Jasmin Schmid — 07.05.2019

Mit dem anhaltenden Handelsstreit und dem zögerlichen Wachstum in der EU haben sich die Exportbedingungen erschwert. Der Einstieg der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie ins neue Jahr erwies sich als harzig.

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage

Seit dem dritten Quartal 2018 entwickelt sich das globale Wachstum nicht mehr im gewohnten Allegro der Quartale zuvor. Die Weltwirtschaft wuchs im vierten Quartal 2018 noch mit 2,7 Prozent. Überraschend kommt dies nicht. Der Handelskonflikt scheint wieder aufzuflammen. Nicht nur zwischen den USA und China. Kürzlich eröffneten die USA eine Konsultation zu neuen Strafzöllen gegenüber Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Spanien, die ihre Luftfahrtindustrien WTO-widrig subventioniert haben sollen. Gerade Deutschland, dessen Autoindustrie Schwierigkeiten bekundet, und Grossbritannien, das durch Brexit absorbiert ist, sind höchst empfindlich gegenüber zusätzlichen Handelserschwernissen. Nebst dem Handelsstreit wirken sich auch die wirtschaftlichen Turbulenzen in der Türkei, die restriktivere Kreditvergabe in China sowie die straffere Geldpolitik in den Industriestaaten ungünstig auf das Wirtschaftsklima aus. (Weltbank und Internationaler Währungsfonds)

Auch in der Schweiz dauert die Verlangsamung des Wachstums an. Immerhin liess sie sich nicht vom Euroraum abschütteln und erreichte ein leichtes Plus von 0,2 Prozent im vierten Quartal 2018. Schuld an diesem trägen Wachstum hat jedoch nicht die zögerliche Entwicklung der Weltwirtschaft – zumindest noch nicht. Die Binnennachfrage – sowohl die private als auch diejenige der öffentlichen Hand – fiel schwach aus. Das verarbeitende Gewerbe lieferte dank der Ausfuhren die stärksten Wachstumsbeiträge. Im Vergleich zum Vorjahresquartal entwickelten sich die Exporte mit einem nominalen Plus von 6,1 Prozent im 4. Quartal 2018 und 5,3 Prozent im 1. Quartal 2019 durch die chemisch-pharmazeutische Industrie äusserst gut. Gemäss KOF kühlte sich die Exportkonjunktur im März jedoch weiter ab. Die Nachfrage ging erneut zurück und der Auftragsbestand wurde von den Unternehmen als zu klein beurteilt. (Seco, KOF)

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Mit der sich nur schleppend vorwärtsbewegenden EU-Wirtschaft offenbart sich die Ausgangslage als beschwerlich. Dies widerspiegelt sich nicht nur in der Bewertung der allgemeinen Geschäftslage durch die Textil- und Bekleidungsunternehmen, die sich rasant verschlechtert hat. Auch die Exporte verzeichneten sowohl bei den Textilien als auch bei der Bekleidung deutliche Einbussen. Dieses getrübte Bild gilt es nun ein wenig zu relativieren. Zum einen sind solch unmittelbaren und heftige Reaktionen der Branche auf internationale Veränderungen nicht unüblich, da sie sehr preissensibel ist und kurze Produktionszyklen aufweist. Zum anderen wurden die Werte an einem starken Jahr 2018 gemessen. Darüber hinaus befindet sich die Kapazitätsauslastung weiterhin auf sehr hohem Niveau. Ohne Zweifel aber haben sich die Exportbedingungen erschwert und führten zu einem harzigen Einstieg ins neue Jahr.

Kapazitätsauslastung (in Prozent)
Liniendiagramme Kapazitaetsauslastung Fruehling 2019

Die Kapazitätsauslastung der Textil- und Bekleidungsindustrie hat auch in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres das Rekordniveau überraschend gehalten. Im Vergleich zur Kapazitätsauslastung der Gesamtindustrie schneidet sie weiter überdurchschnittlich gut ab.

Geschäftslage (Saldo)
Liniendiagramm Geschaeftslage Fruehling 2019

Nach dem Höhenflug Ende 2018 kam es im ersten Quartal 2019 zu einem schlagartigen Abfall des Gesamtzustands der Textil- und Bekleidungsunternehmen. Die Bewertung der allgemeinen Geschäftslage fiel nach 15 Monaten zum ersten Mal wieder knapp in den negativen Bereich.

