Jasmin Schmid — 12.11.2020

Nach dem massiven Einbruch im zweiten Quartal erholte sich die Textil- und Bekleidungsbranche über den Sommer hinweg überdurchschnittlich dynamisch. Gemäss der Wahrnehmung der Textil- und Bekleidungsunternehmen ist ihre Lage aber weiterhin überdurchschnittlich ungenügend. Derweil kam die Seilerei Herzog, geführt von Inhaber Guido Herzog, bis anhin gut durch die Krise. Erfahren Sie im Interview, weshalb das so ist.

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage

Nach den weltweiten Lockdowns im März und April nahm die Weltwirtschaft in gewissen Staaten wie den USA teilweise bereits im Mai zügig Fahrt auf. Der globale Einkaufsmanagerindex schwang sich im Juli wieder über die Wachstumsschwelle. Im April lag er noch bei 23.7 Punkten. Der globale Güterhandel wies im Juni seine erste Zunahme seit sechs Monaten aus. Der Dienstleistungssektor blieb jedoch auch über den Sommer hinweg schwach. Dies aufgrund der eingeschränkten Reisetätigkeit. In vielen Ländern verharrten die Touristenzahlen um über 90 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Insgesamt resultierte aber ein Aufschwung, der dynamisch gestartet ist, dann aber aufgrund steigender Infektionszahlen an Kraft verlor. Bei den USA lässt sich dies unter anderem an den Detailhandelszahlen sehen. Deren monatliches Wachstum betrug im Mai noch 18.3 Prozent und reduzierte sich im August auf 0.6 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung durchlief die Eurozone. Das sind ungünstige, aber nicht ganz unerwartete Vorboten für das vierte Quartal. (Weltbank)

Für die Schweiz resultierte im Quartal des Lockdowns ein Wachstumsminus von 7.3 Prozent. Das verarbeitende Gewerbe schrumpfte überdurchschnittlich um 10.3 Prozent. Trauriger Rekordhalter war jedoch das Gastgewerbe mit einem Minus von 50.4 Prozent. Der Detailhandel schloss das 2. Quartal unerwartet besser ab mit einem Rückgang von 1.7 Prozent. Während der Sommermonate erholte sich die Geschäftslage im verarbeitenden Gewerbe insgesamt etwas. Dennoch ist die Lage sehr unbefriedigend. Der Geschäftslageindikator ist deutlich im negativen Bereich und der Auftragsbestand wird weiterhin als äusserst niedrig taxiert. Die exportorientierten Unternehmen sind dabei stärker vom konjunkturellen Einbruch betroffen als die binnenorientierten. Die Arbeitslosenquote des zweiten Sektors lag im September bei vier Prozent. Gegenüber dem Vormonat August bedeutet dies eine Verbesserung um 2.4 Prozent. Dabei dürfte es sich lediglich um eine kurze Verschnaufpause handeln und es ist mit weiteren Verwerfungen zu rechnen. Der Personalbestand wird nach wie vor bei 27 Prozent der Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes als zu hoch bewertet. (Seco, KOF)

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Über den Sommer trat in der Textil- und Bekleidungsindustrie eine Erholung ein. Die Bewertungen der allgemeinen Geschäftslage, der Kapazitätsauslastung sowie des Auftragsbestands folgen einem Aufwärtstrend. Dennoch ist die Lage mit Blick auf die Unternehmensbewertungen insgesamt weiterhin sehr ungünstig. Gemäss Auftrags- und Geschäftslageindikator ist die Situation im September vergleichbar mit der zweiten Jahreshälfte von 2015 – der schwierigsten Phase nach der Mindestkursaufhebung. Bei den Exporten ist der Aufschwung robuster. Betrug das Minus im Textilbereich im zweiten Quartal noch 19.2 Prozent, resultierte im 3. Quartal ein Minus von glimpflichen 2.4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Im Bekleidungsbereich ist der Aufwärtstrend gar noch deutlicher: Nach einem Minus von über einem Drittel erreichten die Bekleidungsexporte in den Sommermonaten gar ein Plus von 1.8 Prozent. Im Vergleich zur Gesamtindustrie gestaltete sich der Sommeraufschwung in der Textil- und Bekleidungsindustrie gesamthaft gesehen dynamischer. Gemäss der Wahrnehmung der Textil- und Bekleidungsunternehmen ist ihre Lage aber weiterhin überdurchschnittlich ungenügend.

Kapazitätsauslastung (in Prozent)
Liniendiagramme Kapazitaetsauslastung Herbst 2020

Die Kapazitätsauslastung in der Textil- und Bekleidungsindustrie verbesserte sich im dritten Quartal leicht und erreichte knappe 76 Prozent. Sie konnte die Differenz zur Kapazitätsauslastung der Schweizer Gesamtindustrie leicht schmälern.

