Jasmin Schmid — 19.08.2021

Der Textil- und Bekleidungsbranche gelang ein starker Aufschwung im zweiten Quartal. Besonders gut geschlagen haben sich die Stickereien. Mit unserem Interviewpartner Adrian Beeli, CEO der Union AG, widmen wir uns diesem Bereich etwas stärker und gehen der Frage nach, ob wir in 20 Jahren Wäsche chinesischer Marken tragen.

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche

Die Erwartungen seitens der Textil- und Bekleidungsbranche an das zweite Quartal 2021 waren hoch. Der Rückblick verrät, dass diese erfüllt wurden. Die KOF-Konjunkturindikatoren sind sich für die Textil- und Bekleidungsbranche einig und stiegen im zweiten Quartal allesamt an.

Auf eine erfreulich kräftige Erholung deutet die Bewertung der Geschäftslage durch die verarbeitenden Textil- und Bekleidungsunternehmen hin. Ohne Rückschläge und mit Schwung nähert sie sich im zweiten Quartal dem positiven Bereich an, knackt ihn aber knapp nicht. Der Auftragsbestand des verarbeitenden Textil- und Bekleidungsgewerbes legte im Gegensatz zum allgemeinen Trend der Gesamtindustrie zu. Seine Bewertung liegt im Juni gar über Vorkrisenniveau. Dagegen kommt die Kapazitätsauslastung noch nicht so richtig vom Fleck. Immerhin erhöhte sie sich geringfügig auf 78 Prozent. Der Textil- und Bekleidungsgrosshandel verbesserte sich weiter auf hohem Niveau. Die Bewertung der Geschäftslage legte erneut zu, wenn auch etwas an Schwung einbüssend. Die Nachfrage nach Leistungen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels kompensierte die Phase des Abschwungs des vierten Quartals 2020 und des ersten Quartals 2021 wieder. Beide Indikatoren liegen solid im positiven Bereich.

Die tiefen COVID-19-Fallzahlen und die Impffortschritte erlaubten es vielen Ländern, Lockerungen bei den Corona-Massnahmen in den Frühlingsmonaten vorzunehmen. Davon profitierten auch die Auslandsverkäufe unserer Branche. Die Textilexporte erreichten gegenüber dem Vorjahresquartal ein Plus von 12.7 Prozent. Zu diesem Plus trugen sämtliche Warengruppen bei. Die stärkste Erhöhung mit über 60 Prozent erreichten die speziellen Textilflächengebilde aufgrund der Verdoppelung der Stickereiexporte, die hauptsächlich nach Europa und Afrika geliefert werden. Breit abgestützt ist dieser Aufschwung auch bezüglich der Abnehmerländer. Die wichtigsten Exportmärkte wie die EU, die USA und China legten kräftig zu. Die bereinigten Bekleidungsexporte wuchsen um satte 51.5 Prozent. Mit Ausnahme von Frankreich zog auch hier die Nachfrage der wichtigsten Abnehmerländer stark an.

Die Lage der Textil- und Bekleidungsbranche präsentierte sich im zweiten Quartal somit günstig. Der Aufschwung ist aber noch nicht abgeschlossen. Erstens befinden sich Geschäftslage und Kapazitätsauslastung des verarbeitenden Textil- und Bekleidungsgewerbes noch nicht ganz auf Vorkrisenniveau. Zweitens zeigt der Gesamtindustrievergleich, sowohl bei der verarbeitenden wie auch bei der handelnden Textil- und Bekleidungsbranche, dass noch Luft nach oben ist. Drittens liegen die Textil- bzw. die Bekleidungsexporte im Vergleich zum zweiten Quartal 2019 noch mit 9.6 bzw. 1.0 Prozent im Minus. Angesichts der nach wie vor eingeschränkten Reisetätigkeit und der unterbundenen Messetätigkeit ist das kaum verwunderlich. Umso bemerkenswerter ist der Aufschwung des zweiten Quartals.

