Mirjam Rombach — 15.11.2020

Drängende Fragen in Sachen Nachhaltigkeit können nicht warten, bis wieder Normalität in unser Leben einkehrt. Darum sprachen wir mit Karsten Bleymehl von der Firma MRC – Materials Research & Consulting. Der Experte in der Entwicklung nachhaltiger Materialien erzählt von gelungenen Projekten, dem wichtigen ersten Schritt und warum KMU dabei oft besonders erfolgreich sind. Vorausgesetzt, sie haben den Mut dazu.

Eigentlich wollten wir Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Vorgeschmack auf die Inhalte der «Kontext Annual» bieten. Darauf mussten wir leider verzichten. Während wir im Schwebezustand zwischen wechselnden Massnahmen, Schutzkonzepten und der Angst vor einem zweiten Lockdown festhängen, dreht sich die Welt weiter. Und mit ihr alle Herausforderungen, die trotz Dauerausnahmezustand nicht weniger drängend werden. Fragen und Antworten zum Thema Circular Economy.

Herr Bleymehl, Sie sind Gründer und Leiter der Firma Materials Research & Consulting. Weshalb haben Sie kürzlich als zweites Unternehmen Circular Materialsgegründet?
Karsten Bleymehl: MRC ist ein reines Beratungsunternehmen. Wir machen Strategieentwicklung, Workshops, spezifische Materialrecherchen und betreuen Entwicklungen, 90 Prozent davon im Bereich Nachhaltigkeit. Für einen Kunden hatten wir den weltweit ersten Kleiderbügel aus Alttextilien entwickelt und wollten, dass dieses Material auch andere nutzen können. Denn nur wenn wir freien Zugang zu innovativen Entwicklungen gewähren, können wir in der Welt etwas bewegen. Dafür gründeten wir Circular Materials™. Wir übernehmen ebenfalls Strategie und Planung, doch im Unterschied zu MRC stellen wir die Materialien, Halbfabrikate und Produkte auch her und vertreiben sie.

Karsten Bleymehl

Das war uns wichtig, weil wir die Awareness für das Problem der immensen Abfallproduktion der Textilindustrie schärfen wollen.

Was ist an diesen Kleiderbügeln so besonders?
Sie werden aus Fiber Pellets hergestellt, die Fasern dafür stammen aus Altkleidern. Speziell ist zum einen die Länge der Fasern. Obwohl die Bügel spritzgegossen werden, sind die Textilfasern optisch noch immer als solche wahrnehmbar. Das war uns wichtig, weil wir die Awareness für das Problem der immensen Abfallproduktion der Textilindustrie schärfen wollen. Zudem verwenden wir Post-Consumer-Waste, was viel anspruchsvoller ist, als Post-Production-Waste zu verarbeiten. Aufgrund der schieren Menge ist es dafür umso relevanter.

Wie funktioniert das Recycling?
Die Bügel werden wieder eingesammelt und geschreddert. Auch Haken und die Kunststoffmatrix werden aus recyceltem Material hergestellt. Unser Kunde hat alle Bügel für den neuesten Adidas Flagship Store in London aus unserem Material angefertigt. Bisher war die Entwicklung nur für den Auftraggeber verfügbar. Exklusivität schliessen unsere Guidelines aber konsequent aus, wir gewähren bloss eine gewisse Vorlaufzeit. Nun sind Material und Bügel für alle käuflich, da liegt der Ball bei den Brands. Die müssen davon abkommen, die Bügel besitzen zu wollen. Stattdessen stellt der Produzent sie im Rahmen einer Serviceleistung zur Verfügung, sammelt kaputte Bügel wieder ein und liefert neue – alles im «closed loop».

Circular Hanger Karstenbleymehl

Diese Kleiderbügel aus Altkleiderfasern hängen heute im Adidas Flagship Store in London.

Diese Kleiderbügel aus Altkleiderfasern hängen heute im Adidas Flagship Store in London.

Circular Hanger2

Obwohl die Bügel spritzgegossen werden, sind die Fasern noch deutlich erkennbar – ein visueller Hinweis, um auf Abfallmengen und Überproduktion von Textilien hinzuweisen.

Obwohl die Bügel spritzgegossen werden, sind die Fasern noch deutlich erkennbar – ein visueller Hinweis, um auf Abfallmengen und Überproduktion von Textilien hinzuweisen.

Fiber Pellets

Faserpellets aus Altkleidern werden mit einer Matrix aus recyceltem Kunststoff zu Bügeln verarbeitet. Sie können im «closed loop» geschreddert und neu aufbereitet werden.

Faserpellets aus Altkleidern werden mit einer Matrix aus recyceltem Kunststoff zu Bügeln verarbeitet. Sie können im «closed loop» geschreddert und neu aufbereitet werden.

