Priska Gätzi, Mirjam Matti Gähwiler — 10.06.2021

Fachkräfte brauchen heute nicht nur eine gute fachliche Basis und Sozialkompetenz, sondern auch eine starke Methodenkompetenz, ist sich Urs Rickenbacher von Lantal Textiles AG sicher. Wir sprachen mit ihm über die beruflichen Perspektiven, die sich gerade in einer sich immer wandelnden Branche bieten.

Dr. Urs Rickenbacher, was zeichnet es für Sie aus, in der Textilbranche tätig zu sein?

Ich glaube, wir können eine Menge Chancen bieten im Vergleich zu anderen Branchen. Das textile Schaffen ist ein kreativer Prozess. Ich meine damit jetzt nicht einzig Mode und Ästhetik, auch das Kreieren eines technischen Textils kann kreativ sein. Egal in welchem Schritt der textilen Wertschöpfungskette jemand tätig ist, man hält am Schluss ein Produkt in der Hand. Textil wird als Material gerade wiederentdeckt. Die Eigenschaften sind so vielfältig, dass der Einsatz fast unendlich ist. Hier können stetig neue Produkte und Geschäftsmodelle entstehen.

Fachkräfte ist ein grosses Wort. Was verstehen Sie darunter?

Unter Fachkräften werden oft, wie es der Name schon sagt, Personen verstanden, die über entsprechendes Fachwissen verfügen. Aber das greift mir zu kurz. Ich bin überzeugt, dass es heute neben einer guten fachlichen Basis und der Sozialkompetenz sehr stark um die Methodenkompetenz geht. Es ist zunehmend anspruchsvoller geworden, Lösungen für komplexe Fragestellungen zu finden. Das bedingt ein Gesamtverständnis der Zusammenhänge und der Prozesse.

Fehlt es in der Ausbildung, diese Kompetenz zu vermitteln?

Grundsätzlich sind Ausbildungsinstitute noch immer stark getrieben, reines Wissen zu vermitteln. Es müsste viel ausgeprägter im Fokus stehen, wie dieses Wissen dann auch angewendet werden kann – nicht nur auf einzelne, sondern auf verschiedene Fragestellungen. Wie können Analogien von einer Herausforderung zur nächsten gebildet werden? Es ist aber nicht nur Aufgabe der Ausbildungsinstitute, das ganze System ist gefordert.

Urs Rickenbacher

Es ist viel schwieriger umzulernen und sich neu auszurichten und zu positionieren, als auf grüner Wiese zu beginnen.

Also auch die Arbeit gebenden?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, das ist die grösste Herausforderung, vor der wir jetzt stehen. Die Covid-Pandemie hat uns brutal vor Augen geführt, dass wir fundamental neu denken müssen. Ich kann da auch von mir persönlich sprechen. Als Firma, die im Aviatik-Bereich tätig ist, waren/sind wir extrem stark betroffen. Die Auswirkungen der Covid-Pandemie zwingen uns, uns zu hinterfragen. Stimmt das noch, was wir seit Jahrzehnten machen, könnten wir es anders machen? Welche Mitarbeitenden brauchen wir wirklich zur Erfüllung dieser Tätigkeiten? Natürlich ist das schwierig. Man ist gefangen im Tagesgeschäft und geprägt von Prozessen und Strukturen, die seit Jahrzehnten gelten. Man ist im immer gleichen Trott unterwegs. Es ist viel schwieriger «umzulernen» und sich neu auszurichten und zu positionieren, als auf grüner Wiese zu beginnen. Trotzdem bin ich überzeugt, es führt kein Weg daran vorbei. Und dazu brauchen wir motivierte, interessierte Fachkräfte, die neugierig sind und Lust haben, ihren Beitrag zu leisten.

Was bietet die Textilbranche denn für Perspektiven?