Konjunkturindikatoren

Kapazitätsauslastung

Die Kapazitätsauslastung der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsbranche verbesserte sich im zweiten Quartal nur geringfügig. Sie liegt im Juni bei rund 78 Prozent. Währenddessen nimmt die Kapazitätsauslastung der Schweizer Gesamtindustrie bereits die 85-Prozent-Marke ins Visier.

Geschäftslage verarbeitende Industrie

Im zweiten Quartal kam es zu einer kräftigen Erholung der Geschäftslage der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsbranche. Sie verpasst den positiven Bereich nur knapp. Im Juni bewerteten 31 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als schlecht, 22 Prozent als gut und 47 Prozent als befriedigend.

Auftragslage

Die Auftragslage knüpfte an den Aufschwung im März an und legte besonders im April stark zu. Den COVID-Einbruch lässt sie hinter sich. Im Juni meldeten 32 Prozent der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsunternehmen einen zu kleinen, zehn Prozent einen grossen und 58 Prozent einen normalen Auftragsbestand.

Geschäftslage Grosshandel

Die Geschäftslage des Textil- und Bekleidungsgrosshandels hat sich im zweiten Quartal weiter verbessert. Der Abstand zur Geschäftslage des Gesamtgrosshandels hat sich indessen etwas vergrössert. 30 Prozent der Unternehmen bewerteten im Juli ihre Geschäftslage als gut, 13 Prozent als schlecht und 56 Prozent als befriedigend.

Nachfrage Grosshandel

Bei 37 Prozent der Unternehmen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels ist die Nachfrage im zweiten Quartal gestiegen, bei 35 Prozent gleich geblieben und bei 28 Prozent gesunken. Nach dem Einbruch im ersten Quartal 2021 zog die Nachfrage somit insgesamt an und schwang sich in den positiven Bereich. Die Nachfrage des Gesamtgrosshandels befindet sich auf Rekordniveau.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage zurzeit insgesamt als gut, befriedigend, schlecht.» Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als gross, normal, zu klein.» Die Nachfrage umfasst die Nachfragen nach Leistungen im In- und Ausland. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Die Nachfrage nach unseren Leistungen ist in den letzten drei Monaten gestiegen, gleich geblieben, gesunken.»

Ausgewiesen wird für die vier Indikatoren der saisonbereinigte Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. Die Angaben der positiven und negativen Antworten (Prozentzahlen im Text) sind nicht saisonbereinigt. (Quelle: KOF ETHZ)


Beschäftigte

Aussenhandel

Im 2. Quartal 2021 wurden Textilien im Wert von 305 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Plus von 12.7 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 22.8 Prozent und belaufen sich auf 744 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 51.5 Prozent gestiegen und liegen bei 235.6 Millionen Franken.

Im 2. Quartal 2021 wurden Textilien im Wert von 552 Millionen Franken importiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 44.6 Prozent. Die Bekleidungsimporte verzeichnen ein Plus von 15.7 Prozent und belaufen sich auf 1.95 Milliarden Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsimporte um 16.7 Prozent gestiegen und liegen bei 1.44 Milliarden Franken.

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Entwicklung Exporte
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Entwicklung Importe
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Textilimporte und exporte nach Wirtschaftsraum
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Bekleidungsimporte exporte nach Wirtschaftsraum
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Exporte und Importe nach Warengruppen

