Jasmin Schmid — 20.05.2021

In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres pausierte der Aufschwung in der Textil- und Bekleidungsbranche. Im Monat März zog die Konjunktur wieder an. Die Erwartungen der Textil- und Bekleidungsunternehmen an den Frühsommer sind mehrheitlich gross. Mit Corinna Fischer, COO bei der Textilcolor AG, wagen wir einen Blick nach Indien, wo derzeit die Pandemie besonders wütet.

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche

Der Jahresauftakt brachte schwierige Rahmenbedingungen mit sich. Aufgrund der neuen Virusvarianten aus Grossbritannien und Südafrika führte der Bundesrat am 18. Januar die erneute Schliessung der Läden mit Waren des nicht täglichen Gebrauchs ein, die auch unsere Branche betraf. Neben der Schweiz verschärften auch unsere Nachbarstaaten die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Gleichzeitig kam ein zweites Danaergeschenk aus Grossbritannien an. Der Brexit äussert sich seit dem 1. Januar nicht mehr nur auf Papier, sondern auch in der Unternehmensrealität. Diese Entwicklungen sind in den Handelsstatistiken sichtbar. Im ersten Quartal brachen die Exporte in das Vereinigte Königreich bei den Textilien um 22 Prozent und bei der Bekleidung um 37 Prozent ein. Dies aufgrund des fehlenden freien Marktzugangs in das Vereinigte Königreich trotz Freihandelsabkommen. Insgesamt verringerten sich die Textilexporte im ersten Quartal um vier Prozent. Gegenüber März 2020, in welchem die westliche Welt stillstand, erhöhten sich die Textilexporte immerhin um rund zehn Prozent und steuern damit in die richtige Richtung. Aufgrund von Nachholeffekten sieht es im Bekleidungsbereich derzeit dynamisch aus. Dieser weist für das erste Quartal ein bereinigtes Plus von rund zwölf Prozent aus. Gegenüber März 2020 erlebten die Bekleidungsexporte eine Steigerung von über 70 Prozent. Euphorie ist im Exportwesen derzeit aber noch keine angesagt. Solange die Reisetätigkeit eingeschränkt bleibt und Messen fehlen, fährt die Branche mit angezogener Handbremse.

Auch in den monatlichen KOF-Umfrageindikatoren ist ersichtlich, dass die verarbeitende Textil- und Bekleidungsbranche auf die verschärften Massnahmen reagiert hat. Im Januar und im Februar verschlechterte sich die Bewertung der Auftragslage markant und die Erholung der Geschäftslage pausierte im Februar. Mit der Entschärfung der Massnahmen ab dem 1. März und damit der Wiedereröffnung von Läden mit Gütern des nicht täglichen Gebrauchs setzte sich der Aufschwung wieder fort. Doch noch immer verweilen die Bewertung der Auftragslage sowie diejenige der Geschäftslage auf einem unzureichenden Niveau und hinken der Entwicklung der Gesamtindustrie hinterher. Für den Textil- und Bekleidungsgrosshandel präsentiert sich das erste Quartal durchzogen. Die Geschäftslage verhält sich seit Beginn der Krise kongruent zu derjenigen des Gesamtgrosshandels, allerdings mit markanteren Rückschlägen und Aufholjagden. Im ersten Quartal gelingt ihr ein starker Erholungsschub. Überaus volatil entwickelt sich im Gegenzug die Nachfrage nach Leistungen im Textil- und Bekleidungsgrosshandel. Im ersten Quartal 2021 erlitt sie einen erneuten Einbruch, während die Nachfrage nach Leistungen des Gesamtgrosshandels zulegte.

Konjunkturindikatoren

Kapazitaetsauslastung in Prozent Verarbeitende Industrie Fruehling 2021

Parallel zu derjenigen der Gesamtindustrie, aber auf tieferem Niveau, bewegte sich die Auslastung der Produktionskapazitäten in der Textil- und Bekleidungsindustrie im ersten Quartal aufwärts. Sie liegt im ersten Quartal bei 77 Prozent. Das Vorkrisenniveau hat sie damit noch nicht erreicht, aber sie ist auf Kurs.

