Mirjam Rombach — 14.07.2020

Müssen wir besitzen, was wir am Körper tragen? Bert van Son sagt Nein. Der Niederländer erlebte mit, wie die Modebranche immer stärker zur Fast Fashion-Maschine wurde – und lehnte sich dagegen auf. Wie er das tat, erzählt er an der Kontext Annual im kommenden Oktober. Wir waren neugierig und haben schon einmal nachgefragt.

Wer hätte sich im Jahr 2012 vorstellen können, dass das Konzept des Besitzens einmal derart ins Wanken geraten würde? Vom Weinglas über die Bohrmaschine bis hin zu Palmen oder Designerkleidern kann heute ein Grossteil dessen gemietet werden, was früher gekauft werden musste. Es gibt sogar Wohnungs-Packages, die vom Sofa bis zur Nachttischlampe alles einschliessen, was der urbane Nomade so braucht. Bert van Son erkannte die Zeichen der Zeit rechtzeitig – Netflix expandierte damals gerade nach Europa, Spotify und Carsharing-Dienste wurden bereits genutzt. Van Son hatte 30 Jahre lang in der Modebranche gearbeitet und den Aufstieg der Fast Fashion-Firmen miterlebt. Er wollte nicht länger Teil eines Systems sein, das Natur und Mensch so gering schätzt. Deshalb gründete er 2013 das Label MUD Jeans. Das Revolutionäre daran: Kleider werden nicht bloss verkauft, sondern auch vermietet. So wurde van Son zum Vorreiter in Sachen Kreislaufwirtschaft.

Recycling Mud Jeans Circular Economy

Das niederländische Unternehmen Mud Jeans nimmt gebrauchte Jeans zurück und recycelt sie.

Das niederländische Unternehmen Mud Jeans nimmt gebrauchte Jeans zurück und recycelt sie.

Mud Jeans Recycled Denims

Im spanischen Textilbetrieb Recovertex werden die Jeans geschreddert und zusammen mit organischen Baumwollfasern zu neuem Garn versponnen.

Im spanischen Textilbetrieb Recovertex werden die Jeans geschreddert und zusammen mit organischen Baumwollfasern zu neuem Garn versponnen.

Mud Jeans Organic Cotton

Das Design definiert nicht nur Stil und Qualität, sondern auch das Ende eines Produkts. Mud Jeans können am Ende ihres Lebens problemlos auseinandergenommen und in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden.

Das Design definiert nicht nur Stil und Qualität, sondern auch das Ende eines Produkts. Mud Jeans können am Ende ihres Lebens problemlos auseinandergenommen und in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden.

Mud Jeans Bert Van Son Recycle Factory

Produktion und Konsum soll möglich sein, ohne die kommenden Generationen damit zu belasten, findet Bert van Son. Darum arbeitet MUD daran, alle Produkte zu 100% kreislauffähig zu machen.

Produktion und Konsum soll möglich sein, ohne die kommenden Generationen damit zu belasten, findet Bert van Son. Darum arbeitet MUD daran, alle Produkte zu 100% kreislauffähig zu machen.

Das beliebteste Kleidungsstück der Welt ist auch eines der schmutzigsten: 1,2 Milliarden Jeans werden jährlich gekauft. Ein konventionell produziertes Modell verbraucht etwa 8000 Liter Wasser und 180 Meter Nähgarn*; auf den Baumwollfeldern werden grosse Mengen Insektizide und Pestizide eingesetzt. Diese unangenehmen Facts bewogen van Son dazu, auf Denim zu setzen – um dort etwas zu bewegen, wo Volumen und Notwendigkeit besonders gross sind.

MUD Jeans steckt hohe Ziele in Sachen Nachhaltigkeit und Ethik. Doch das B-Corp geht noch einen Schritt weiter und hinterfragt das Konzept des Kaufens an sich: Muss ein Kunde zwingend zum Besitzer des konsumierten Guts werden? In der linearen Wirtschaft wird ein Kleidungsstück hergestellt, verkauft, getragen und weggeworfen; jede Sekunde wird eine Lastwagenladung voller Kleidungsstücke* entsorgt. Weniger als 1 Prozent aller Kleider werden recycelt und für die Produktion neuer Pullover, Jeans oder T-Shirts verwendet. Van Son erkannte, dass der zuverlässigste Weg, Rohstoffe wieder zurückzubekommen darin besteht, sie gar nicht erst zu verkaufen.

Laura Vicaria, CSR Manager MUD Jeans

Leasing ermöglicht Konsum ohne schlechtes Gewissen.