Ausblick und Erwartungen

Für das laufende Quartal stehen die konjunkturellen Aussichten für die Textil- und Bekleidungsbranche sehr gut. Die Zuversicht der Unternehmen der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsbranche bezüglich der Bestellungen steigt seit April stetig an. 42 Prozent der von der KOF befragten Textil- und Bekleidungsunternehmen des verarbeitenden Gewerbes rechnen mit steigenden, fünf Prozent mit sinkenden und 53 Prozent mit gleichbleibenden Bestellungen. Stark optimistisch für das dritte laufende Quartal zeigen sie sich auch mit Blick auf die Exporte. Die Erwartungen dringen erstmals seit fünf Quartalen wieder in den positiven Bereich. 28 Prozent der befragten Textil- und Bekleidungsunternehmen des verarbeitenden Gewerbes gehen dabei von steigenden Exporten aus, 17 Prozent von sinkenden und 55 Prozent rechnen mit keiner Veränderung. Das deckt sich auch mit den Erwartungseinschätzungen der Textil- und Bekleidungsunternehmen des Grosshandels. Mit stattlichen 58 Prozent der befragten Unternehmen, die von einer steigenden Nachfrage ausgehen, zeigen sie sich äusserst zuversichtlich für das laufende Quartal. Lediglich zwei Prozent der Unternehmen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels rechnen mit einem Nachfragerückgang und 40 Prozent erwarten keine Veränderung.

Eine erneute Steigerung gab es bei den Erwartungen der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsunternehmen zu den Verkaufspreisen. Diese ist wohl weiterhin unter anderem auf den starken Anstieg der Rohstoff- und Transportpreise zurückzuführen. So gehen 28 Prozent der befragten Unternehmen von steigenden und lediglich drei Prozent von sinkenden Verkaufspreisen aus. 69 Prozent erwarten stabile Verkaufspreise. Etwas differenzierter sieht es bei den Textil- und Bekleidungsunternehmen des Grosshandels aus. Deren Erwartungen verbleiben zwar im positiven Bereich, haben sich allerdings im Vergleich zu denjenigen für das zweite Quartal wieder deutlich gesenkt. Während für das zweite Quartal des laufenden Jahres rund die Hälfte der befragten Textil- und Bekleidungsgrosshandelsunternehmen von steigenden Verkaufspreisen ausgingen, rechnen für das dritte Quartal 14 Prozent mit einer Steigerung der Verkaufspreise. Kein einziges der befragten Unternehmen geht von sinkenden Verkaufspreisen aus und 86 Prozent erwarten keine Veränderung.

Die Erwartungen bezüglich der Beschäftigungsentwicklung liegen im verarbeitenden Textil- und Bekleidungsgewerbe nicht ganz so hoch wie für das zweite Quartal. Im historischen Vergleich präsentieren sie sich allerdings auf einem nach wie vor soliden Niveau. Die grosse Mehrheit der befragten Unternehmen von 89 Prozent geht von keiner Veränderung bei der Beschäftigung aus, ein Prozent erwarten steigende und zehn Prozent sinkende Beschäftigungszahlen. Im Textil- und Bekleidungsgrosshandel erreichen die Erwartungen erstmals seit 1.5 Jahren wieder den positiven Bereich. Keines der Unternehmen geht von einer sinkenden Beschäftigung aus, fünf Prozent rechnen gar mit einer Steigerung. Für die Mehrheit von 95 Prozent sollen sich die Beschäftigtenzahlen im dritten Quartal stabil halten.

Der Schwung, den die Branche im zweiten Quartal erreicht hat, scheint auch für das dritte Quartal zu reichen. Zur Bewährungsprobe wird der Herbst bzw. das vierte Quartal. Ausschlaggebend wird sein, wie sich die Impfwirkung gegenüber den neuen COVID-19-Varianten bewährt und wie die Staaten auf die COVID-19-Entwicklungen reagieren werden.

Interview mit

Adrian Beeli

Adrian Beeli

Union AG
CEO

Die Union AG ist ein Traditionsunternehmen, welches seit über 260 Jahren hochwertige Stickereien für luxuriöse Lingerie herstellt. Im Jahre 1992 nahm die Union AG als eines der ersten europäischen Stickereiunternehmen eine eigene Produktion in China in Betrieb. Im Jahr 2020 erhielt sie die Auszeichnung «Interfilière Designer of the Year».

