Jasmin Schmid — 11.03.2019

Aufgrund der nachlassenden ausländischen Nachfrage war eine Abschwächung der Exporte im vierten Quartal zu erwarten. Die Textilexporte schrumpften im vierten Quartal mit 4.3 Prozent aber gar etwas unerwartet stark. Nichtsdestotrotz war das Jahr 2018 insgesamt ein erfolgreiches für die verarbeitende Textil- und Bekleidungsindustrie. Die Indikatoren zeigten auch noch Ende Jahr nach oben.

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage

Die Schönwetterlage auf globaler Ebene verdunkelte sich im dritten und vierten Quartal. Gerade der Handelsstreit drückte auf das Investitionsvolumen und den globalen Handel. Letzterer fiel im 2018 auf eine Wachstumsrate von 3.8 Prozent zurück und verzeichnete damit die markanteste Entschleunigung seit 2012. So wuchs die Weltwirtschaft im dritten Quartal nur noch mit 2.4 Prozent. Die Zahlen für das vierte Quartal sind noch ausstehend, dürften allerdings ähnlich schwach ausfallen, zumal der Indikator der industriellen Produktion PMI und die Exportaufträge auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren zurückfielen. Das Zugpferd USA blieb noch verschont. Dagegen kam es in der Eurozone zu einer deutlichen Verlangsamung in der zweiten Jahreshälfte. Das Wachstum fürs 2018 wird auf 1.9 Prozent geschätzt (Weltbank).

Die globale Dämpfung beeinträchtigte die Schweizer Wirtschaft überraschend stark. Die sich in der Eurozone schwächelnde Konjunktur ging mit einem Erstarken des Schweizer Frankens einher. Dies verstärkt den negativen Effekt auf die ausländische Nachfrage nach Schweizer Gütern zusätzlich. Sichtbar wird dies in den Exporten des dritten Quartals, die gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt um 2.9 Prozent zurückgingen. Aber auch die inländische Nachfrage schwächte sich ab. In der zweiten Jahreshälfte rechneten die Konsumenten und Konsumentinnen zwar nach wie vor mit einer robusten Wirtschaftsleistung, jedoch trübten sich mit Blick auf die Teuerung ihre Erwartungen gegenüber dem eigenen Budget. So schrumpfte das Schweizer BIP im 3. Quartal um 0.2 Prozent (Seco).

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Die nachlassende globale Nachfrage im dritten Quartal bekam die Textil- und Bekleidungsindustrie mit verzögerter Wirkung zu spüren. Die Textilexporte schrumpften im vierten Quartal mit 4.3 Prozent aber unerwartet stark. Trotz dieser Abkühlung war das Jahr 2018 insgesamt ein erfolgreiches für die Bran-che. Die Kapazitätsauslastung und die Bewertung der allgemeinen Geschäftslage folgten beide einem Aufwärtstrend und brachen Ende Jahr einen weiteren Rekord im 10-Jahres-Vergleich. Die Auftragslage sackte zwar etwas ab. Dieser Abschwung ist allerdings in Relation zur explosionsartigen Entwicklung der Bestellungen Ende 2017 zu setzen. Auch der Arbeitsmarkt präsentiert sich Ende Jahr sehr günstig. Es ist daher davon auszugehen, dass sich die Exporte im ersten Quartal des laufenden Jahres wieder etwas erholen werden.

Kapazitätsauslastung in Prozent
Liniendiagramme Kapazitaetsauslastung Winter 2018 2019

Höchst erfreulich entwickelte sich die Kapazitätsauslastung der Textil- und Bekleidungsindustrie. Im vierten Quartal legte sie einen starken Endspurt hin und erreichte das Niveau vor der Finanzkrise 2008. Die Kapazitätsauslastung der Gesamtindustrie hält sich stabil bei knapp unter 85 Prozent.

Geschäftslage (Saldo)
Liniendiagramm Geschaeftslage Winter 2018 2019

Ende 2018 bewerteten die Textil- und Bekleidungsunternehmen die allgemeine Geschäftslage so positiv wie seit Ende 2007 nicht mehr. Diese Bewertung wird von den Unternehmerinnen und Unternehmern im ersten Monat des laufenden Jahres bereits etwas nach unten an die Geschäftslage der Gesamtindustrie angepasst. Die Geschäftslage dürfte im 2018 die Spitze somit erreicht haben und steuert nun auf eine Normalisierung hin.