Dank dem Leasing-Konzept bleibt MUD Jeans im Besitz der Denimfasern, die nach der Nutzung gesammelt und zu neuen Jeans verarbeitet werden. Die Kontrolle über die Rohstoffe bleibt beim Hersteller – die Basis für ein tragfähiges Recyclingkonzept. «Obwohl die Idee ungewöhnlich ist, reagierten die Leute von Anfang an stark darauf», so Laura Vicaria, CSR Manager bei MUD Jeans. «Wir übernehmen die Verantwortung für unsere Produkte. Am Ende ihres Lebens werden sie nicht verbrannt, sondern recycelt. Leasing ermöglicht Konsum ohne schlechtes Gewissen.»

Gut die Hälfte aller Onlinebestellungen basiert bei MUD mittlerweile auf Leasing: Eine Monatsmiete kostet 7.50 Euro, nach zwölf Monaten behält man seine Jeans oder tauscht sie gegen eine neue ein. Dann gibt es den ersten Monat geschenkt. Dies gilt auch, wenn die Jeans eines anderen Brands eingeschickt wird, solange sie zu mindestens 96 Prozent aus Baumwolle besteht. Bis zu drei Stück gleichzeitig können geleast werden. Mehr nicht, schliesslich steht MUD für Slow Fashion ein.

Mud Jeans Sustainable Fashion

Wer denkt, dass recycelte Fasern günstiger sind als neue, der irrt. Die Wiederaufbereitung gebrauchter Kleider ist komplex und benötigt viel Wissen und Technologie.

Wer denkt, dass recycelte Fasern günstiger sind als neue, der irrt. Die Wiederaufbereitung gebrauchter Kleider ist komplex und benötigt viel Wissen und Technologie.

Mud Jeans Vegan Swisstextiles

Statt Lederapplikationen setzt MUD auf gedruckte Logos – die müssen vor dem Schreddern nicht entfernt werden. Ausserdem sind sie vegan.

Statt Lederapplikationen setzt MUD auf gedruckte Logos – die müssen vor dem Schreddern nicht entfernt werden. Ausserdem sind sie vegan.

Mud Jeans Swisstextiles Kontext Annual

Alle Modelle teilen dieselbe Niete und denselben Knopf aus Edelstahl. So gibt es auch keine Restbestände.

Alle Modelle teilen dieselbe Niete und denselben Knopf aus Edelstahl. So gibt es auch keine Restbestände.

Wer sich nicht mehr von seiner Jeans trennen mag, profitiert in den Niederlanden, Belgien und Deutschland vom kostenlosen Reparaturdienst. «Viele Jeans kommen in sehr gutem Zustand zu uns zurück», so Vicaria. «Die nehmen wir in unser Vintage-Programm auf. Zurzeit verkaufen wir vor allem auf Messen, aber ab nächstem Jahr sollen die Vintage-Jeans für alle Kunden zugänglich sein.» Denn je länger eine Jeans getragen wird, desto geringer ist ihre ökologische Auswirkung. «Verglichen mit dem derzeitigen Standard der Industrie sparen wir 92 Prozent Wasser und 70 Prozent CO2. Darauf sind wir sehr stolz. Je besser wir nämlich aufgestellt sind, desto schwieriger wird es, Wasserverbrauch und CO2-Ausstoss weiter zu senken.»

Laura Vicaria

Man braucht nicht von Anfang an eine Antwort auf alle Fragen zu haben.

«Es gibt immer etwas, das man verbessern kann. So haben wir kürzlich die Knöpfe durch recyclingfähige Modelle ersetzt, weitere Themen sind der Ersatz von Elastan oder Polyestergarn. Für Firmen, die sich derzeit ins Feld der Nachhaltigkeit vorwagen, ist das ermutigend: Man braucht nicht von Anfang an eine Antwort auf alle Fragen zu haben. Man fängt einfach irgendwo an und schliesst die Lücken nach und nach», sagt Vicaria.

Eine Lücke, die MUD demnächst schliessen möchte, ist die 100%-Jeans, ausschliesslich hergestellt aus recyceltem Garn. Der Anteil recycelter Baumwolle liegt heute je nach Modell zwischen 23 bis 40 Prozent. MUD arbeitet mit der Universität Saxion, Recovertex und Circle Economy zusammen, denn das «Road to 100»-Projekt ist eine technische Herausforderung: Die alten Jeans werden geschreddert, wodurch die Fasern kurz und das daraus gesponnene Garn instabil wird. MUD kompensiert das Manko bis anhin durch die Beimischung neuer organischer Baumwolle. In Zukunft soll die Abhängigkeit von neuen Fasern durch den perfekten Mix aus mechanisch und chemisch recycelter Baumwolle ersetzt werden – das hat bisher noch keine Firma geschafft.

Mud Jeans Fashion Circular Economy

Die tunesische Textilfabrik Yousstex und die beiden spanischen Produktionspartner sparen dank innovativer Technologien und geschlossener Kreisläufe grosse Mengen an Wasser ein.

Die tunesische Textilfabrik Yousstex und die beiden spanischen Produktionspartner sparen dank innovativer Technologien und geschlossener Kreisläufe grosse Mengen an Wasser ein.

