Jasmin Schmid — 27.02.2020

Das schwierige wirtschaftspolitische Umfeld hielt im vierten Quartal an. Das Weltwirtschaftswachstum fiel gar auf ein Post-Krisen-Rekordtief. Sowohl die Textil- wie auch die Bekleidungsausfuhren verbuchten ein Minus. Bei den Bekleidungsausfuhren war insbesondere die Nachfrage aus Übersee schrumpfend. Den Textilexporten hingegen, bereitete das schwache europäische Wachstum Bauchschmerzen. Mit Blick auf die Indikatoren Kapazitätsauslastung, Auftragsbestand und allgemeine Geschäftslage hat sich die Lage der Textil- und Bekleidungsindustrie im vierten Quartal allerdings verbessert. Lesen Sie in unserem Interview wie Christian Buchli, CEO Brunner Ernst AG, die gegenwärtige Lage einschätzt.

Die Entwicklung der internationalen und nationalen Wirtschaftslage

Die zwischen 2018 und 2019 von den G-20-Staaten eingeführten protektionistischen Massnahmen tangierten 7.0 Prozent des globalen Güterhandels, während sie sich in den Jahren 2013 bis 2017 auf vier Prozent beliefen. Die sich verschärften Handelsbedingungen und die Furcht vor weiteren Schutzmassnahmen drückten das Wachstumstempo des globalen Güter- und Dienstleistungshandels von 4.0 Prozent im 2018 auf 1.4 Prozent im 2019. Bei den Investitionen kam es ebenfalls zu einer zögerlichen Entwicklung. Als Folge verlor die globale Produktionstätigkeit deutlich an Dynamik. In der zweiten Jahreshälfte ging es diesbezüglich auf und ab: Im dritten Quartal 2019 stabilisierte sich die Situation und die Talsohle schien erreicht. Die Oktoberwerte drifteten jedoch wieder in eine erneute Verlangsamung ab. Im November wiederum schwang sich der globale Einkaufsmanagerindex nach sechs Monaten leicht über die Wachstumsschwelle. Alles in allem fiel das Weltwirtschaftswachstum mit 2.4 Prozent auf ein Post-Krisen-Rekordtief. Rund 90 Prozent aller Industriestaaten und 60 Prozent der Schwellen- und Entwicklungsländer wiesen im Jahr 2019 schwächere Wachstumsraten auf als im Vorjahr. Allen voran die Eurozone (1.1 Prozent), Japan (1.1 Prozent), die USA (2.3 Prozent) sowie China (6.1 Prozent). (Weltbank)

Angesichts der globalen Abkühlung hielt sich die Schweizer Wirtschaft mit einem Wachstum von 0.4 Prozent im dritten Quartal solide. Gegenüber dem Vorquartal konnte das Schweizer BIP gar leicht zulegen und wiederum lieferte der zweite Sektor den grössten Beitrag. Der dritte Sektor entwickelte sich schwach und steuerte einen mageren Beitrag zum BIP bei. Entgegen der generellen Tendenzen im Dienstleistungssektor konnte der Handel aber um 0.4 Prozent zulegen. Das Bild im verarbeitenden Gewerbe blieb analog des Vorquartals: Die Chemie- und Pharmabranche war es, die die Schweizer Wirtschaft nach oben peitschte. Die Wertschöpfung des restlichen verarbeitenden Gewerbes, aber auch der reale, saisonbereinigte Güterhandel im dritten Quartal war rückläufig (Seco). Die Zahlen liegen noch nicht vor, doch das vierte Quartal dürfte für das verarbeitende Gewerbe ähnlich verlaufen sein: Gemäss KOF-Konjunkturumfrage stuften die exportorientierten Unternehmen im Dezember die Geschäftslage weiterhin als unbefriedigend ein. Die Produktion ging zum fünften Mal in Folge zurück (KOF). Das Schweizer BIP-Wachstum wird für das Jahr 2019 auf 0.9 Prozent geschätzt (Seco).