Geschäftslage (Saldo)
Liniendiagramm Geschaeftslage Herbst 2020

Die Bewertung der allgemeinen Geschäftslage bleibt in der Textil- und Bekleidungsindustrie auch im September auf sehr tiefem Niveau. Gegenüber der desaströsen Bewertung im Juni macht sie dennoch einen Sprung nach oben. Im September bewerteten 47 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als schlecht, ein Prozent als gut und 52 Prozent als befriedigend.

Auftragsbestand (Saldo)
Liniendiagramm Auftragsbestand Herbst 2020

Der Auftragsbestand der Textil- und Bekleidungsunternehmen verbessert sich im dritten Quartal etwas, er verbleibt dennoch klar unter demjenigen der Gesamtindustrie. Im September melden 61 Prozent der Unternehmen einen zu kleinen, ein Prozent einen grossen und 38 Prozent einen normalen Auftragsbestand.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)

Beschäftigungslage
Tabelle Beschaeftigungslage Herbst 2020

Aussenhandel

Im 3. Quartal 2020 wurden Textilien im Wert von 288 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 2.4 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 3.3 Prozent und belaufen sich auf 683 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 1.8 Prozent gestiegen und liegen bei 233 Millionen Franken.

Exporte Textilien
Balkendiagramm Exp Textilien Herbst 2020
Exporte Bekleidung (ohne Rückwaren)
Balkendiagramm Exp Bekleidung Herbst 2020
Exporte nach Wirtschaftsräumen
Tabelle Exporte Nach Wirtschaftsraeumen Herbst 2020
Exporte nach Warengruppen
Tabelle Exporte Nach Warengruppen Herbst 2020

Ausblick und Erwartungen

Die Expertengruppe des Bundes revidiert die Prognose für das laufende Jahr erheblich nach oben. Sie rechnet nun nicht mehr mit einem Minus von 6.2, sondern von 3.8 Prozent. Für diesen prognostizierten Rückgang ist insbesondere der private Konsum verantwortlich, der mit 4.4 Prozent rückläufig sein soll. Das Corona-Virus wirkt sich zudem erheblich nachteilig auf das Investitionsverhalten aus. Aber auch hier soll der negative Effekt weniger stark sein als noch im Juni antizipiert. Es wird mit einem Rückgang von sechs anstelle von 14 Prozent gerechnet
(Seco). Im globalen Vergleich steht die Schweiz überdurchschnittlich gut da. Die Weltbank rechnet mit einem globalen Wirtschaftsrückgang von 5.2 Prozent. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem konjunkturellen Einbruch in der Höhe von 4.4 Prozent und revidiert seine Prognose nach oben. Der Grund für die optimistischere Prognose ist der Umstand, dass die Wirtschaft nach Aufhebung der Lockdowns rascher als erwartet in die Gänge kam.

Deckt sich die nach oben korrigierte Einschätzung des Expertenbundes mit den Wahrnehmungen der Schweizer Unternehmen? Die Unternehmen des zweiten Sektors sind zumindest vorsichtig optimistisch, was die Bestellungen anbelangt. So rechnen für die kommenden drei Monate 27 Prozent mit einer Zunahme, 57 Prozent mit einer Stagnation und 14 Prozent mit einer Abnahme der Bestellungen. Trotzdem wird sich die Beschäftigungsentwicklung vorerst nicht entspannen. Sowohl die binnen- wie auch die exportorientierten Unternehmen planen mit einer Fortführung des Personalabbaus in ihren Betrieben. (KOF)

In diese vorsichtige Zuversicht bezüglich der Bestellungsentwicklung stimmen die Textil- und Bekleidungsunternehmen mit ein, wenn auch im Vergleich zur Gesamtindustrie noch etwas verhaltener: 13 Prozent der Textil- und Bekleidungsunternehmen rechnen mit einer Erhöhung der Bestellungen, 12 Prozent mit einer Verringerung und 75 Prozent gehen von keiner Veränderung aus. Hinsichtlich der Beschäftigung haben sich die Erwartungen verglichen mit der Situation im Juni geringfügig verschlechtert. 34 Prozent der Unternehmen gehen von einem weiteren Abbau der Beschäftigung aus, ein Prozent rechnet mit einer Zunahme und eine Mehrheit von 65 Prozent geht weder von einer Zu- noch Abnahme aus. Auch hinsichtlich der Exporte und der Verkaufszahlen haben sich die Erwartungen der Unternehmen leicht verschlechtert. Während 9.0 Prozent der Textil- und Bekleidungsunternehmen von einer Erhöhung der Exporte ausgehen, rechnen 26 Prozent mit einer Verschlechterung. Rund 65 Prozent rechnen weder mit einer Erhöhung noch Reduktion der Exporte. Die Stimmung hat sich mit Blick auf den Herbst/Winter insgesamt etwas gesenkt.

