Jeroen van Rooijen — 18.06.2019

Transformation war das zentrale Thema des Swiss Textiles Summit 2019 in Aarau, der jährlichen Versammlung der Entscheider der Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche. Zum Auftakt der Generalversammlung von Swiss Textiles, die in den Summit eingebettet ist, standen als Ausdruck der Transformation die Themen Kultur und Nachhaltigkeit im Vordergrund. Präsident Carl Illi betonte die Notwendigkeit von Kultur und Kultiviertheit für den unternehmerischen Erfolg. «Essen ist eine Notwendigkeit, aber intelligent zu essen ist eine Kunst», zitierte er den französischen Moralisten und Poeten François de La Rochefoucauld und verwies darauf, dass auch im Textilen das Schöne, Ästhetische und Kultivierte oft erfolgreich mit wirtschaftlichem Gelingen kombiniert wird.

Für den erfolgreichen Textilunternehmer gehe es auch in Zukunft darum, agil zu sein, sich selbst stets zu hinterfragen – und eine Kultur aufzubauen, so Carl Illi. Dabei sei es entscheidend, dass diese Kultur nicht nur «top down» vorgelebt werde, sondern im ganzen Unternehmen lebendig vorhanden sei, denn: «Ein Unternehmen ist immer die Summe aller seiner Mitarbeitenden.» Carl Illi, der sich selbst allerdings auch oft dabei erwischt, wie er vor dem Computer ein Sandwich verdrückt, statt zum Business Lunch zu gehen, machte sich in seiner Rede am Swiss Textiles Summit aber auch Sorgen, dass nicht nur immer mehr unternehmerische Kultur verloren geht, sondern auch die Erneuerung der Generationen ausbleibt, den die Branche dringend braucht.

Carl Illi

Ein Unternehmen ist immer die Summe aller seiner Mitarbeitenden.

«Wir brauchen mehr und besseren Nachwuchs», rief Illi ernst in die Runde der anwesenden Textilspezialisten. Aus aktuellem Anlass rief er seine Branchenkolleginnen und -kollegen auf, das ungenutzte Potenzial gut ausgebildeter Frauen besser zu nutzen. Insbesondere auf Ebene der Verwaltungsräte und der Geschäftsleitung. Dazu brauche es nicht viel und es brauche keine staatliche Intervention. Es brauche aber den Willen der Unternehmerinnen und Unternehmer, aktiv zu werden. Es brauche eine entsprechende Unternehmenskultur, die den Mehrwert von Diversität anerkenne. Und es brauche Flexibilität in Bezug auf Pensen und Arbeitszeiten. Für Frauen und Männer. Darüber hinaus gilt es auch, eine Kultur der Offenheit gegenüber neuen Technologien und Managementmodellen sowie gegenüber anderen Branchen zu pflegen. Generell zeichnet die Branche eine Kultur der Offenheit gegenüber den Unwägbarkeiten der Zukunft aus.

Carli Illi, Präsident
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Peter Flückiger, Direktor von Swiss Textiles, und sein Team verweisen auf einige wichtige Meilensteine des zurückliegenden Geschäftsjahres. In dieser Zeit, geprägt von globalen Handelskonflikten, Brexit, anstehenden Neuwahlen und der Permanenz von Fake News, sei es Swiss Textiles gelungen, Barrieren im Geschäftsalltag der KMU zu eliminieren. Die Abschaffung der Importzölle auf textile Vor- und Zwischenprodukte beispielsweise entlastet die Branche um 6 Millionen Franken pro Jahr und bringt vor allem administrativ massive Vereinfachungen. Der Verband baut zudem Brücken zu zahlreichen neuen Mitgliedern sowie grenzüberschreitend zu anderen europäischen Textil-Clustern. Augenscheinlich wurde dies am zukunftsgerichteten Auftritt an der Techtextil in Frankfurt. Die Kommunikation wurde mittels neuer Website gegenüber der Öffentlichkeit und den Mitgliedern erfolgreich weiter professionalisiert.