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

Im Laufe des Jahres 2019 schwand das Vertrauen in den Euro. Im vierten Quartal wurde er durchschnittlich für noch 1.096 Schweizer Franken gehandelt. Die europäische Nachfrage nach Schweizer Textilien verringerte sich in dieser Zeit im Vergleich zum Vorjahresquartal um 8.0 Prozent. Dafür aber wuchsen die Textilexporte nach Nordamerika und Afrika im zweistelligen Bereich und kompensierten die eingebrochene europäische Nachfrage zumindest ein wenig. Die bereinigten Bekleidungsexporte schlossen das vierte Quartal mit einem Minus von 1.9 Prozent ab. Mit Blick auf die Indikatoren Kapazitätsauslastung, Auftragsbestand und allgemeine Geschäftslage hat sich die Lage der Textil- und Bekleidungsindustrie im vierten Quartal jedoch verbessert. Nach einem schubartigen Fall der Kapazitätsauslastung unter die 80-Prozent-Marke in den ersten drei Quartalen durchbrach sie im vierten Quartal den Negativtrend. Auch die sich seit Sommer stetig aufwärtsentwickelnde Bewertung der allgemeinen Geschäftslage hat sich Ende Jahr 2019 noch weiter aufgehellt. Der Auftragsbestand legte im Dezember leicht zu.

Kapazitätsauslastung (in Prozent)
Liniendiagramme Kapazitaetsauslastung Winter 2019 2020

Die sehr hohe Kapazitätsauslastung in der Textil- und Bekleidungsindustrie im Jahr 2018 korrigierte sich im Laufe des vergangenen Jahres nach unten. Nach neun rückläufigen Monaten fand sie im vierten Quartal aber wieder auf den Wachstumspfad zurück und liegt nur noch knapp unter der Kapazitätsauslastung der Gesamtindustrie.

Geschäftslage (Saldo)
Liniendiagramm Geschaeftslage Winter 2019 2020

Die Bewertung der allgemeinen Geschäftslage der Textil- und Bekleidungsindustrie verschlechterte sich in der ersten Jahreshälfte 2019 zunehmend. Im Sommer wurde die Talsohle schliesslich erreicht und eine Erholungsphase setzte ein. Sie gewann Ende 2019 noch an Schwung und hob sich in den positiven Bereich. Im Vergleich zur Geschäftslage der Gesamtindustrie entwickelte sie sich überdurchschnittlich gut.

Auftragsbestand (Saldo)
Liniendiagramm Auftragsbestand Winter 2019 2020

Die impulsiven Auf-und-ab-Bewegungen des Auftragsbestands in der Textil- und Bekleidungsindustrie dauern an. Ende Jahr zeigt der Indikator wieder leicht nach oben. Im Dezember beurteilten 41 Prozent ihre Auftragslage als zu klein, 5 Prozent als gross und 54 Prozent als normal. Der Auftragsbestand der Gesamtindustrie nahm im Laufe des Jahres ebenfalls ab, jedoch in immer kleineren Schritten. Ende Jahr kam der Rückgang zum Erliegen.

Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)

Beschäftigunslage
Beschaeftigungslage Winter 2019 2020

Aussenhandel

Im 4. Quartal 2019 wurden Textilien im Wert von 297 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 6.8 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Plus von 6.4 Prozent und belaufen sich auf 743 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 1.9 Prozent gesunken und liegen bei 247 Millionen Franken.