Interview mit:

Guido Herzog

Guido Herzog

CEO und Inhaber der Seilerei Herzog AG

Die Seilerei Herzog AG ist – wie der Name schon sagt – Expertin für Seile. Ob gedrehte, geflochtene, gewobene Seile aus textilen Fasern – die Seilerei Herzog mit ihren knapp zehn Mitarbeitenden stellt sie alle her. Diese Seile werden in den verschiedensten Bereichen eingesetzt: so zum Beispiel für Wegabsperrungen, für Kletternetze auf Spielplätzen, als Rettungsseile für die Feuerwehr, als Kabeleinzugsseile im Baugewerbe und für diverse individuelle Kundenlösungen.

Ist es Ihnen nach Aufhebung des Lockdowns gelungen, den Schalter rasch auf Produktion umzulegen? Glücklicherweise war das gar nicht notwendig. Die Auftragslage in unserem Betrieb war über den Lockdown hinaus gut. Wir mussten die Produktion deshalb nicht drosseln und konnten wie gewohnt weiterproduzieren. Einzig in der Konfektion befürchteten wir einen kleinen Rückgang der Auslastung. Diesen konnten wir aber durch die Intensivierung der Produktion von Klausgeisseln aus reiner Handarbeit (für den Zentralschweizer Brauch des Chlauschlöpfens im November) verhindern.

Gibt es bei den Seilen Anwendungsbereiche, die dank der Corona-Situation zulegen konnten?
In der Tat. So gab es während, aber vor allem kurz nach dem Lockdown eine riesige Nachfrage seitens der Schweizerinnen und Schweizer nach Seilen für den Gartenbereich (Kletterseile für Spielplätze usw.). Da das Reisen auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, widmeten sich die Endkonsumenten vermehrt ihrem Daheim. Dann gab es aber auch Bereiche, die sich rückläufig entwickelten. Als Beispiel dienen Rettungsseile für die Feuerwehr. Da die Feuerwehr während des Lockdowns keine Übungen mehr durchführen konnte, brauchte sie auch kein neues Material.

Wie gestaltet, bzw. gestaltete sich der Bezug von Vormaterialien?
Von den Lieferverzögerungen blieben wir mehrheitlich verschont. Grund dafür ist, dass wir im Januar bereits einen grossen Einkauf von Rohmaterialien getätigt haben. Wir befürchteten damals einen Anstieg der Erdöl- und damit auch der Polyesterfaserpreise aufgrund der Tötung des iranischen Generals Soleimani durch die USA. Unser Rohstofflager war deshalb gut gefüllt und reichte auch für den Lockdown aus. Vereinzelt mussten wir noch gewisse Einkäufe tätigen. Da merkten wir eine starke Verzögerung. Transporte aus Deutschland, die in der Regel drei bis vier Tage betragen, dauerten plötzlich eineinhalb bis zwei Wochen. Das hat sich dann aber wieder normalisiert.

Hat die Krise die Seilerei Herzog zu einem Umdenken bewegt bezüglich der Unternehmensstrategie?
Das ist so, und zwar in zwei Bereichen: Wir haben erkannt, wie wichtig ein grosses Rohstofflager ist. Wir haben dies zwar – wie ich vorher erwähnt habe – aus einem anderen Grund erweitert. Wir werden aber auch künftig frühzeitig genug einkaufen. Ein grösseres Rohstofflager birgt auch Risiken, diese nehmen wir aber in Kauf, um nicht in einen Engpass zu geraten. Zweitens haben wir Anfang Juli unser Geschäftsmodell geschärft und eine neue Website mit Onlineshop in Betrieb genommen. So können uns die Kunden auch in Zeiten eines Lockdowns erreichen. Zwar kaufen die Kunden gegenwärtig wieder vermehrt in den stationären Läden, wir haben aber stark an Sichtbarkeit gewonnen. Die Zahl der kundenspezifischen Anfragen ist seither gestiegen.

Welche Erwartungen haben Sie bezüglich des Weihnachtsgeschäfts?
Derzeit sind wir gut aufgestellt, was aber in drei bis vier Wochen ist, kommt Kaffeesatzlesen gleich. Ein wichtiges Geschäft für uns ist der Brauch des Chlauschlöpfens, der Anfang November bis zum 6. Dezember stattfindet. Wir hoffen, dass die Zentralschweizer trotz Absagen vieler Anlässe rege unsere Klausgeisseln kaufen und es die Kinder und Erwachsenen krachen lassen.

Wir danken Guido Herzog herzlich für das Interview.

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