Auftragsbestand (Saldo)
Liniendiagramm Auftragsbestand Winter 2018 2019

Die Auftragslage in der Textil- und Bekleidungsindustrie verhält sich äusserst volatil. Ende 2018 sah es danach aus, als befände sie sich im freien Fall. Doch fingen sich die Bestellungen im Januar 2019 wieder auf. Die grosse Differenz zur Auftragslage der Gesamtindustrie wurde somit etwas kleiner. In den starken Auswüchsen nach oben und nach unten widerspiegelt sich die unsichere politische Lage.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: zu gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)

Beschäftigungslage
Beschaeftigungslage Winter 2018 2019

Aussenhandel

Im 4. Quartal 2018 wurden Textilien im Wert von 318 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 4.3 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 12.2 Prozent und belaufen sich auf 699 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 4.9 Prozent gestiegen und liegen bei 251 Millionen Franken.

Exporte Textilien
Balkendiagramm Exp Textilien Winter 2018 2019
Exporte Bekleidung (ohne Rückwaren)
Balkendiagramm Exp Bekleidung Winter 2018 2019
Exporte nach Wirtschaftsräumen
Exporte Nach Wirtschaftsraeumen Winter 2018 2019
Exporte nach Warengruppen
Exporte Nach Warengruppen Winter 2018 2019

Ausblick und Erwartungen

Für die Branche wird es schwierig werden, ihre hervorragende Leistung des vergangenen Jahres im neuen Jahr erneut zu übertreffen. Die Aussichten für das globale Weltwirtschaftswachstum im 2019 präsentieren sich nämlich gedämpft. Aufgrund des nachlassenden Handels und der sich verschärfenden Finanzierungskonditionen schätzt die Weltbank das Wachstum auf 2.9 Prozent. Das Wirtschaftswachstum wichtiger Impulsgeber wie den USA, China sowie der Eurozone wird sich aller Voraussicht nach deutlich verlangsamen. In den USA befanden sich der Einkaufsmanagerindex sowie die Konsumentenstimmung Ende Jahr bzw. im Januar 2019 auf dem tiefsten Stand seit Oktober 2016. Das sind erste Anzeichen, dass die fiskalpolitischen Stimuli allmählich ihre Wirkung verlieren. Zwecks Senkung der Schuldenquote fährt der chinesische Staat seine Ausgaben zurück. Damit reduzieren sich auch die Fiskalimpulse zum Erhalt der sanften Landung. Für China wird deshalb ein geringeres Wachstum von 6.2 Prozent prognostiziert. Allen voran wird aber die Eurozone am meisten zu leiden haben. Die schrumpfende ausländische Nachfrage in Kombination mit der strafferen Geldpolitik wird das Wachstum gemäss Weltbank auf 1.6 Prozent drücken. Darüber hinaus wälzt sich die EU mit Brexit und den US-Strafzollandrohungen in einem Nebel grosser Unsicherheiten. Und schliesslich droht auch der Türkei ein schwaches Jahr mit einem prognostizierten Wachstum von lediglich 1.6 Prozent. Für die Schweiz rechnet das Seco mit einer Abschwächung auf eine Wachstumsrate von 1.5 Prozent.

Gerade die Entwicklungen in der Eurozone bzw. der EU werden für die Textil- und Bekleidungsunternehmen von grosser Bedeutung sein. Die preissensible und exportorientierte Branche spürt die sich straffenden Rahmenbedingungen und hat entsprechend ihre Erwartungen in Bezug auf die Exporte, die Bestellungen und die Beschäftigung gesenkt. Die Bewertung der allgemeinen Geschäftslage im Januar befindet sich zwar nach wie vor auf hohem Niveau, wurde allerdings etwas nach unten revidiert. Dagegen wird den Verkaufspreisen eine deutliche Verbesserung zugetraut. Von der Erholung der Margen gilt es zu profitieren und diese klug einzusetzen. Besondere Bemühungen seitens der Unternehmen zur Effizienzsteigerung und zur Eroberung neuer Märkte, aber auch seitens der Verwaltung zur Verbesserung der Rahmenbedingungen sind nun gefordert, um die bevorstehende Abkühlung und die Unsicherheiten zu überbrücken.

