Jasmin Schmid — 19.05.2020

Die Ausgangslage für das Jahr 2020 präsentierte sich für die Textil- und Bekleidungsbranche bis zum Ausbruch der Coronakrise gut. Doch die COVID-19 Ausnahmesituation trifft die Branche hart. Bereits im ersten Quartal hinterliess sie Spuren. Derzeit wütet die Krise besonders stark. Nationalpatriotismus sei jetzt fatal, sagt unser Interviewpartner Carl Illi, CEO CWC Textil AG und Präsident Swiss Textiles.

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage

Im vergangenen Jahr wuchs die Weltwirtschaft insgesamt nur in zaghaftem Tempo – allen voran in der Eurozone und im Vereinigten Königreich. Im Januar hellten sich die Aussichten aber auf. Der globale Einkaufsmanagerindex erreichte 52.2 Punkte und lag damit robust über der Wachstumsschwelle. Doch bereits im Februar verdunkelten sich die globalen wirtschaftlichen Aussichten aufgrund des Ausbruchs des Coronavirus in China drastisch. Der chinesische Einkaufsmanagerindex fiel von 51.9 auf 27.5 und drückte damit den globalen Einkaufsmanagerindex auf 46.1. Dieser verzeichnete damit den steilsten Monatsrückgang seit Oktober 2001 und das tiefste Niveau seit der globalen Rezession von 2009. Der chinesische Einzelhandel verlor in den ersten zwei Monaten 20 Prozent seiner Umsätze. Im März nahm die Mehrheit der chinesischen Industriebetriebe ihre Tätigkeiten wieder auf, wenn auch nicht bei voller Kapazitätsauslastung. Dies lässt sich aus dem Kohleverbrauch schliessen, der im März 20 Prozent unter dem saisonalen Durchschnitt lag. Während sich die Lage in China entspannte, traf das Coronavirus die USA und Europa mit voller Härte. In den USA wurden innerhalb der dreizehnten Jahreswoche sechs Millionen Menschen arbeitslos. (Weltbank)

Seit Mitte 2018 wiederholt sich die Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes von Quartal zu Quartal. Die Chemie- und Pharmaindustrie kann weiter zulegen. In den übrigen Sektoren aber schlägt das schwache Weltwirtschaftswachstum und die erneute Aufwertung des Schweizer Frankens durch. Im dritten Quartal lieferte der zweite Sektor insgesamt noch den grössten Beitrag zum BIP, im vierten Quartal verlor er an Kraft und stagnierte. Als Stütze erwies sich der Dienstleistungssektor. Alles in allem schloss die Schweiz das vierte Quartal mit einem Wachstum von 0.3 Prozent ab (Seco). Mit Ausbruch des Coronavirus in Europa hat sich die wirtschaftliche Lage der Schweiz für das erste Halbjahr drastisch verschlechtert. Eine Rezession wird nicht zu vermeiden sein. Die negativen Auswirkungen sind bereits im ersten Quartal sichtbar. Das nominale Exportplus von 1.2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal scheint zwar stabil. Doch dieses Wachstum wird ausschliesslich durch die chemisch-pharmazeutischen Produkte getragen. Alle anderen Warengruppen sind deutlich im Minus und so resultiert unter Abzug der chemisch-pharmazeutischen Güter ein nominaler Exportrückgang von 7.3 Prozent. (EZV)

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Gezeichnet durch ein schwieriges vergangenes Jahr kämpfte sich die Textil- und Bekleidungsbranche zurück. Die Bemühungen und die zuversichtlichen Resultate der Geschäftslage, der Kapazitätsauslastung und des Auftragsbestands im vierten Quartal 2019 zeigten sich in den Exportzahlen des Januars. Während im Dezember noch ein Rückgang der Textilexporte von 4.1 Prozent ausgewiesen wurde, erreichte die Branche im ersten Quartal eine Stagnation. Die Ausgangslage für das Jahr 2020 präsentierte sich bis zum Ausbruch der Coronakrise gut. Nun ist die Branche in eine existenziell bedrohliche Lage geraten. Bereits im ersten Quartal hinterlässt die Krise Spuren. Der chinesische Lockdown führte im Februar zu einem Einbruch der Bekleidungsexporte nach China von 34 Prozent. Die wichtigsten Jahresumsätze fielen durch die Absage des chinesischen Neujahrsfests aus. Die vorläufigen Schliessungen von Produktionen und Läden in Frankreich und Italien drückten auf die Exporte. Dabei kam es im Februar zu einem explosiven Anstieg der Bekleidungsexporte nach Italien, bevor sie im März um rund 20 Prozent zurückgingen. Eine Furcht vor allfälliger Grenzschliessung könnte die Unternehmen zu dieser Reaktion bewogen haben. Die Krise äussert sich auch bereits in der Märzbewertung der Geschäftslage, des Auftragsbestands und in der Arbeitslosenquote. Diese ist im März 2020 gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent gestiegen.

