Jasmin Schmid — 22.08.2019

Seit dem vierten Quartal 2018 befindet sich die Textil- und Bekleidungsindustrie in einer Phase des Abschwungs. Das sich schleppend entwickelnde Weltwirtschaftswachstum und das globale Unbehagen, ausgelöst durch die Handelskonflikte, machen ihr zu schaffen. Die Aussichten bleiben vorerst trüb. Doch es gibt auch Unternehmen, die in diesem schwierigen Umfeld positiv herausstechen. Ein Beispiel ist die Nile Clothing AG.

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage

Das erste Halbjahr 2019 war geprägt von einem zögerlichen Weltwirtschaftswachstum. Während sich die USA, die Eurozone und Japan im ersten Quartal besser entwickeln konnten als erwartet, blieben die Schwellen- und Entwicklungsländer hinter den Erwartungen zurück. Die konjunkturellen Stimmungsheber (u. a. Lageraufbau) in den Industriestaaten dürften allerdings einen kurzen Atem haben. Gerade für die verarbeitende Industrie mahnen die Indikatoren im zweiten Quartal zu stärkerer Vorsicht: Im Mai wuchs die globale industrielle Produktion mit einer Rate von 2.0 Prozent und damit halb so stark wie noch im Jahr zuvor. Im gleichen Monat befand sich der globale Einkaufsmanagerindex auf dem tiefsten Stand seit Oktober 2012 und läutete eine rückläufige Entwicklung ein. Die gedämpften langfristigen Ausgaben der Unternehmen sowie der Konsumenten und Konsumentinnen, mangels Vertrauen in den Markt, beeinträchtigten auch im zweiten Quartal den globalen Handel. Dieser sank im April und im Mai um 2.9 bzw. 1.1 Prozent. (Weltbank und Internationaler Währungsfonds)

Mit Blick auf die Eurozone, wo die industrielle Produktion seit mehreren Monaten Schwierigkeiten bekundet, überrascht das Schweizer verarbeitende Gewerbe ein weiteres Mal mit dem grössten Wachstumsbeitrag zum BIP von 0.6 Prozent im ersten Quartal. Dies dank einer soliden ausländischen Nachfrage nach Schweizer Gütern, trotz rückläufigem globalen Handel. Im ersten und im zweiten Quartal verbuchten die Schweizer Exporte robuste Wachstumsraten mit 5.3 bzw. 2.5 Prozent. Es bestehen allerdings Anzeichen, dass die globalen Entwicklungen auch auf die Schweizer Exportindustrie überschwappen werden. So fiel denn auch der Einkaufsmanagerindex der Schweizer Industrie im zweiten Quartal unter die Wachstumsschwelle. Die Geschäftslage wurde von der Schweizer Gesamtindustrie im Mai noch als günstig beurteilt, die exportorientierten Unternehmen revidierten ihre Geschäftslage allerdings klar nach unten. Die Auslandsaufträge werden von den Unternehmen deutlich als zu gering eingestuft. (Seco, KOF)

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Anders als die Schweizer Gesamtindustrie reagierte die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie bereits im vierten Quartal 2018 auf die zögerliche Entwicklung des Weltwirtschaftswachstums und den rückläufigen globalen Handel. Im zweiten Quartal 2019 hat sich die Lage nun weiter verschlechtert. Die Textil- und Bekleidungsunternehmen bewerteten ihre Auftragslage um rund 20 Punkte tiefer als noch im März. Als Folge verabschiedete sich die Kapazitätsauslastung von ihrem Rekordniveau. Diese befindet sich im Vergleich zur Gesamtindustrie aber weiterhin auf einem hohen Niveau. Dies vermutlich deshalb, weil die Unternehmen dem sinkenden Auftragsbestand mit einem höheren Lagerbestand entgegenwirkten. Die Bewertung der allgemeinen Geschäftslage der Textil- und Bekleidungsindustrie bewegte sich im zweiten Quartal auf und ab. Zuletzt im Juni verringerte sie sich erneut und der Abstand zur Gesamtindustrie vergrösserte sich. Die Textil- und Bekleidungsexporte erlitten im Vorjahresvergleich erneut ein klares Minus von 8.0 bzw. 5.5 Prozent im zweiten Quartal.

Kapazitätsauslastung (in Prozent)
Liniendiagramme Kapazitaetsauslastung Sommer 2019

Die Kapazitätsauslastung der Textil- und Bekleidungsindustrie kann im zweiten Quartal das Rekordniveau nicht mehr halten. Sie fällt um ein paar Prozentpunkte nach unten und gleicht sich der Kapazitätsauslastung der Gesamtindustrie an. Auch Letztere verzeichnet einen Rückgang.