Unsere Mitglieder sind meistens KMU, oft auch familiengeführt. Da sind Mitarbeitende keine Nummern wie in Grosskonzernen. Wer sich einbringen will, kann einen wesentlichen Beitrag leisten, der eigene Impact ist sichtbar. Und es gibt viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen. Einerseits fachlich, andererseits aber auch in der Führung. Es ist an uns als Arbeitgebende, dies auf dem Arbeitsmarkt herauszustreichen und die richtigen Fachkräfte anzuziehen. Die ganze Bewegung der Nachhaltigkeit, neue Technologien, all das kann eine Sogwirkung gerade für junge Menschen haben.

Covid hat auch einen Digitalisierungsschub gebracht und wo möglich zum Home-Office verpflichtet. Was wird bleiben?

In der Krise ist man immer bereit zu Veränderungen. Das sehen wir jetzt. Home-Office bedeutet für viele, dass sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen. Und das Arbeiten mit neuen digitalen Tools wurde unabdingbar. Ich hoffe, wir bewahren uns diese Offenheit auch nach der Pandemie, denn gerade junge Personen haben heute andere Vorstellungen von einer Work-Life-Balance, von anderem Arbeiten, und wir brauchen diesen Nachwuchs.

Sie übernehmen den Vorsitz des neuen Fachgremiums Fachkräfte. Was packen Sie zuerst an?

Kurz- und mittelfristig müssen wir uns um die Lernenden kümmern, die in dieser Zeit der Pandemie sozusagen auf Sparflamme unterwegs sind. Wir müssen ihnen die bestmöglichen Bedingungen bieten können, so viel wie möglich in der Praxis zu erlernen. Sie sollen einen guten Abschluss machen können und positiv in die textile Zukunft blicken. Wir wollen sie ja schliesslich langfristig in der Branche aufgehoben wissen. Langfristig geht es aber darum, dass wir als Verband – wir alle Mitglieder zusammen – uns wieder als attraktive Branche präsentieren und aufzeigen, welche Perspektiven wir bieten. Interessierte, potenzielle Mitarbeitende sollen uns mit neuen Augen sehen.

Der Ausbruch der Pandemie hatte direkte Auswirkungen auf die Lernenden und deren Berufsbildnerinnen und Berufsbildner. Seit über einem Jahr absolvieren Lernende ihre Ausbildung unter ungewohnten und teilweise erschwerten Bedingungen. Wir wollten von ihnen direkt erfahren, wie sie diese Zeit erlebt haben und mit welchen Perspektiven sie in die Zukunft blicken.

Jasmin Barmettler

Jasmin Barmettler

Seilerei Berger GmbH
Lernende 3. Lehrjahr Textiltechnologin EFZ

«Ich möchte Seilereien im Ausland kennenlernen.» Hier geht es zum Kurzinterview.

Emma Zünd

Emma Zünd

Inter-Spitzen AG
Lernende 3. Lehrjahr Textiltechnologin EFZ

«Stickereien in den Händen zu halten, ist ein schönes Gefühl.» Hier geht es zum Kurzinterview.

Dario Rossi

Dario Rossi

CHT Switzerland AG
Lernender 3. Lehrjahr Laborant EFZ

«Ich werde auf dem Beruf bleiben.» Hier geht es zum Kurzinterview.

Alessia Ruppanner

Alessia Ruppanner

CHT Switzerland AG
Lernende 3. Lehrjahr Laborantin EFZ

«Wir konnten mehr an Projekten arbeiten.» Hier geht es zum Kurzinterview.

Janine Duarte

Janine Duarte

JLT Company AG
Lernende 2. Lehrjahr Textilpraktikerin EBA

«Lernen ist schwieriger geworden.» Hier geht es zum Kurzinterview.

Andres Magdalena

Andres Magdalena

Heimbach Switzerland AG
Berufsbildner

«Corona hat der Online-Rekrutierung zusätzlichen Schub verliehen.» Hier geht es zum Kurzinterview.

Nico Fässler

Nico Fässler

Hermann Koller AG
Berufsbildner

«Die Umstellung auf Distanzunterricht war schwierig.» Hier geht es zum Kurzinterview.

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