Wie lässt sich dieses Konzept weiterdenken?
In jede Richtung! Wir arbeiten seit Kurzem mit einem Hersteller von Plattenware zusammen, mit dem wir ganz dünne bis richtig dicke Platten entwickeln. Da ist auch der Flammschutz ein wichtiges Thema, insbesondere für den Laden- oder Messebau. Wir sondieren in viele Richtungen, testen auch, wie man das Material pressen könnte anstatt es zu spritzen. So könnten wir den Kunststoffanteil reduzieren und grössere Mengen Kleidermüll wiederverwerten.

Warum ist die Verarbeitung von Post-Consumer-Abfällen so anspruchsvoll?
Weil sie nicht sortenrein sind. Das macht es wahnsinnig schwierig, hochwertige Garne daraus herzustellen. Die finnische Firma Pure Waste produziert seit zehn Jahren Garne aus Post-industrial-Textilabfällen. Das funktioniert ganz gut, weil der Rohstoff relativ rein ist. Sie waren auch die ersten, die in ihre Recyclinggarne 20 Prozent Fasern aus Post-Consumer-Altkleidern reingemischt und daraus Stoffe und Bekleidung hergestellt haben. Viele Garnproduzenten fügen ihrer Neuware einfach 10 bis 20 Prozent recycelte Baumwolle bei. Wirklich schwierig ist das, was die Finnen machen: Garne aus 100 Prozent recycelten Fasern.

Karsten Bleymehl

Meist scheitert es nicht daran, dass man das Problem nicht erkennt. Sondern man scheut sich davor, flächendeckend zu denken.

Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf die Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten aus?
Meist scheitert es nicht daran, dass man das Problem nicht erkennt. Sondern man scheut sich davor, flächendeckend zu denken. Es gibt viele gute Ansätze. Im Kleinen funktioniert es, man produziert einen Piloten und kommuniziert die Entwicklung der Presse. Leider harzt es danach bei der flächendeckenden Implementierung. Derzeit bin ich aber sehr positiv gestimmt, weil sich gerade so viel bewegt. Während des ersten Lockdowns war ich schon in Sorge. Wir haben ja schon mehrmals erlebt, wie die wirtschaftliche Lage die Implementierung von Nachhaltigkeitslösungen zunichte machte – etwa bei den Ölpreisschwankungen. Als das Öl wieder günstiger wurde, wollte plötzlich niemand mehr mit teuren Rezyklaten oder Biopolymeren arbeiten. Heute sehe ich, dass wiederkommt, wer schon auf dem Weg war und seine Anstrengungen sogar verstärkt. Es ist Wahnsinn, wie viele Projekte ins Rollen kommen! Auf einmal kann es nicht schnell genug gehen.

Warum dreht sich das gerade so stark?
Treiber sind die innovativen Start-ups und Konsumentinnen und Konsumenten. Neue Kundenstämme wie Millennials verlangen, dass etwas passiert. Der Druck wächst, auch über Social Media. Und die Politik zieht nach, allen voran die EU. Sie verschärft laufend die Gesetzgebung.

Wie kann man sich auf das vorbereiten, was da kommt?
Wer diesen Weg gehen will, sollte den «Green Deal» der EU-Kommission lesen. Es gibt eine Kurzversion, die kann ich jedem Unternehmer wärmstens empfehlen. Er beschreibt die Zukunftsziele der EU sehr gut. Das ist die Marschrichtung. Was da steht, wird zwar noch nicht morgen umgesetzt, zeigt Entscheidern und Investoren aber klar, wohin die Reise geht. Danach kann man sich fragen: Ist mein Unternehmen dafür aufgestellt?

Karsten Bleymehl Final

Karsten Bleymehl ist spezialisiert auf die Entwicklung innovativer nachhaltiger Materiallösungen und Gründer der Unternehmen MRC – Materials Research & Consulting sowie Circular Materials™.

Welche Konsequenzen drohen bei einem Nein?
Wer heute seine Produkte nicht auf Zirkularität prüft und kreislauffähig denkt, wird bald ein Problem haben – egal ob Material- oder Produkthersteller. Dafür wird die Luft schon in kurzer Zeit sehr dünn werden. Die EU will 2050 CO2-neutral sein! Die warten nicht, bis der Letzte dazu imstande ist, die setzen sehr ambitionierte Grenzwerte. Die Gesetze werden schneller kommen, als man denkt.

Karsten Bleymehl

Alle Zeichen stehen auf grundlegende Veränderung im gesamten Wirtschaftssystem.

Wo muss man ansetzen, um sein Unternehmen für die Zukunft aufzustellen?
Unabhängig von der Branche würde ich jedem raten, sich zu fragen: Welche Ressourcen verwende ich? In welchem Ausmass? Woher stammen sie, was ist ihr Impact, gibt es Alternativen? Könnte man sie durch Rezyklate ersetzen? Dagegen gibt es immer noch Vorurteile, dabei ist die Qualität mittlerweile sehr gut. Auch Lebensdauer und Lebensende eines Produkts müssen designt werden. Gibt es Services wie Sharing, Recycling oder Reparatur, die ich als Hersteller anbieten könnte? Wer sich mit diesen Fragen nicht auseinandersetzt, wird Probleme bekommen.