Exporte Textilien
Balkendiagramm Exp Textilien Winter 2019 2020
Exporte Bekleidung (ohne Rückwaren)
Balkendiagramm Exp Bekleidung Winter 2019 2020
Exporte nach Wirtschaftsräumen
Exporte Nach Wirtschaftsraeumen Winter 2019 2020
Exporte nach Warengruppen
Exporte Nach Warengruppen Winter 2019 2020

Ausblick und Erwartungen

Am 13. Dezember 2019 haben sich die USA und China auf ein Teilabkommen geeinigt. Darin verpflichten sich beide Parteien, unter anderem keine neuen Strafzölle mehr gegeneinander zu erheben. Mit diesem zugesicherten «Waffenstillstand» kehrt vorerst etwas Ruhe in den globalen Handel ein. Während sich die einen erfolgreich annähern, versuchen sich andere schonend voneinander zu trennen. Das Vereinigte Königreich und die EU haben es durch die Besiegelung des Austrittsabkommens vorerst geschafft, einen harten Brexit abzuwenden. Diese beiden Entwicklungen schaffen für die kommenden Monate mehr Rechtssicherheit. Der globale Handel von Gütern und Dienstleistungen sollte im 2020 daher wieder etwas zulegen. Die Weltbank rechnet mit einem Wachstum von 1.9 Prozent gegenüber 1.4 Prozent im 2019. Angesichts der spürbar kraftlosen Entwicklung des Euro im Januar ist es für die Textil- und Bekleidungsindustrie umso wichtiger, auf positive Impulse seitens der Überseestaaten hoffen zu können. Die Aussichten sind allerdings verhalten. Für die globale Wirtschaftsaktivität wird über die nächsten zwölf Monate hinweg eine Stabilisierung prognostiziert. Als allzu dynamisch schätzt die Weltbank das Weltwirtschaftswachstum mit 2.5 Prozent aber nicht ein. Bei den wichtigsten Exportmärkten der Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen vermutet die Weltbank für 2020 langsamere Wachstumsraten. Das amerikanische Wachstum soll sich dabei von 2.3 Prozent auf 1.8 Prozent verlangsamen. Es handelt sich dabei mehr um eine Normalisierung als um einen Abschwung. Für die Eurozone wurde das Wachstum um 0.4 Prozentpunkte nach unten revidiert auf 1.0 Prozent. Im 2021 soll die Eurozone aber immerhin wieder mit 1.3 Prozent wachsen. Für China wird ein Wachstum von 5.9 Prozent erwartet. Wie stark das Coronavirus die chinesische Wirtschaftstätigkeit belastet, ist noch nicht prognostizierbar. Japan kommt dagegen seit Längerem nicht so richtig vom Fleck. Der Taifun Hagibis und die Erhöhung der Mehrwertsteuer im Oktober 2019 senken die Wachstumsprognose auf 0.7 Prozent. Das Seco erwartet für die Schweiz ein Wachstum von 1.7 Prozent im 2020.

Die Exporterwartungen der Textil- und Bekleidungsunternehmen für die nächsten drei Monate sind stabil: Rund 78 Prozent gehen von gleichbleibenden Exporten aus. Allerdings flossen die jüngsten Entwicklungen hinsichtlich des Euro einerseits und der gewonnenen Rechtssicherheit durch das Brexit-Austrittsabkommen und das Teilabkommen zwischen China und den USA andererseits noch nicht in die Bewertungen mit ein. Bei den Bestellungen ist die Zuversicht so hoch wie zuletzt Mitte 2018. Rund 17 Prozent erwarten eine Zunahme. Die Aussichten bei den Verkaufspreisen haben sich etwas verschlechtert, bleiben aber nach wie vor auf einem hohen Niveau. Die Erwartungen bei der Beschäftigung blieben ähnlich gedämpft wie im Quartal zuvor.

Interview zum Konjunkturbericht mit:

Die Brunner Ernst AG handelt mit Geweben aller Art vorwiegend aus Schweizer Produktion. Die Gewebe werden im modischen wie auch im technischen Bereich nach erfolgter Ausrüstung eingesetzt. Zu ihren Kunden gehören Stickereifabrikanten, Drucker und Manipulanten. Die Brunner Ernst AG ist eine Tochter des Weberei- und Konfektionsbetriebs Daniel Jenny & Co.