Interview zum Konjunkturbericht mit:

Bojan Mamula

Bojan Mamula

J. Weder-Meier AG
Geschäftsführer

Die J. Weder-Meier AG entwickelt und produziert Hemden und Blusen.

Gemäss der Bewertung der allgemeinen Geschäftslage durch die Textil- und Bekleidungsunternehmen erreichte die Branche im 2018 sogar das Niveau vor der Finanzkrise 2008. Sehen Sie das Jahr 2018 ebenfalls als erfolgreich?

Leider können wir diese Tendenz aus unserer Perspektive nicht bestätigen. Durch unsere ausschliessliche Tätigkeit im Schweizer Markt spüren wir immer noch die Folgen der Mindestkursaufgabe €/CHF durch die Schweizerische Nationalbank im Jahr 2015. Wir beliefern insbesondere Detailhändler. Der starke Franken hat den Einkaufstourismus für die Endkonsumenten wesentlich attraktiver gemacht, was unsere Kunden wiederum in Bedrängnis gebracht hat. Unser 2018 war entsprechend sehr herausfordernd.

Die Auftragslage hat sich nach einem explosionsartigen Aufschwung Ende 2017 während des Jahres 2018 wieder abgeschwächt. Handelt es sich um eine Normalisierung oder sehen Sie einen Abwärtstrend?

Wir würden nicht von einem Abwärtstrend sprechen. Wir sehen vielmehr eine Konsolidierung, die zu Effizienzsteigerung und möglicher Diversifikation genutzt werden kann.

Die J. Weder-Meier AG konzentriert sich hauptsächlich auf den Schweizer Markt. Sind Sie dennoch von internationalen Entwicklungen betroffen und falls ja, von welchen?

Durchaus. All unsere Ausgangsmaterialien und Zutaten werden importiert. Somit sind wir indirekt von allen welt- und finanzpolitischen Handlungen betroffen. Wir spüren sie einfach etwas verzögert.

Laut einer Studie von McKinsey soll sich die Bekleidungsindustrie wieder stärker in Europa ansiedeln. Die J. Weder-Meier AG produziert bereits in Europa. Was bedeutet dieser Trend für diejenigen Unternehmen, die bereits in Europa sind?

Grundsätzlich ist es eine sehr erfreuliche und wünschenswerte Entwicklung. Gleichzeitig führt dieser Trend wiederum zu einer höheren Nachfrage. Die Kapazitäten sind seit den 1990er-Jahren nach China abgewandert und können nicht über Nacht hochgefahren werden. Eine hohe Nachfrage führt zwangsläufig zu einer Preiserhöhung, und es wird schwierig werden, gut qualifizierte Arbeitskräfte für unseren Partnerbetrieb im Ausland halten zu können.

Der Schweizer Bekleidungsmarkt wird zurzeit durch den Onlinehandel stark aufgewühlt. Wie spürt die J. Weder-Meier AG den Effekt des Onlinehandels und wie reagiert sie darauf?

Es ist generell schon bedenklich, wenn aufgrund ausländischer Onlinezulieferer viel Umsatz ins Ausland zu Unternehmen abwandert, die in der Schweiz keinen einzigen Arbeitsplatz schaffen. Hier hat bestimmt die gesamte Branche ein Bedürfnis des Endkonsumenten verpasst. Uns als B2B-Partner spielt es grundsätzlich keine Rolle, über welchen Kanal die zu produzierenden Produkte vertrieben werden. Aber wir sehen sicher auch für uns Chancen, sich in der Nische mit dem Thema Online in Zukunft zu beschäftigen.

Wir danken Ihnen herzlich für das Interview.

Weitere Auskünfte

Jasmin Schmid

Jasmin Schmid

Leiterin Wirtschaft und Statistik
T: +41 44 289 79 01
jasmin.schmid@swisstextiles.ch

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