Geschäftslage (Saldo)
Liniendiagramm Geschaeftslage Sommer 2019

Der drastische Fall der allgemeinen Geschäftslage des Vorquartals fing sich im Mai etwas auf, bevor sich im Juni die Bewertung erneut verschlechtert hatte. Sinkend präsentiert sich auch die Bewertung der Geschäftslage der Gesamtindustrie. Diese befindet sich im Gegensatz zu derjenigen der Textil- und Bekleidungsindustrie allerdings noch im positiven Bereich.

Auftragsbestand (Saldo)
Liniendiagramm Auftragsbestand Sommer 2019

Die Auftragslage in der Textil- und Bekleidungsindustrie driftet im Gesamtindustrievergleich weiter ab. Die Textil- und Bekleidungsunternehmen korrigierten den Auftragsbestand in den beiden Monaten April und Mai stark nach unten. Im Juni blieb der Auftragsbestand stabil. Dagegen verbuchte die Auftragslage der Gesamtindustrie eine geringere Einbusse.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: zu gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)

Beschäftigungslage
Beschaeftigungslage Sommer 2019

Aussenhandel

Im 2. Quartal 2019 wurden Textilien im Wert von 334 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 8.0 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 2.6 Prozent und belaufen sich auf 709 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 5.5 Prozent gesunken und liegen bei 238 Millionen Franken.

Exporte Textilien (Prozentuale Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal)
Balkendiagramm Exp Textilien Sommer 2019
Exporte Bekleidung (ohne Rückwaren / (Prozentuale Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal)
Balkendiagramm Exp Bekleidung Sommer 2019
Exporte nach Wirtschaftsräumen
Exporte Nach Wirtschaftsraeumen Sommer 2019
Exporte nach Warengruppen
Exporte Nach Warengruppen Sommer 2019

Quelle Grafiken Aussenhandel: Eidgenössische Zollverwaltung

Ausblick und Erwartungen

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China ist nach wie vor ungelöst, und es droht eine weitere Eskalation. Als ob dies nicht bereits genügend Anlass zur Sorge bietet, hat sich der Handelskonflikt auf weitere Länder ausgedehnt. So entzogen die USA Indien Handelspräferenzen, worauf Indien wiederum mit Strafzöllen auf US-Produkten reagierte. Aber auch fernab den USA wird gestritten. Japan strich Südkorea von der Liste der bevorzugten Handelspartner. Seither boykottiert Südkorea japanische Produkte. Auf diese Entwicklungen reagieren die Börsen nervös. Da hilft auch die Nachricht über den Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Mercosur nichts. Die Flucht in sichere Häfen wie den starken Franken oder Gold ist wieder Programm. Der Druck auf den Schweizer Franken ist gestiegen: Im August unterschritt der Euro-Franken-Kurs die 1.10-Marke.

Druck kommt allerdings nicht nur von den Anlegern, sondern auch von den Zentralbanken. So behält sich die Europäische Zentralbank (EZB) vor, Zinssenkungen vorzunehmen und mehr Anleihenkäufe zu tätigen. Damit ist sie nicht alleine. Mit starker Unterstützung durch Präsident Trump lockerte auch die US-Notenbank FED ihre Geldpolitik mit einer Zinssenkung um 0.25 Prozentpunkte. Ob dies mit Blick auf die US-Wirtschaft zum jetzigen Zeitpunkt notwendig war ist fraglich. Die US-Wirtschaft wird zwar nicht mehr an das starke Wachstum von 2018 anknüpfen können, die Weltbank traut ihr aber ein solides Wachstum von 2.5 Prozent für das laufende Jahr zu. Unbestritten ist, dass allfällige negative Auswirkungen der Strafzölle durch eine lockere Geldpolitik abgefedert werden können und eine boomende Wirtschaft im Wahlkampf noch nie geschadet hat.