Das europäische Geschäft entwickelte sich im vierten Quartal gemäss den Exportstatistiken stark rückläufig. Machten Sie ähnliche Erfahrungen mit Europa?
Leider ja, ein relativ vielversprechendes Jahr ging ziemlich schlecht zu Ende. Hingegen lief das afrikanische Geschäft gut. Aufgrund des frühen Ramadans (April 2020) deckten sich unsere Kunden noch mit Geweben zur Herstellung von Damen- und Herrenkleidern ein. Dies hat zu einem veritablen Endspurt geführt.

Gemäss einer Studie von McKinsey ist es möglich, dass es im Bekleidungsbereich zu einer Nahverlagerung der Produktion von Asien nach Ost- und Südeuropa sowie Nordafrika kommen kann. Wie beurteilen Sie das und sind erste Tendenzen beobachtbar?
Diese Tendenz ist zu beobachten. Strengere Umweltauflagen in China, höhere Produktionskosten und die aktuelle Corona-Virus-Situation wird diese Verlagerung vermutlich beschleunigen. Verlagerungen sind indessen häufig zu Beginn mit Lieferschwierigkeiten verbunden. Dies mussten wir kürzlich bei einem grossen Zulieferbetrieb aus Deutschland schmerzlich erfahren. Die Auslagerung der Logistik nach Rumänien und damit die Kommissionierung durch externe Speditionsfirmen führten zu massiven Lieferproblemen.

Aufgrund des Corona-Virus steht die chinesische Wirtschaft teilweise still. Befürchten Sie einen negativen Einfluss auf den Textil- und Bekleidungssektor?
Gemäss aktuellen Berichten von Speditionsfirmen ist die Aktivität in China stark eingeschränkt. Die meisten Hafeninfrastrukturen (wie z. B. Shanghai) seien für Sendungen aus dem chinesischen Festland de facto gesperrt. Zwar würden solche Sendungen entgegengenommen, aber sogleich in eine 14-tägige Quarantäne gestellt. Zudem seien die Inlandverbindungen bis zu den Seehäfen sehr eingeschränkt verfügbar. Dies wird sich früher oder später auf unseren Bereich auswirken. Wie stark ist noch nicht abschätzbar.

Wie beurteilen Sie die Ausgangslage für die in der Schweiz produzierenden Firmen für das erste Halbjahr 2020?
Für uns ist das Jahr sehr positiv gestartet. Es wird sich weisen, wie nachhaltig das sein wird. Zusammen mit unserem Mutterhaus, der Daniel Jenny & Co., versuchen wir den Fokus auf die Nachhaltigkeit der hiesigen Produktion zu legen. Die Kunden sind stets sehr erfreut zu hören, dass es noch eine einheimische Produktion gibt. Es besteht ein Bedürfnis zu wissen, wo die Ware gewebt und konfektioniert wird. Da können wir Hand bieten, da die Produkte der Daniel Jenny & Co. zu 100 Prozent in der Schweiz gefertigt werden.

Die Ernst Brunner AG arbeitet eng mit dem verarbeitenden Schweizer Textil- und Bekleidungsgewerbe zusammen. Wie ist die Stimmung gegenwärtig und wo sehen Sie die Herausforderungen?
Durchzogen – im Bereich der Mode ist das Jahr eher schwach gestartet. Im Moment ist bei denjenigen Produzenten, die für den Ramadan Stoffqualitäten produzieren, grosse Aktivität festzustellen. Eine grosse Herausforderung besteht meiner Ansicht nach vor allem darin, die vor- und nachgelagerten Produktionsprozesse zu sichern. Viele Betriebe sind verschwunden und damit auch viel Wissen und Kompetenz rund um die textile Produktionskette. Für uns wird die Beschaffung hochqualitativer Garne zunehmend schwieriger. Zumindest in preislicher Hinsicht hat sich dank der Zollaussetzung auf einigen Tarifpositionen die Situation etwas verbessert. An dieser Stelle danken wir Swiss Textiles und der Bundesverwaltung für die geleistete Arbeit!

Wir danken Christian Buchli herzlich für das Interview.

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