Es ist also bloss eine Frage der Zeit?
Ja, und die Zeit ist jetzt. Alle Zeichen stehen auf grundlegende Veränderung im gesamten Wirtschaftssystem, auf Digitalisierung, CO2-Reduktion, Ressourcenschonung. Wir dürfen uns nicht ausruhen. Und nicht nur Regularien, auch «junge Wilde» treiben den Prozess voran. Für viele Verbraucher werden Firmenphilosophien wie Social Entrepreneurship zu einem starken Kaufargument. So was sollte man nicht bloss als Kostentreiber sehen. Es tut gut, Massnahmen zu nachhaltiger Entwicklung durch eine neue Brille zu betrachten – im besten Fall werden sie zu Kundenbindungsprogrammen.

Sie arbeiten mit grossen, weltweit renommierten Firmen zusammen – können sich Ihre Dienstleistungen auch Kleine leisten?
Hoffentlich! Nein ernsthaft, die Hälfte meiner Kunden sind KMU. Ich arbeite sehr gerne mit ihnen zusammen. Dort dauern Entscheidungen nicht so lange, weil sie agiler sind – sie steuern keinen Öltanker, sondern eher ein Speedboot. Einige meiner erfolgreichsten Projekte habe ich mit KMU realisiert.

Welches sind die ersten Schritte einer Zusammenarbeit?
Zum Projektstart organisieren wir einen Workshop, um Begriffe einzuordnen und zu definieren. Wir gehen auf unterschiedliche Strategien ein und klären Fragen, die den Kunden umtreiben. Es ist gar nicht so kompliziert, wie viele anfangs denken. Oft herrscht aber eine gewisse Verunsicherung, welcher Weg der richtige ist. Die kann man in zwei bis drei Stunden im Rahmen eines Strategie-Workshops auflösen. Dabei analysieren wir auch das Portfolio des Kunden und identifizieren die «low hanging fruits» mit dem höchsten Impact und dem geringsten Entwicklungsaufwand.

Karsten Bleymehl

So schwierig ist Innovation gar nicht. Es ist bloss ein Problem, wenn man nicht weiss, was man will oder sich durch langwierige Entscheidungsprozesse selbst ausbremst.

Wie könnte es danach weitergehen?
Meist beginnen wir mit den Top-Sellern, um da anzufangen, wo man viel erreichen kann. Steht die Strategie, erstellen wir ein Angebot für die erste Materialrecherche. Da können schon mal vier- bis fünfstellige Kosten entstehen. Wir betreuen auch erste Versuche mit den neuen Materialien. Meiner Meinung nach entstehen Produktinnovationen nicht im Konferenzraum oder in Innovationsworkshops, entscheidend sind die Versuche. Gibt es ein neues, vielversprechendes Material, sollte man es sorgfältig prüfen und auf der eigenen Produktionsanlage testen. Auf diese Weise haben wir vor 15 Jahren die kompostierbare Kaffeekapsel entwickelt. Natürlich muss man das Risiko gut kalkulieren, aber wer sich nichts traut, erreicht auch nichts. So wären wir nicht zum Mond geflogen!

Das Wichtigste ist also Courage?
Absolut. Man braucht Mut, Zeit und ja, auch ein bisschen Geld. Ich spreche nicht von sechsstelligen Beträgen, aber im niedrigen fünfstelligen Bereich kann das schon sein. Und es ist eine Mentalitätssache, man muss Fehler machen und trotzdem dranbleiben. Ich habe über 200 Entwicklungsabteilungen von innen gesehen. So konnte ich von den Besten der Besten lernen und habe gesehen, wie sie denken und handeln. So schwierig ist Innovation gar nicht. Es ist bloss ein Problem, wenn man nicht weiss, was man will oder sich durch langwierige Entscheidungsprozesse selbst ausbremst. Da sind KMU oft schneller, weil sie Macher sind, die anpacken und umsetzen wollen. Von den meisten Projekten, die ich umgesetzt habe, darf ich aus Geheimhaltungsgründen nicht sprechen. Ein Beispiel, das ich nennen kann, ist die Entwicklung einer Fensterfolie für den Kinder-Fahrradanhänger von Croozer. Da haben wir mit einem vierstelligen Betrag eine serienreife Innovation realisiert und das weltweit einzige Modell mit integriertem Lichtschutzfaktor entwickelt. Man kann also auch mit einem relativ niedrigen Betrag einen «Lucky Punch» landen.

Die «Kontext Annual» wird im Sommer 2021 nachgeholt. Wir freuen uns bereits darauf, Karsten Bleymehl als Referent in Zürich begrüssen zu dürfen. Sobald das Veranstaltungsdatum fest steht, informieren wir Sie gerne.

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