Auftragsbestand (Saldo)
Liniendiagramm Auftragsbestand Fruehling 2019

Im Vergleich zu den Werten vor der Mindestkursaufhebung lässt sich die Entwicklung des Auftragsbestands der Textil- und Bekleidungsindustrie im ersten Quartal 2019 als im normalen Bereich betrachten. Auffallend ist aber, dass die Auftragslage der Textil- und Bekleidungsindustrie in den letzten Monaten stärker von derjenigen der Gesamtindustrie abdriftet.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: zu gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)

Beschäftigungslage
Beschaeftigungslage Fruehling 2019

Aussenhandel

Im 1. Quartal 2019 wurden Textilien im Wert von 321 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 7,0 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 6,2 Prozent und belaufen sich auf 637 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 6,4 Prozent gesunken und liegen bei 219 Millionen Franken.

Exporte Textilien
Balkendiagramm Exp Textilien Fruehling 2019
Exporte Bekleidung
Balkendiagramm Exp Bekleidung Fruehling 2019
Exporte nach Wirtschaftsräumen
Exporte Nach Wirtschaftsraeumen Fruehling 2019
Exporte nach Warengruppen
Exporte Nach Warengruppen Fruehling 2019

Ausblick und Erwartungen

Die gegenwärtigen Schwierigkeiten wie die Handelskonflikte, die tiefe Investitionstätigkeit in den Industriestaaten, Deutschlands stockender Automobilsektor und Brexit dürften noch ein paar Monate für Schlagzeilen sorgen. Für die ersten sechs Monate des laufenden Jahres rechnen die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IMF) daher weiterhin mit einer zögerlichen Entwicklung der globalen Wirtschaft. Für die zweite Hälfte 2019 dürfte sich die Lage allerdings aufhellen. Nicht zuletzt auch wegen der Zentralbanken, die bei der Normalisierung der Geldpolitik Zurückhaltung ausüben wollen, damit sich die Wirtschaften stabilisieren können. Die Zentralbanken der EU, Japans und Englands haben sogar die Geldpolitik etwas gelockert und bleiben bei der Negativzinspolitik. Alles in allem prognostizieren Weltbank und IMF für das Jahr 2019 ein akzeptables Weltwirtschaftswachstum von 2,9 bzw. 3,3 Prozent. Für viele Länder dürfte das Wachstum allerdings unter ihrem Potenzial liegen. Dies allen voran für die EU, Japan, Russland und Brasilien und insbesondere aber für die Türkei und Argentinien, die sich aufgrund der hohen Teuerung in Kombination mit der hohen US-Dollar-Verschuldung in einer Rezession befinden.

Angesichts der schwachen Leistung der Weltwirtschaft zu Beginn des Jahres revidiert die Expertengruppe des Bundes das Schweizer BIP nach unten auf 1,1 Prozent für das laufende Jahr. Im weiteren Verlauf des Jahres soll es dann auch zu einer Kehrtwende bei den Impulsgebern kommen. So werden von der gegenwärtig kraftlosen privaten Nachfrage wichtige Impulse erhofft. Dagegen wird dem verarbeitenden Gewerbe, insbesondere dem exportorientierten, mangels ausländischer Nachfrage ein geringer Beitrag zugetraut. Dies trotz des Umstands, dass die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes gemäss KOF-Umfrage den kommenden drei Monaten zuversichtlich entgegenblicken. Sie erwarten gar eine Zunahme der Bestellungen. Die Erwartungen der Textil- und Bekleidungsunternehmen sind dagegen etwas durchzogen. Im März haben sich die Erwartungen hinsichtlich der Bestellungen gegenüber dem Vormonat getrübt. Es rechnen mehr Unternehmen mit niedrigeren als höheren Bestellungen. Rund ein Viertel der Unternehmen rechnet mit einem Rückgang der Beschäftigung, wobei die Mehrheit von keiner Veränderung ausgeht. Bei den Exporten haben sich die Erwartungen zwar etwas verschlechtert, jedoch mit einer geringeren Rate als noch im Vorquartal. Der Saldo verbleibt indes noch knapp im positiven Bereich, das heisst etwas mehr Unternehmen rechnen eher mit einer Zu- als einer Abnahme der Exporte für das kommende Quartal. Äusserst zuversichtlich geben sich die Unternehmen hinsichtlich einer Steigung der Verkaufspreise.