Geschaeftslage Saldo Verarbeitende Industrie Fruehling 2021

Seit dem Tiefstand im Juli klettert die allgemeine Geschäftslage der Textil- und Bekleidungsunternehmen mit kleinen Verschnaufpausen nach oben. Es ist ein zäher Kampf. Noch verweist der Saldo auf eine unzureichende Bewertung hin. Im März bewerteten 33 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als schlecht, neun Prozent als gut und 58 Prozent als befriedigend.

Auftragsbestand Saldo Verarbeitende Industrie Fruehling 2021

In den ersten zwei Monaten des Jahres kam es bei der Auftragslage zu einem Einbruch. Der Monat März holte die Auftragslage wieder auf das Niveau von Dezember 2020 und kompensierte den Rückgang. Im März meldeten 55 Prozent der Textil- und Bekleidungsunternehmen einen zu kleinen, sechs Prozent einen grossen und 39 Prozent einen normalen Auftragsbestand.

Geschaeftslage Saldo Grosshandel Fruehling 2021

Die Geschäftslage des Textil- und Bekleidungsgrosshandels erreichte im ersten Quartal 2021 mit Schwung wieder den positiven Bereich. 26 Prozent der Unternehmen bewerteten im April ihre Geschäftslage als gut, 22 Prozent als schlecht und 52 Prozent als befriedigend.

Nachfrage Grosshandel Fruehling 2021

Bei 31 Prozent der Unternehmen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels ist die Nachfrage im ersten Quartal gestiegen, bei sechs Prozent gleich geblieben und bei 63 Prozent gesunken. Somit brach die Nachfrage nach Leistungen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels im ersten Quartal 2021 ein und fiel erneut in den negativen Bereich. Derweil legte die Nachfrage im Gesamtgrosshandel zu.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage zurzeit insgesamt als gut, befriedigend, schlecht.» Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als gross, normal, zu klein.» Die Nachfrage umfasst die Nachfragen nach Leistungen im In- und Ausland. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Die Nachfrage nach unseren Leistungen ist in den letzten drei Monaten gestiegen, gleich geblieben, gesunken.»

Ausgewiesen wird für die vier Indikatoren der saisonbereinigte Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. Die Angaben der positiven und negativen Antworten (Prozentzahlen im Text) sind nicht saisonbereinigt. (Quelle: KOF ETHZ)

Neu Beschäftigte Arbeitsmarkt

Aussenhandel

Im 1. Quartal 2021 wurden Textilien im Wert von 297 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 4.0 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 10.9 Prozent und belaufen sich auf 719 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 12.4 Prozent gestiegen und liegen bei 234 Millionen Franken.

Im 1. Quartal 2021 wurden Textilien im Wert von 582.7 Millionen Franken importiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Plus von 17.7 Prozent. Die Bekleidungsimporte verzeichnen ein Plus von 14.2 Prozent und belaufen sich auf 2.06 Milliarden Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsimporte um 15.5 Prozent gestiegen und liegen bei 1.57 Milliarden Franken.

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Entwicklung Textil und Bekleidungsexporte nach Quartal Fruehling 2021
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Entwicklung Textil und Bekleidungsimporte nach Quartal Fruehling 2021
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Textilimporte und Exporte nach Wirtschaftsraum Fruehling 2021
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Bekleidungsimporte und Exporte nach Wirtschaftsraum Fruehling 2021
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Exporte und Importe nach Warengruppen Fruehling 2021

Ausblick und Erwartungen

Mit steigender Anzahl Geimpfter in Europa und mit steigenden Temperaturen hebt sich die Zuversicht, dass die Massnahmen zur Eindämmung des Virus in den kommenden Wochen weiter gelockert werden können. Die Erwartungen an den Frühsommer sind mehrheitlich gross, sowohl in der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsbranche wie auch im Textil- und Bekleidungsgrosshandel.