Kapazitätsauslastung (in Prozent)
Liniendiagramme Kapazitaetsauslastung Fruehling 2020

Die Kapazitätsauslastung in der Textil- und Bekleidungsindustrie stabilisierte sich im ersten Quartal bei 80 Prozent und lag mit derjenigen der Gesamtindustrie wieder gleichauf. Die ausserordentliche Lage rund um das Coronavirus wirkte sich im ersten Quartal noch nicht auf die Kapazitätsauslastung aus.

Geschäftslage (Saldo)
Liniendiagramm Geschaeftslage Fruehling 2020

Nach einer dynamischen Aufwärtsentwicklung gegen Ende 2019 stürzte die Bewertung der allgemeinen Geschäftslage im März ab. 23 Prozent der Befragten beurteilten ihre Lage als schlecht, lediglich sieben Prozent als gut und 70 Prozent der Befragten bewerteten ihre Lage im März als befriedigend.

Auftragsbestand (Saldo)
Liniendiagramm Auftragsbestand Fruehling 2020

Der Auftragsbestand verbesserte sich während der ersten beiden Monate des laufenden Jahres. Diese Zunahme büsste er im März aber bereits wieder ein. Im März bewerteten 39 Prozent der befragten Unternehmen ihren Auftragsbestand als zu klein, 59 Prozent als normal und zwei Prozent als gross.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)

Beschäftigungslage
Beschaeftigungslage Fruehling 2020

Aussenhandel

Im 1. Quartal 2020 wurden Textilien im Wert von 309 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 3.9 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 1.8 Prozent und belaufen sich auf 649 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 4.9 Prozent gesunken und liegen bei 209 Millionen Franken.

Exporte Textilien
Balkendiagramm Exp Textilien Fruehling 2020
Exporte Bekleidung (ohne Rückwaren)
Balkendiagramm Exp Bekleidung Fruehling 2020
Exporte nach Wirtschaftsräumen
Exporte Nach Wirtschaftsraeumen Fruehling 2020
Exporte nach Warengruppen
Exporte Nach Warengruppen Fruehling 2020

Ausblick und Erwartungen

Die Zahlen des ersten Quartals zeigen uns nur den Anfang der Krise. Das Schlimmste steht noch bevor bzw. durchläuft die Schweizer Wirtschaft und damit auch die Textil- und Bekleidungsbranche derzeit. Die Aussichten für die Textil- und Bekleidungsbranche für die kommenden drei Monate sind düster. Die Erwartungen hinsichtlich der Bestellungen fielen im März gegenüber Februar steil ab. Die Hälfte der Befragten erwartet eine Verringerung der Bestellungen für die kommenden Wochen. Im Februar rechneten lediglich fünf Prozent mit einem Bestellungsrückgang. Hinsichtlich der Exporte rechnen gar drei Viertel der Unternehmen mit einer Verschlechterung. Sowohl die Erwartungen bezüglich der Bestellungen wie auch der Exporte fielen gar unter das Niveau kurz nach Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank im Januar 2015. Rund 28 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Beschäftigungsabnahme. Die Erwartungen hinsichtlich der Margen haben sich ebenfalls verschlechtert.

Die einschneidenden Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus liessen die Expertengruppe des Bundes die Konjunkturprognose ausserplanmässig aktualisieren. Sie erwartet einen sehr starken Rückgang des BIP und prognostiziert diesen auf 6.7 Prozent für das laufende Jahr. Dies trotz der staatlichen Überbrückungskredite im Umfang von 40 Milliarden Schweizer Franken und weiteren Unterstützungsleistungen für die Wirtschaft. Tritt diese Prognose ein, wäre das der stärkste wirtschaftliche Einbruch seit 1975. Im Jahr 2021 soll das Schweizer BIP um 5.2 Prozent steigen. Ausgehend von einem sehr tiefen Niveau entspricht dies allerdings einer langsamen Erholung (Seco). Die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft hängt insbesondere auch von derjenigen im Ausland ab. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht im laufenden Jahr von einer globalen Rezession im Umfang von einem BIP-Rückgang von drei Prozent aus. Das Coronavirus und die damit verbundenen Massnahmen werden die Weltwirtschaft schlimmer treffen als die Finanzkrise von 2008/2009. Unter der Annahme, dass die Pandemie in der zweiten Jahreshälfte gebannt werden kann, rechnet der IWF mit einer BIP-Zunahme um 5.8 Prozent im Jahr 2021. Die für die Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche wichtigsten Handelspartner werden im laufenden Jahr ebenfalls mit starken Rückschlägen auf das BIP rechnen müssen. Der IWF prognostiziert für die EU einen Rückgang von 7.1 Prozent, dabei für Deutschland und Italien ein Minus von 7.0 bzw. 9.2 Prozent. Die US-Wirtschaft soll um 5.9 Prozent schrumpfen, China wird ein Wachstum von 1.2 Prozent zugetraut, wenn auch ein für chinesische Verhältnisse tiefes. Die Prognosen sind allerdings äusserst fragil; die Lage lässt sich kaum vorhersagen. Denn dieses tückische Coronavirus beschert uns multiple Krisen gleichzeitig.

