Jasmin Schmid — 05.11.2019

Die globalen Handelsbedingungen haben sich erneut verschärft. Im Nebelbad von Unsicherheiten kämpften sich die Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen durch das dritte Quartal. Dunst breitet sich auch in der Flugzeugindustrie aus. Was die Strafzölle auf Airbus mit der Textil- und Bekleidungsbranche zu tun haben, erfahren Sie im Interview mit Dr. Urs Rickenbacher, CEO der Lantal Textiles AG.

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage

Die konjunkturelle Lage des wichtigsten Handelspartners der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie weckt Besorgnis. Der Handelsstreit, das ewige Ringen um den Brexit, das zyklisch bedingte zögerliche Weltwirtschaftswachstum und die Umwälzungen im Automobilbereich lasten schwer auf Deutschlands Exportindustrie. Im zweiten Quartal wog der Einbruch der Exporte zu stark und das deutsche BIP fiel mit 0.1 Prozent gegenüber dem Vorquartal ins Minus (Statistisches Bundesamt). Deutschland ist jedoch nicht das einzige Land, welches Schwierigkeiten bekundet. Regionenübergreifend hat sich die Anzahl der Länder mit einem sinkenden Pro-Kopf-Einkommen in den letzten beiden Quartalen erhöht. So zum Beispiel in Argentinien, Italien und dem Vereinigten Königreich (Weltbank). Die prägenden Volkswirtschaften USA und China weisen positive Wachstumsraten auf, doch auch sie mussten eine Verlangsamung hinnehmen. Die Weltbank bewertet den Abschwung der Weltkonjunktur im zweiten Quartal, der hauptsächlich der kraftlosen industriellen Produktion und dem rückläufigen Güterhandel geschuldet ist, als den markantesten seit der globalen Finanzkrise.

Mit einem Wachstumsbeitrag von 1.3 Prozent im zweiten Quartal leistet das verarbeitende Gewerbe der Schweiz abermals den grössten Beitrag zum BIP-Wachstum. Trotzt das Schweizer Gewerbe dem kühlen und unsicheren Weltwirtschaftsklima? Ja und Nein. Eine differenzierte Betrachtung ist notwendig. Die Gesamtleistung des verarbeitenden Gewerbes wird massgeblich von der pharmazeutischen und chemischen Industrie dominiert. Diese konnte kräftig zulegen, unter anderem auch im Aussenhandel (2.4 Prozent) und stützte dadurch das Schweizer BIP. Andere Branchen wie die Metall- und Maschinenindustrie litten unter der nachlassenden ausländischen Nachfrage und wiesen rückläufige Zahlen auf. Das unsichere globale Umfeld äusserte sich zudem in einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit im verarbeitenden Gewerbe sowie in schrumpfenden Ausrüstungsinvestitionen (–1.0 Prozent). Insgesamt wuchs das BIP mit 0.3 Prozent und fiel damit schwächer aus als noch im Quartal zuvor (Seco).

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Mit den BIP-Einbussen wichtiger Volkswirtschaften wie Deutschland im zweiten Quartal und dem schwachen Euro stellte das dritte Quartal die Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen vor eine sehr schwierige Aufgabe. Die Indikatoren zeichnen denn auch ein kämpferisches Bild der Branche. Die Auftragslage schwang sich nach dem Sinkflug im zweiten Quartal nach oben, bevor sie im September wieder steil nach unten angepasst wurde. Zwar verschlechterten sich sowohl die Kapazitätsauslastung als auch die Bewertung der Geschäftslage gegenüber dem Ende des zweiten Quartals, allerdings fiel die Kapazitätsauslastung flacher ab und die Geschäftslage zeigte im September leicht nach oben. Die Branche leistet Widerstand und versucht sich nach oben zu hieven. Dies gelang ihr bei den Bekleidungsexporten, die nach zwei negativen Quartalen in Folge nun wieder den Sprung in den positiven Bereich geschafft haben. Äusserst gut schlugen sich die technischen Textilien, die ein Exportplus von 3.8 Prozent erreichten. Bei den gesamten Textilexporten wiegt hingegen der deutsche Nachfragerückgang zu schwer und sie verbuchten das vierte Minus hintereinander, wenn auch immerhin mit abnehmender Rate.

Kapazitätsauslastung (in Prozent)
Liniendiagramme Kapazitaetsauslastung Herbst 2019

Im dritten Quartal sank die Kapazitätsauslastung in der Textil- und Bekleidungsindustrie zwar erneut. Der Rückgang fiel indessen weniger steil aus als noch im Quartal zuvor und die Textil- und Bekleidungsindustrie wies gar eine geringfügig überdurchschnittlich hohe Kapazitätsauslastung im Vergleich zur Gesamtindustrie auf.