Interview zum Konjunkturbereicht mit:

Marcel Meister

Marcel Meister

Meister & Cie AG
CEO

Die Meister & Cie AG entwickelt und produziert hochwertige Textilgeflechte wie zum Beispiel Faserseile. Zudem ergänzt die Meister & Cie AG ihr Sortiment mit verschiedenen Handelsprodukten wie Gurte, Netze, Drahtseile und Ketten.

Die Meister & Cie AG ist als Zulieferant für den Heim- und Handwerkermarkt hauptsächlich auf dem Schweizer Markt aktiv. Seitens privater Nachfrage kamen im vierten Quartal 2018 gemäss Seco keine starken Impulse. Wie sah es im ersten Quartal 2019 aus?
Unser Unternehmen bedient den Schweizer Heim- und Handwerkermarkt mit einem Sortiment aus Seilen, Ketten und Zubehör. Die Nachfrage in diesem Bereich ist über Jahre, auch bei entsprechenden konjunkturellen Schwankungen, stabil. Das erste Quartal 2019 ist für unser Unternehmen zufriedenstellend nach Plan verlaufen.

Gibt es saisonale Effekte, denen der Markt für Faserseile unterworfen ist? Falls ja, welche sind es?
Ob saisonale Effekte eine Rolle spielen hängt davon ab, in welchen Bereichen die Faserseile eingesetzt werden. Im technischen Bereich (z.B. Kordeln für Automobile) sind kaum saisonale Effekte zu verzeichnen. Anders ist dies im Heim- und Handwerkermarkt sowie im Sportbereich (z.B. Bergseile). Da diese Produkte oftmals draussen Verwendung finden, nehmen wir im Frühling, Sommer und Herbst eine deutlich stärkere Nachfrage an Faserseilen wahr.

Ihr Unternehmen ist auch im Exportbereich tätig. Im Vergleich zum Jahresbeginn im 2018 haben sich die Rahmenbedingungen merklich verschlechtert. Empfinden Sie das auch so?
Wir bewegen uns hauptsächlich in Nischenmärkten mit Spezialprodukten. Die Preissensitivität und damit der Einfluss der generellen Rahmenbedingungen ist umso geringer, je spezialisierter das Produkt ist. Textilgeflechte für Schienenfahrzeuge sind zum Beispiel preissensibler als solche für Implantate. Wir unterscheiden grundsätzlich nicht zwischen in- und ausländischem Geschäft. Zentral ist, dass unsere Firma die spezifischen Anforderungen der Kundschaft erfüllen kann wie beispielsweise die Erfüllung spezieller medizinischer Normen für unsere Geflechte, die als Implantate im menschlichen Körper verwendet werden.

Gemäss KOF-Umfrage erwarten die Textil- und Bekleidungsunternehmen bessere Verkaufspreise. Haben sich die Margen Ihrer Ansicht nach auch verbessert?
Die höheren Rohstoffpreise rechtfertigen höhere Verkaufspreise grundsätzlich. Die Gewinnmarge bleibt aber unter Druck. Auch nehmen wir eine Erhöhung der Personal- und Betriebskosten, teilweise aufgrund der zunehmenden Regulierungsdichte (z.B. Arbeitszeiterfassung), wahr. Auch dies erhöht die Verkaufspreise, verbessert aber die Gewinnmarge nicht.

Blicken Sie den kommenden drei Monaten zuversichtlich entgegen?
Unser Unternehmen hat eine langfristige Perspektive und richtet den Fokus nicht auf eine dreimonatige Gewinnoptimierung. Wir blicken mit vorsichtiger Zuversicht in die Zukunft.

Wir gratulieren Ihnen zum 150-jährigen Bestehen der Meister & Cie AG. Welches Geburtstagsgeschenk wünschen Sie sich von der Verwaltung und der Politik?
Herzlichen Dank! Als Unternehmer wünsche ich mir von der Politik, dass sie die Rahmenbedingungen so setzt, damit wir Schweizer Unternehmen, insbesondere wir KMU, unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter ausbauen können. Wir sind sehr froh, dass der Bundesrat letzte Woche entschieden hat, die Zölle auf Textilimporte auszusetzen und unsere Branche damit mit 3 Millionen Franken entlastet wird. Es braucht aber noch weitere Schritte wie zum Beispiel den Abschluss des institutionellen Rahmenabkommens.

Wir danken Ihnen für das Interview.

Rückfragen

Jasmin Schmid

Jasmin Schmid

Leiterin Wirtschaft und Statistik
T: +41 44 289 79 01
jasmin.schmid@swisstextiles.ch

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