Mud Jeans Fair Fashion Factory Yousstex International

Als B-Corp sind faire Produktionsbedingungen und hohe ökologische Standards für MUD unabdingbar. Zu seinem Produktionspartner Yousstex in Touza pflegt MUD eine enge Beziehung.

Als B-Corp sind faire Produktionsbedingungen und hohe ökologische Standards für MUD unabdingbar. Zu seinem Produktionspartner Yousstex in Touza pflegt MUD eine enge Beziehung.

Mud Jeans Fair Fashion Yousstex Swisstextiles

«Wir haben entschieden, für unsere Produkte einen fairen Preis zu zahlen – sonst bezahlt ihn jemand anders», so Bert van Son. Die Näherinnen von Yousstex verdienen mehr als bloss den Mindestlohn.

«Wir haben entschieden, für unsere Produkte einen fairen Preis zu zahlen – sonst bezahlt ihn jemand anders», so Bert van Son. Die Näherinnen von Yousstex verdienen mehr als bloss den Mindestlohn.

Alles andere hält man bei MUD gerne einfach: keine Saisonkollektionen, kein Sale, keine unnötigen Details. Alle Modelle teilen dieselben Nieten, Reissverschlüsse und Knöpfe. Auf applizierte Labels wird verzichtet, das Logo wird stattdessen gedruckt. So viel wie nötig eben – und so wenig wie möglich. Ebenso konsequent agiert die Firma mit ihren Supply Chain-Partnern. MUD arbeitet nur mit drei Betrieben zusammen, um die Lieferkette so transparent wie möglich zu halten. Recovertex, die spanische Pionierin in der Produktion von Post-Consumer-Garnen, recycelt die Jeans und verspinnt das Fasergemisch zu neuem Garn. 14’200 Jeans hat die MUD-Community letztes Jahr gesammelt und so vor der Verbrennungsanlage bewahrt. Gewebt und gefärbt wird bei Tedijos Royo nahe Valencia. Das Unternehmen hat die Dry Indigo-Methode entwickelt, ein Färbeverfahren ohne Wasser, das den Einsatz von Chemikalien um 90 Prozent reduziert. Zuschnitt, Verarbeitung und Nachbehandlung übernimmt Yousstex International aus Touza, Tunesien. Anstelle des gesundheitsschädlichen Sandstrahlens setzt die Firma Lasertechnik ein, Wasser- und Chemieeinsatz werden auf ein Minimum reduziert.

Laura Vicaria

Doch nur, wer eine gewisse Grösse und Präsenz im Markt hat, kann wirklich etwas bewirken.

Zurzeit ist MUD in 29 Ländern präsent. Bald wird das Leasing-Konzept nicht mehr nur online, sondern auch von Retailern in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Belgien angeboten werden. Die Herausforderung dabei sind Logistik und Transport der von den Shops gesammelten Jeans. In der Schweiz ist MUD in knapp 30 Läden vertreten. Für Sebastian Lanz vom Fair Fashion-Store Rrrevolve aus Zürich ist der Fall klar: Würde das Leasing-Konzept auf die Schweiz ausgeweitet, wäre Rrrevolve dabei: «Mit einer Firma wie MUD würden wir das sicher ausprobieren, auch wenn es logistisch vielleicht etwas aufwendig wäre.» Ähnlich sieht dies die Schweizer Importeurin von MUD Jeans. Fabia Mosimann hat in ihrem Shop in Bern bereits eine Sammelaktion durchgeführt und dabei gute Erfahrungen gemacht. Selbst verkauft sie die recycelten Jeans schon seit der Gründung von STOOR. Bedingung für die Leasing-Jeans wäre allerdings, dass der administrative Prozess keinen grossen Mehraufwand generieren würde.

Das grosse Ziel von MUD Jeans ist nun, zu wachsen. 500'000 Stück pro Jahr sollen dereinst verkauft werden. Diese ehrgeizige Zahl ist gleichzeitig auch Deckel des angestrebten Wachstums; die Pionierin in Sachen Nachhaltigkeit will nicht selbst zum Teil des Problems werden. «Doch nur, wer eine gewisse Grösse und Präsenz im Markt hat, kann wirklich etwas bewirken», so Vicaria. «Sowohl in den Köpfen der Konsumenten als auch in tatsächlichen Zahlen.» 300 Millionen Liter gespartes Wasser in drei Jahren sind schliesslich keine Kleinigkeit.

Mit welchem Storytelling Bert van Son seine Partner und Kunden zu handlungswilligen Stakeholdern aktiviert hat, erfahren Sie an der Kontext Annual vom 30. Oktober. Der Anlass wird organisiert für Mitglieder von Swiss Textiles und Gäste aus dem Netzwerk des Design Preis Schweiz. Weitere Informationen folgen Ende August.

* MUD Jeans, Sustainability Report 2019

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