Geschäftslage (Saldo)
Liniendiagramm Geschaeftslage Herbst 2019

Die Bewertung der Geschäftslage verfolgte den Pfad der Entwicklung des Euro-Franken-Kurses. In den Sommermonaten Juli und August fiel die Geschäftslage steil nach unten. Der Euro-Franken-Kurs betrug 1.10 bzw. 1.08. Im September verbesserte sich der Euro-Franken-Kurs leicht nach oben und so stieg die Bewertung der Geschäftslage ebenfalls leicht an.

Auftragsbestand (Saldo)
Liniendiagramm Auftragsbestand Herbst 2019

Die Entwicklung der Auftragslage weist in der Textil- und Bekleidungsindustrie starke Ausschläge nach oben und unten auf. Der Sinkflug gegen Ende des zweiten Quartals konnte im dritten Quartal wieder zur Hälfte kompensiert werden. So verringerte sich auch die Differenz zur Auftragslage der Gesamtindustrie, die sich in kleinen Schritten abwärts bewegt.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: zu gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)

Beschäftigungslage
Beschaeftigungslage Herbst 2019

Aussenhandel

Im 3. Quartal 2019 wurden Textilien im Wert von 295 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 4.5 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 9.1 Prozent und belaufen sich auf 661 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 1.7 Prozent gestiegen und liegen bei 229 Millionen Franken.

Exporte Textilien
Balkendiagramm Exp Textilien Herbst 2019
Exporte Bekleidung (ohne Rückwaren)
Balkendiagramm Exp Bekleidung Herbst 2019
Exporte nach Wirtschaftsräumen
Exporte Nach Wirtschaftsraeumen Herbst 2019
Exporte nach Warengruppen
Exporte Nach Warengruppen Herbst 2019

Ausblick und Erwartungen

Es ist kaum damit zu rechnen, dass das zögerliche Weltwirtschaftswachstum im zweiten Quartal die Talsohle erreicht hat. Das dritte Quartal war gezeichnet von Unwägbarkeiten, die sich im vierten Quartal noch zu akzentuieren drohen. Gegen Ende Jahr wird sich der Durchschnittszollansatz von den meisten US-Importen aus China von 3.1 auf 24.3 Prozent erhöht haben (Weltbank). Und trotzdem ist das Ende des Handelsstreits noch nicht absehbar. China kündigte kürzlich neue Strafzölle auf US-Exporte von einem Volumen von 2.4 Milliarden US-Dollar an. Seit Mitte Oktober erheben die USA nun auch Strafzölle gegenüber gewissen EU-Ländern, zumal die WTO im Streitfall rund um den Flugzeugbauer Airbus den USA Ausgleichsmassnahmen zugestanden hat. Die Protektionsspirale erweitert ihren Radius. Der Handelsstreit ist neben der rückgängigen Automobilproduktion sowie der geringeren globalen, vor allem aber chinesischen Nachfrage einer der Hauptgründe, weshalb der Internationale Währungsfonds seine Prognose für das Weltwirtschaftswachstum im Jahr 2019 auf 3.0 Prozent nach unten revidiert hat. Er hält zudem fest: «The outlook remains precarious.» Noch vorsichtiger ist die Weltbank und rechnet mit einem Wachstum von 2.6 Prozent für das laufende Jahr. Die Expertengruppe des Bundes rechnet mit einem Schweizer BIP-Wachstum von 0.8 Prozent (Seco).

Trotz der trüben Aussenhandelsaussichten erwarten die Unternehmen in den kommenden drei Monaten keine Verschlechterung der Situation. Im Gegenteil, die Exporterwartungen liegen zwar nach wie vor im negativen Bereich, haben sich allerdings zum Vorquartal geringfügig verbessert. Es ist erfreulich und überraschend zugleich, dass die positiven Antworten der Unternehmen hinsichtlich der Verkaufspreise und der Beschäftigung leicht überwiegen. Auch mit einem Einbruch des Bestellungseingangs rechnen die Unternehmen nicht. Der Saldo liegt im positiven Bereich, wenn auch nur äusserst knapp. Ein gewisses Vertrauen der Textil- und Bekleidungsunternehmen in den Markt scheint also nach wie vor vorhanden zu sein oder zumindest trauen die Unternehmen dem Markt nicht weniger zu als noch im Quartal zuvor. Die kommenden Wochen werden wegweisend sein, ob das vierte Quartal den Abwärtstrend in der Branche durchbricht. Eine Annahme des von Premierminister Boris Johnson und der EU-Kommission ausgehandelten Deals durch das britische Parlament könnte die Ausgangslage der Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen in der Tat deutlich heben. Nicht nur könnten die mit dem Vereinigten Königreich verbandelten Schweizer Unternehmen zumindest bis Ende 2020 aufatmen. Die Schweizer Exportwirtschaft würde generell von der damit einhergehenden Stärkung des Euro gegenüber dem Franken profitieren. «Come on UK, close the deal!»