Die Ausfuhren von Stickereien liefen im zweiten Quartal mit einem Plus von 60 Prozent besonders gut. Besteht ein immenser Nachholbedarf an Stickereien? Die Menschen leisten sich wieder schöne, spezielle und wertvollere Textilien, zumal sie während des Lockdowns, Homeoffice und der geschlossenen Läden verzichten mussten. Die Stickerei steht auch heute noch für ein exklusives und individuelles Produkt, mit dem man sich von der Masse abheben kann.

Aufgrund der weltweiten Lockdowns brach auch die Nachfrage nach Bekleidung ein. Hat der Wäschebereich inzwischen das Vorkrisenniveau wieder erreicht? Der Nachholbedarf ist phänomenal und liegt weit über dem Vorkrisenniveau. Vor allem ist es erstaunlich, dass alle Preissegmente der Wäsche davon profitieren und die Stickereien nicht nur in der Luxuswäsche eingesetzt werden.

Messen bleiben nach wie vor aus, die Reisetätigkeit ist eingeschränkt. Welche Verkaufsstrategien verfolgt die Union AG? Dadurch, dass wir in den letzten Jahren sehr viel in eine moderne Infrastruktur und die IT-Systeme investierten, waren wir kurzerhand bereit, unsere Produkte in virtuellen Sitzungen den Kundinnen und Kunden zu präsentieren. Zudem bauten wir unsere Social-Media-Kanäle weiter aus und nahmen an virtuellen Messen teil. Der persönliche Kontakt zur Kundschaft wird aber auch weiterhin sehr wichtig sein. Wir freuen uns jetzt schon, Kundinnen und Kunden sowie Designerinnen und Designer wieder persönlich zu besuchen und die Kollektion vorzulegen.

Die Stickereien aus China sind in den USA derzeit mit Strafzöllen von 25 Prozent belegt. Wie stark beeinträchtigt das die chinesischen Produzenten und die amerikanischen Modehäuser? Wie immer bei Sanktionen gibt es Auswege, um Straffzölle zu umgehen. Die Konfektion wird zum Beispiel in Länder wie Vietnam, Kambodscha oder Bangladesch ausgelagert, die nicht sanktioniert sind. So spielt es beim Export in die USA keine Rolle mehr, dass gewisse Zutaten aus China kommen.

Bewegen sich Ihre Kundinnen und Kunden im Wäschebereich mit ihren Konfektionsbetrieben in die südostasiatischen Staaten oder findet eine Nahverlagerung nach Europa statt? In letzter Zeit versuchen kleinere und meist neu entstandene Labels, die Produktion wieder in Europa zu organisieren. Die Masse wird aber weiterhin in Asien produziert werden, da die Textilketten in der westlichen Welt zu stark auseinandergebrochen sind und eine Konfektion grösserer Mengen überhaupt nicht mehr möglich wäre.

Die wichtigsten Luxushäuser im Wäschebereich sind derzeit europäisch oder amerikanisch. Dominieren in 20 Jahren chinesische Marken die Modenschauen? Die chinesischen Wäschehersteller haben technisch wie auch modisch sehr aufgeholt. Sie feiern im eigenen Land immer grössere Erfolge. Heutzutage kaufen nicht mehr alle Chinesen europäische oder amerikanische Marken, um ihren Status zu demonstrieren. Die chinesischen Marken sind selbstbewusster und moderner geworden. Einige Grössere unter ihnen haben bereits in Europa oder den USA Niederlassungen mit eigener Designabteilung gegründet, um sich auch in diesen Märkten zu etablieren. Die angestammten Luxushäuser im Westen müssen noch innovativer werden und gerade im Umweltschutz wie zum Beispiel beim Textilrecycling führend sein, um dadurch Asien die Stirn zu bieten.

Wir danken Adrian Beeli herzlich für das Interview.

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