Nachdem die Unternehmen der verarbeitenden Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche für das erste Quartal mehrheitlich von sinkenden Bestellungen ausgingen, drehte sich die Stimmung wieder in den positiven Bereich. Für das zweite Quartal gehen 25 Prozent der von der KOF befragten Unternehmen von höheren Bestellungen aus, neun Prozent rechnen noch mit sinkenden Bestellungen und 56 Prozent erwarten keine Veränderung. Mit Blick auf die Beschäftigung erhöhte sich die Zuversicht erheblich. Sie dringt gar knapp in den positiven Bereich vor und erreicht das Niveau des äusserst erfolgreichen Jahres 2018. Elf Prozent der befragten Unternehmen gehen von einer Zunahme der Zahl der Beschäftigten aus, acht Prozent von einer Abnahme und 81 Prozent rechnen mit gleichen Beschäftigtenzahlen. Damit rechnen erstmals seit knapp drei Jahren wieder mehr Unternehmen mit einer Steigerung der Beschäftigtenzahlen als mit einer Reduktion. Bei den Verkaufspreisen gehen 17 Prozent von einer Steigerung aus, 83 Prozent erwarteten keine Veränderung. Keines der befragten Unternehmen rechnet mit einer Senkung. Angesichts der massiv angestiegenen Rohstoff- und Transportkosten ist fraglich, wie viel von der erwarteten Erhöhung der Verkaufspreise bei den Unternehmen hängen bleibt. Bei den Exporten sind die Erwartungen konstant knapp im negativen Bereich geblieben. 14 Prozent gehen von steigenden und 18 Prozent von sinkenden Exporten aus. Für 68 Prozent bleibt die Exportsituation unverändert. Aus diesen Erwartungen wird noch einmal deutlich, dass die Exportwirtschaft erst einen Verbesserungsschub verliehen bekommt, wenn Lockerungen bei den Reisebeschränkungen und die Wiederaufnahme von Grossanlässen wie Messen eintreten.

Bei den von der KOF befragten Schweizer Unternehmen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels sind die Erwartungen bezüglich einer Erhöhung der Verkaufspreise noch markanter gestiegen als im verarbeitenden Textil- und Bekleidungsgewerbe. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen geht von steigenden Verkaufspreisen aus. Die andere Hälfte rechnet mit gleichbleibenden Preisen. Mit dem Multiplikatoreffekt fällt die Erhöhung der Rohstoff- und Transportkosten auf Stufe des Grosshandels noch stärker aus. Auch bei den Grosshandelsunternehmen stellt sich die Frage, ob sich die Margen tatsächlich erhöhen. Hinsichtlich der Beschäftigung sind die Schweizer Unternehmen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels geringfügig zuversichtlicher für das zweite als für das erste Quartal. Die Erwartungen verbleiben jedoch nach wie vor im negativen Bereich. Zwei Prozent erwarten eine zunehmende, 33 Prozent eine sinkende und 65 Prozent eine gleichbleibende Anzahl der Beschäftigten. Optimismus herrscht bezüglich der Nachfrageentwicklung für das zweite Quartal. 42 Prozent der befragten Unternehmen glauben an eine Erhöhung der Nachfrage nach ihren Leistungen, während lediglich 21 Prozent mit einer Abnahme bei der Nachfrage rechnen. 37 Prozent erwarten keine Veränderung bei der Nachfrageentwicklung.

Interview mit

Corinna Fischer

Corinna Fischer

Textilcolor AG
COO

Die Textilcolor AG ist Spezialistin für Textilchemie – von der Spezialitätenchemie für die Textilindustrie bis zu den Farbstoffen und Pigmenten. Ein global tätiges Unternehmen, vertreten in über 40 Ländern von Brasilien über Marokko bis nach Indien. Die Textilcolor AG gilt als eines der weltweit führenden Unternehmen in der Produktion von nachhaltiger Textilchemie. Sie ist Industriepartnerin von bluesign®technologies.

Als Exporteurin von Textilchemie kann die Textilcolor die Erholung der Textilproduzenten quasi zeitgleich mitverfolgen. Abgesehen von China, welche produzierenden Länder erholen sich am schnellsten? Wir konnten feststellen, dass sich die Auftragslage bei unseren Kunden in der EU, vor allem in Deutschland, Ungarn und Polen wert- und volumenmässig schneller verbesserte als noch im vierten Quartal 2020. Eine deutliche Steigerung der Aufträge konnten wir durch unsere Kunden in Südamerika, Indien und Russland erfahren. Die Nachfrage durch unsere Schweizer Kundschaft verhielt sich stabil mit leicht steigender Tendenz. Leider stecken unsere Kunden aus nordafrikanischen Ländern immer noch tief in der Corona-Krise, was sich von einer sehr geringen Nachfrageaktivität ableiten lässt.