Peter Flückiger, Direktor
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Ein wichtiges inhaltliches Thema für die Zukunft – nicht nur jene der Textilbranche! – ist die nachhaltige Produktion. Nina Bachmann, bei Swiss Textiles zuständig für Innovation und Nachhaltigkeit, präsentierte die Ergebnisse der Arbeit der «Initiative nachhaltige Textilien Schweiz», die in einer ersten Auslegeordnung 170 bereits vorhandene Aktivitäten zum Thema identifiziert hat und nun eine Road Map für eine nachhaltige textile Zukunft des Landes vorbereitet. An das Thema knüpfte der Gastreferent des Swiss Textiles Summit an: Robert van de Kerkhof, Chief Commercial Officer bei Lenzing, dem Weltmarktführer für pflanzliche Zellulosefasern, schilderte seinen Plan, bis 2020 100 Millionen Euro in nachhaltige Technologien und Prozesse zu investieren, um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können.

Robert van de Kerkhof, CCO, Member of the Management Board, Lenzing Gruppe
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Robert van de Kerkhof

Wer sonst als die hoch entwickelte Schweizer Textilbranche kann zeigen, dass wir gewillt sind, nachhaltig etwas zu verändern?

Für den gebürtigen Niederländer Robert van de Kerkhof, der seit 2014 bei der österreichischen Lenzing tätig ist und davor wichtige Entwicklungen beim französischen Chemiefaserhersteller DuPont leitete, ist es «eine wichtige persönliche Mission, die Textilindustrie zu einem nachhaltigen Teil der Weltwirtschaft zu machen». Sein Thema war das Denken und Arbeiten in Kreisläufen, ohne die das projizierte Wachstum des weltweiten Bedarfs an Textilien nicht zu bewältigen sei. Schonungslos zählte er die Umweltsünden der Textilindustrie auf und schilderte anschaulich, welche Massnahmen Lenzing dagegen ergreifen will. Ziel sei eine 40-prozentige Reduktion der Umweltemissionen bei gleichzeitigem Wachstum. Wie das zu schaffen ist? «Mit Kultur», knüpfte Robert van de Kerkhof an die Worte von Gastgeber Carl Illi an. Die Kultur eines Unternehmens sei entscheidend für den erfolgreichen Wandel, das Gelingen von Transformation eine «Frage des Mindsets». Dabei sei es nicht nur nötig, interne Allianzen zu schmieden, sondern über die Grenzen von Unternehmen oder gar Branchen hinaus zusammenzuarbeiten, denn «alleine ist es nicht zu schaffen». Es brauche in Zukunft Transparenz in der ganzen textilen Kette. Van de Kerkhof schloss seinen Vortrag mit dem Aufruf: «Wer sonst als die hoch entwickelte Schweizer Textilbranche kann zeigen, dass wir gewillt sind, nachhaltig etwas zu verändern?»

Neben Vorträgen an der Generalversammlung referierten am ersten Tag des Summits Gerhard Fehr, CEO von FehrAdvice&Partners, Dr. Martina Kühne, Trendforscherin von Kühne Wicki/Future Stuff sowie Profilerin Suzanne Grieger-Langer. Mehr Informationen zu diesen Beiträgen finden Sie hier.

Impressionen vom Summit 2019

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Der Swiss Textiles Summit ist der Branchentreff der Textil- und Bekleidungsbranche. Er richtet sich an Entscheider*innen der Branche. Ziel des Anlasses ist es Impulse zu setzen und zu vernetzen. Thematisch orientiert sich der Summit an aktuellen Leadership-Fragen. Textil-thematische Veranstaltungen finden über das Jahr verteilt statt, wie Innovation Day, Kontext, Arbeitgebertag und Berufsbildungstag. Die aktuellen Anlässe finden Sie hier.

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