Interview mit:

Carl Illi

Carl Illi

CEO und Inhaber der CWC Textil AG sowie Inhaber der Swisstulle AG und Präsident von Swiss Textiles

Als bedeutendes Glied zwischen den Produzenten und den Nutzern von Garnen hat sich die CWC Textil AG seit 1871 erfolgreich im Garnhandel etabliert. Die Swisstulle AG ist einer der kontinentalen Marktführer für traditionellen, echten Bobinet-Tüll und Wirkwaren für unterschiedlichste Marktsegmente sowohl im technischen wie auch im modischen Bereich.

Die globale Wirtschaft wird derzeit durch die Coronakrise hart getroffen. In der Textil- und Bekleidungsbranche spürten die Modeläden die Krise als Erste. Ab welchem Zeitpunkt begann die Krise auch den Garnhandel zu beeinträchtigen? Die Märkte waren bereits vor Ausbruch der Coronakrise rezessiv und umkämpft. Die Coronakrise spürten wir deshalb sofort. Die Nachfrage wurde in der Reihenfolge, wie die Länder in den Lockdown gingen, schwächer. Wir handeln rund 90 Prozent in Europa, somit begann alles Anfang März.

Der Bundesrat hat reagiert und unterstützt die Schweizer Wirtschaft unter anderem mit Überbrückungskrediten und dem Instrument der Kurzarbeit. Reicht das aus oder welche weiteren Massnahmen wären zu überlegen? Trotz der fatalen Situation und der dramatischen Folgen bin ich für den kleinstmöglichen Eingriff eines Staates in die Privatwirtschaft. Es hat sich gezeigt, dass die Kurzarbeit jeweils das beste Instrument ist. Überbrückungskredite beinhalten eine latente Gefahr einer späteren Rückführung und sind mit Vorsicht anzuwenden. Was mir gänzlich fehlt sind ausgearbeitete Pläne, um im Falle von Pandemien die Wirtschaft bestmöglich offen zu halten. Wir müssen uns rasch überlegen, wie wir uns im Falle einer zweiten Welle verhalten sollten. Nicht nur der Bundesrat ist gefragt, sondern alle Wirtschaftsbeteiligten.

Die Wirtschaft nach einem Lockdown wieder hochzufahren braucht Zeit. Können Sie erklären, weshalb das so ist? Die ganze textile Kette wurde durchgerüttelt. Die Lage ist mit sehr hohen Unsicherheiten verbunden – sowohl auf Lieferanten- wie auch auf Kundenseite. Wir wissen heute zum Beispiel nicht, ob die Vormaterialien sowie Kapazitäten und liquide Mittel bei den Lieferanten vorhanden sind. Für die Kunden wiederum ist es schwierig abzuschätzen, ob Sie die Bestellungen wieder auf den früheren Stand hochfahren oder es langsam angehen werden, zumal nicht vorausgesehen werden kann, ob es zu einem weiteren Lockdown kommt und wie sich Konsumentenstimmung und Kaufkraft der Endkunden verändert haben.

Die chinesische Wirtschaft soll inzwischen wieder den Normalbetrieb aufgenommen haben. Sie kennen die chinesische Industrie sehr gut. Wie ist die Lage tatsächlich? Es ist eine falsche Annahme davon auszugehen, dass in China der Normalbetrieb herrscht. Rein formell funktioniert der Handel mit China. Der chinesische Markt ist jedoch angeschlagen. Das BIP-Wachstum stagniert beinahe, der Exportrückgang ist massiv. Somit laufen viele Betriebe nicht unter Volllast. Das bedeutet finanzielle Probleme und Abwanderung der Arbeitskräfte. Unser eigener Betrieb in China ist so fit wie vorher, unsere Lieferanten auch. Insgesamt erlebt China aber einen substanziellen Rückschlag. Wir dürfen nicht vergessen, dass im Textil- und Automobilbau eine Rezession seit 2019 vorhanden ist, speziell in China.

Welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der Krise? Zusehends müssen wir lernen, auf der Klaviatur einer global vernetzten Wirtschaft zu spielen. Erstens ist der Nationalpatriotismus fatal. Wir haben gerade erlebt, was geschlossene Grenzen für die Schweizer Wirtschaft und auch die Versorgungssicherheit bedeuten. Zweitens wird eine sorgfältige Selektion des zukünftigen Agierens mit ausgewählten Partnern gefordert sein. Partnerschaften müssen wir in Zukunft gemeinsam leben, sind doch diese keine Einbahnstrassen. Die richtigen Partner lösen Probleme und geben Ruhe. So entstehen Freiräume für ein kreatives und neues Denken.

Wir danken Präsident Carl Illi herzlich für seine persönliche Einschätzung.

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