Interview zum Konjunkturbericht mit:

Dr. Urs Rickenbacher

Dr. Urs Rickenbacher

CEO, Lantal Textiles AG

Die Lantal Textiles AG ist führend in Design, der Herstellung und Vermarktung von Textilien und Dienstleistungen für den internationalen Luft-, Bus- und Bahnverkehr sowie für VIP-Jets und Superjachten.

Das Handelsklima präsentiert sich derzeit als sehr rau. Die technischen Textilien schafften im dritten Quartal jedoch nach vier Minusquartalen ein Plus von 3.8 Prozent. Kündigt sich ein Stimmungswechsel an?

Auch wir empfinden das Handelsklima als sehr harzig. Neben den Handelskonflikten, dem Brexit und der Frankenstärke stellen wir im Mittleren Osten – ein wichtiger Markt für die Lantal Textiles – politische und handelsrechtliche Unsicherheiten von kaum übertreffbarem Ausmass fest. Diese hohe Unsicherheit äussert sich in einer extremen Volatilität und Kurzfristigkeit. Das Plus bei den technischen Textilien sehe ich nicht als Stimmungswechsel, sondern eher als Ausreisser.

Wie wirken sich die US-Strafzölle auf Airbus-Flugzeuge auf die Flugzeugindustrie und die Lantal Textiles AG im Speziellen aus?

Die Erhebung der Strafzölle ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sollen diese die Übernahme der Boeing-Ausfälle aufgrund technischer Probleme bei Triple 737 Max sowie des Langstreckenjets Triple 777X durch Airbus verhindern. Andererseits besteht das Risiko, dass die bereits gebeutelte Boeing mit Gegenmassnahmen rechnen muss. Für die Lantal Textiles ist ein gegroundetes Flugzeug ein Auftragsverlust. Kann Airbus die Ausfälle der Boeing gänzlich auffangen, ändert sich für uns nichts. Die Strafzölle könnten aber zumindest in der kurzen Frist dazu führen, dass Airbus den Ausfall nicht zu kompensieren vermag und das Produktionsvolumen des wichtigsten Flugzeugtyps sinkt.

Der Flugverkehr gerät aufgrund der Klimabewegung stark unter Druck. Sehen Sie Chancen oder Risiken für das Geschäftsmodell der Lantal Textiles AG?

Die Lantal Textiles AG bietet bereits heute nachhaltige Produkte an wie zum Beispiel Cradle-to-Cradle-Sitzbezüge. Nur werden diese Produkte heute aufgrund des aggressiven Preiskampfs noch zu wenig nachgefragt. Es mag erstaunen, aber auch im Bahnverkehr werden nachhaltige Produkte noch zu wenig nachgefragt. Über den Flugverkehr hinaus muss also ein Umdenken stattfinden! Die Klimadebatte wird die Nachfrage nach qualitativ besseren und nachhaltigeren Produkten anheizen, Innovationen fördern und Bahninfrastrukturen ausdehnen. Diese Entwicklung kommt uns entgegen.

Seit dem 1. Quartal 2018 geht die Nachfrage aus den USA teilweise sogar zweistellig zurück. Dies obwohl die USA ein passables Wachstum aufweisen können. Ist den Amerikanern das Interesse nach Schweizer Textilien abhandengekommen?

Ich vermute, dass die nachlassende US-Nachfrage auf den Buy American Act zurückzuführen ist. Dieser Act verbietet es, Produkte ausserhalb der USA zu beschaffen, die in den USA von gleicher Qualität hätten produziert werden können. Gerade grosse Infrastrukturaufträge wie Bahnprojekte sind harten Auflagen unterworfen. Ohne unser Tochterunternehmen in den USA hätten wir keine Chance, solche Aufträge zu erhalten.

Trotz der eher düsteren Aussenhandelsaussichten erwarten die Textil- und Bekleidungsunternehmen keine Verschlechterung ihrer Lage. Stimmen Sie mit ein?

Mit Blick auf einen etwas mittelfristigen Horizont von fünf Jahren werte ich die gegenwärtige Verlangsamung des Wirtschaftswachstums als eine kleine Delle für die Schweizer Gesamtwirtschaft. Ich erwarte keinen grossen Einbruch bzw. keine Rezession, wie dies die Schweiz bei der Finanzkrise erlebt hat. Trotzdem können einzelne Industrien von starken Einbussen betroffen sein. Gerade diejenigen, die eine starke Abhängigkeit zur europäischen Automobilindustrie aufweisen oder auch der Modebereich werden weiter Federn lassen müssen.

Wir danken Urs Rickenbacher für das Interview.

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