In Indien wütet die Pandemie derzeit besonders schlimm. Inwiefern tangiert dies die indische Textilproduktion? Wir verfolgen die Situation in Indien mit grosser Sorge, weil die Dunkelziffer der Infizierten wohl noch höher liegt, als in den Medien kommuniziert wird und weil die wirtschaftlichen Konsequenzen für die nächsten Monate nicht einschätzbar sind. Da unsere langjährigen indischen Kunden mehrheitlich für den amerikanischen Markt produzieren, entwickelte sich die Auftragslage seit Anfang 2021 sehr positiv für die Textilcolor. Aufgrund des Lockdowns in Indien sind wir nun mit der Situation konfrontiert, dass Schiffscontainer an den indischen Häfen nur mit Verzögerungen abgefertigt werden. Insgesamt ist die logistische Kette zum Kunden derzeit schwierig zu kontrollieren. Wir gehen nicht davon aus, dass sich die Lage in Indien kurzfristig beruhigen wird.

Sie produzieren Textilchemie für diverse Anwendungen wie Farbstoffe für die Bekleidung oder Chemikalien für die Beschichtung. Gibt es Unterschiede, wie sich die einzelnen Textilzweige derzeit entwickeln? Bereits im letzten Jahr, aber auch während der vergangenen Monate haben wir festgestellt, dass alle Textilhilfsmittel, die für Beschichtungen eingesetzt werden können, einer deutlich erhöhten Nachfrage unterliegen. Die Einsatzbereiche gestalten sich unterschiedlich: beginnend mit Stoffen für den Mund-Nasen-Schutz bis zu Textilien für Arbeits- und Schutzbekleidung.

Die Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen beklagen derzeit die massiv gestiegenen Rohstoffpreise und Transportkosten. Wie verhalten sich die Preise bei Ihnen und was sind die Gründe? Seit einigen Wochen werden wir täglich mit Preiserhöhungen durch unsere Vorlieferanten und Dienstleister konfrontiert, verursacht durch die Verknappung von Rohstoffen, die geringe Verfügbarkeiten von Zwischenprodukten und den logistischen Unterbruch von Lieferketten. Aufgrund der eingebrochenen Nachfrage haben im letzten Jahr einige Vorlieferanten ihre Produktionskapazitäten deutlich reduziert. Nun steigt die Nachfrage viel schneller als angenommen und die erforderlichen Produktionskapazitäten sind nicht bereit. Gleichzeitig ist die weltweite Logistik, vor allem bei der Seefracht, aus dem «Ruder gelaufen». Containerschiffe treffen mit grossen Verspätungen in den Häfen ein und werden mit Verzögerung abgewickelt. Auf den Hauptrouten haben sich die Seefrachtraten deshalb um ein Vielfaches erhöht. Wir haben reagiert und die Produktpreise punktuell angepasst. Eine kurzfristige Entspannung der Preisentwicklungen sehen wir eher nicht.

Wie sind Ihre Erwartungen bezüglich der Entwicklung des Geschäfts für den Frühsommer? Wir erwarten einen Nachholbedarf im textilen Bereich: Sobald alle Detailhändler in den europäischen Ländern wieder ohne Restriktionen verkaufen dürfen, sobald Menschen wieder zu touristischen Zwecken reisen dürfen und sobald wieder Veranstaltungen stattfinden dürfen, werden auch wieder textile Produkte verkauft. Entsprechend wird sich die Nachfrage bei unseren Kunden verbessern und folglich auch bei der Textilcolor. Ob dies aber bereits im Frühsommer der Fall sein wird, hängt vom Zeitpunkt der Lockerungsmassnahmen und den Impffortschritten in den europäischen Ländern ab. Eine Prognose abzugeben ist derzeit sehr schwierig.

Wir danken Corinna Fischer herzlich für das Interview.

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