnlicher Schluss zieht auch das Seco, das für die kommenden Monate mit einer Verlangsamung der schweizerischen Gesamtindustrie rechnet, dies allerdings auf sehr hohem Niveau. Aufgrund des starken zweiten Quartals wird für das laufende Jahr ein Schweizer BIP-Wachstum von 2.9 Prozent prognostiziert. Gemäss der aktuellsten Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) wird die Geldpolitik vorerst unverändert expansiv bleiben. Bis Ende Jahr wird somit nicht mit grösseren Umwälzungen gerechnet.

Auch auf globaler Ebene bleibt die Lage stabil. Sowohl die Weltbank als auch der IMF prognostizieren ein robustes Weltwirtschaftswachstum (3.1 bzw. 3.7 Prozent). Beide erwarten jedoch grössere Wachstumsunterschiede zwischen den Ländern. Um die Jahreswende ist mit gewissen Veränderungen zu rechnen. Die Zentralbanken vieler Industrienationen dürften den geldpolitischen Gürtel enger schnallen, was insbesondere die Finanzierungskonditionen gewisser Schwellen- und Entwicklungsländer verschlechtern wird. Die stets grösser werdenden politischen Unsicherheiten, die geopolitischen Spannungen sowie die Zunahme protektionistischer Massnahmen dürften die globale Investitionstätigkeit bremsen. Vor diesem Hintergrund wird für die nächsten zwei Jahre mit einer spürbaren Verlangsamung des Wachstums gerechnet. Als exportorientierte Branche bleibe man auf der Hut!

Jasmin Schmid

Jasmin Schmid

Leiterin Wirtschaft und Statistik
T: +41 44 289 79 01
jasmin.schmid@swisstextiles.ch

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