Das Wirtschaftswachstum unseres wichtigsten Handelspartners, der Eurozone, dümpelt weiter vor sich hin. Nachdem sich der Einkaufsmanagerindex im zweiten Quartal verschlechterte, sank nun auch die Konsumentenstimmung auf das tiefste Niveau seit 2013. Die Weltbank prognostiziert für die Eurozone ein Wachstum von 1.2 Prozent. Alles in allem revidiert die Weltbank für das laufende Jahr die Wachstumsprognose der Weltwirtschaft auf 2.6 Prozent. Mit einem ungünstigen Euro-Franken-Kurs, schwächelnder ausländischer Nachfrage und gestiegenen Unsicherheiten mit Handelsstreit und Brexit bläst der exportorientierten Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche für die kommenden Monate ein rauer Wind entgegen. Entsprechend haben sich die Erwartungen der Unternehmen bezüglich der Exporte und der Beschäftigung für das dritte Quartal eingetrübt. Den Verkaufspreisen und den Bestellungen begegneten die Unternehmen im Juni noch optimistisch. Diese Einschätzung datiert allerdings vor der jüngsten Aufwertung des starken Frankens.

Interview zum Konjunkturbericht mit:

Marc Willy

Marc Willy

CEO, Nile Clothing AG

Die Nile Clothing AG versteht sich als Modemacherin für Damenoberbekleidung, die mit viel Herz, unternehmerischem Denken und verantwortlichem Handeln bei der Sache ist. Die Kollektionen werden in der Schweiz entworfen und bei Partnerbetrieben in China und Indien gefertigt.

Das erste Halbjahr erwies sich für die Textil- und Bekleidungsindustrie als harzig, insbesondere mit Blick auf die Exporte. Wie haben Sie die ersten sechs Monate erlebt?
Wir sind in den ersten sechs Monaten gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Der April und der Mai waren wetterbedingt etwas schwieriger, jedoch konnten wir dies mit einem sehr starken Juni direkt wieder aufholen. Im Ausland haben wir in der EU wie auch in Kanada zugelegt und konnten Marktanteile gewinnen.

Die deutsche Wirtschaft bekundet zurzeit Mühe. Die um Rückwaren bereinigten Schweizer Bekleidungsexporte nach Deutschland stiegen im ersten Halbjahr aber gar um 5.6 Prozent. Wie ist die Konsumentenstimmung derzeit im Detailhandelsbereich?
Die Stimmung bei den Konsumentinnen und Konsumenten empfinde ich generell als gut. Bei den stationären Händlern ist aufgrund des anspruchsvollen Umfelds und des steigenden Onlineanteils die Anspannung spürbar.

Die USA und China haben es noch nicht geschafft, das Kriegsbeil im Handelsstreit zu begraben. Sie arbeiten eng mit chinesischen Partnerbetrieben zusammen. Ist die Nile Clothing AG von diesem Handelsstreit betroffen und inwiefern?
Wir sind insofern betroffen, als unsere Partnerbetriebe auch für die USA fertigen. Deshalb werden bei diesen Produzenten im Moment Kapazitäten frei. Für uns wirkt sich diese Entwicklung kurzfristig positiv auf die Lieferzeit aus, langfristig sind die amerikanischen Umsätze aber wichtig für gewisse Partner, damit sie die Infrastruktur in dieser Form aufrechterhalten können.

E-Commerce: Bei über 60 Prozent der Bekleidungsexporte handelt es sich um reine Rückwarensendungen. Lohnt sich der Onlinehandel dennoch?
Bei uns liegt die Retourenquote bei unter 35 Prozent. Damit arbeiten wir im Onlinehandel profitabel. Die stetigen Entwicklungen im technologischen Bereich erfordern aber fortlaufende Investitionen und Weiterentwicklungen. Ob es sich für andere lohnt, kann ich nicht beurteilen.

Gerne geben wir Ihnen die Gelegenheit, ein bis zwei Handelshemmnisse im In- oder Ausland zu erwähnen, die die Nile Clothing AG beeinträchtigen:
Das grösste Detailhandelshemmnis ist aus meiner Sicht das Mehrwertsteuersystem. Die Mehrwertsteuer bei Käufen von Privatpersonen im Ausland sollte auch unterhalb der Freigrenze nicht vollständig zurückerstattet werden, da sich daraus für die Schweizer Händler ein Wettbewerbsnachteil ergibt, der nur schwer aufzuholen ist. Da es sich um ein international aufgebautes System handelt, ist eine Änderung leider schwierig. Weiter erachte ich die Bürokratie beim Import sowie die Zölle auf Waren als Handelshemmnis. Ein Beispiel dafür ist der Gewichtszoll, der bei den unterschiedlichen Tarifnummern variiert und den Import von grösseren Sendungen mit vielen verschiedenen Artikeln sehr aufwendig macht. Bürokratische Hemmnisse sollten abgebaut und Prozesse vereinfacht werden.

Wir danken Marc Willy für das Interview.

Rückfragen

Jasmin Schmid

Jasmin Schmid

Leiterin Wirtschaft und Statistik
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