Lilia Glanzmann — 22.08.2017

Architekten setzen immer häufiger auf Gewebtes, Gesticktes und Gewirktes. Vier Beispiele von Schweizer Stoff-, Seil- und Garnproduzenten, die im Baugewerbe nachhaltige Impulse setzen.

«Girasole» heisst Sonnenblume auf Italienisch. Nach ihr sind die neuen Gebäude des Hauptsitzes der Schweizerischen Bundesbahnen bei Bern benannt: Deren farbige Lamellen richten sich nach der Sonne, je nachdem, wie stark sie scheint. Fünf verschiedene Farbtöne definieren die kinetische Fassade: Gold, Pearl, Aluminium, Chrome und Kupfer. Jede Farbgruppe ist individuell steuerbar, sodass dieses subtile Changieren den Gebäuden ein immer wieder frisches Aussehen verleiht und sie aufs Grad genau kühlt. Möglich macht diesen ausgeklügelten Sonnenschutz «SEFAR® Architecture VISION» der Firma Sefar aus Heiden, kombiniert mit einer eigens dafür entwickelten Automatik. Es sind schwarze Präzisionsgewebe, einseitig beschichtet, teilweise bedruckt und in Verbundsicherheitsglas laminiert. Durch die schwarze Farbe innenseitig ist trotz Sonnenschutz der Blick nach aussen gewährleistet. Einst produzierte die Firma ihre technischen Spitzengewebe nur für Siebdruck und Filtration, nun nutzen diese auch Architekten – Stoffe, die Schall oder Licht filtern.

Im jordanischen Amman entsteht dieses Bankgebäude – entworfen vom jordanischen Architekten Saja Nashashi, Paradigm DH/Amman – mit einer Treppenhausverkleidung aus Lucem-Lichtbeton. Die 30 Millimeter starken Wände sind an einer 14 Meter hohen Stahlkonstruktion montiert.
Lucem Lichtbeton Jordanien Treppenhaus 02 300Dpi

Ingo Thalhammer, Sefar AG

Wir wollen Architekten ihre Arbeit erleichtern

Ihre Architekturgewebe unterscheidet Sefar in drei Segmente: «fabric&weather», «fabric&light» sowie «fabric&glass». Letztere unter anderem etwa für Glasfassaden wie in Bern oder für den Novartis-Hauptsitz von Holzer Kobler Architekten nahe Zug. Im Bereich «fabric&weather» spenden die Textilien als Sonnensegel Schatten oder schützen Plätze vor Regen, etwa den Centre Court in Wimbledon. Für dessen faltbare Dachkonstruktion lieferte Sefar 5200 Quadratmeter des Produkts «Tenara». Ende nächsten Jahres wird auch der First Court mit gut 8000 Quadratmetern ausgerüstet. «fabric&light» schliesslich sind leichte Gewebe, die Schall und Licht absorbieren und streuen. Architekten nutzen diese meist im Innenraum, für Museen etwa. Bisher mussten Planer solche Lichtdecken aus Einzelteilen entwerfen, mit Gewebe und Licht als eigenständige Komponenten. «Wir wollen Architekten ihre Arbeit erleichtern», sagt Ingo Thalhammer, der die Abteilung «Sefar Architecture» seit zehn Jahren leitet. «Cieluma», eine Modul von 90 mal 90, 120 mal 120 oder 150 mal 150 Zentimeter, kombiniert Leuchte und Textil. Es wirkt scheinbar rahmenlos, mit bereits eingebauten LED-Platinen und lässt sich mit wenigen Handgriffen flächenbündig fixieren. Das Resultat: mildes Licht, das die Exponate schützt und dennoch in originalgetreuer Tiefenwirkung zeigt. Das Zürcher Architekturbüro Flury und Furrer hat «Cieluma» als eines der Ersten für eine Teilsanierung des Museums Oskar Reinhart in Winterthur eingesetzt. Nebst solch funktionalen Fragen beschäftigt Ingo Thalhammer auch das Thema Nachhaltigkeit: Wie etwa am SBB-Hauptgebäude, wo Sefars Gewebe intelligent die Wärme regulieren. «Mit Qualität und den dadurchverlängerten Lebenszyklen wollen wir zudem der Wegwerfgesellschaft etwas entgegensetzen», sagt er.

Fabian Graber, Jakob AG

Aktuell arbeiten wir in Richtung kinetische Netze.
Fünf verschiedene Farbtöne prägen die kinetische Fassade der neuen Gebäude des Hauptsitzes der Schweizerischen Bundesbahnen bei Bern. Möglich macht diesen ausgeklügelten Sonnenschutz «SEFAR® Architecture VISION» der Firma Sefar.
Sbb Bern 022 Klein

Garn spinnen und Beton leuchten lassen: Monosuisse

Die hochwertigen Filamente, die schliesslich zu den langlebigen Sonnensegeln oder Lichtdecken verwebt werden, produziert Sefars Tochterfirma Monosuisse in Emmenbrücke nahe Luzern. Sie kennen sich aus mit technischen Garnen, ihr dünnster webbarer Faden misst gerade mal 19 μm, also 19⁄1000 Millimeter, was einem Drittel eines menschlichen Haares entspricht. «Ein gutes Textil entsteht beim Spinnen», sagt Markus Wanner, ein langjähriger Mitarbeiter der Firma. Die Reinheit des Rohstoffs sei dafür entscheidend: Es gibt nur wenige Lieferanten weltweit, die das passende Polymer dafür liefern können. «Bei Lichtdecken wäre die kleinste Verunreinigung in der Fläche sichtbar.» Zudem sollen die Architekturgewebe länger halten als ihre technischen Pendants: «Filter wechseln wir oftmals monatlich aus, eine Decke im Museum muss auch nach fünf Jahren noch weiss strahlen.»

Um die Fasern zu optimieren, hat Monosuisse viel Zeit in die Entwicklung investiert und Maschinen umgebaut und aufgerüstet. Danebst ist Monosuisse in eine weitere textile Neuheit involviert: Leuchtender Beton der rheinischen Firma Lucem. Schimmernde Linien lassen den massiven Stein wie leichte Seide scheinen. Es wirkt fast so, als befänden sich im Stein winzige gestickte Löcher, durch die das Licht dringt. «Möglich machen diesen Effekt Lichtwellenleiter von Monosuisse, die das Licht nahezu verlustfrei durch unsere Betonbauteile bringen», sagt Lucem-Geschäftsführer Andreas Roye. Diese sind in das Material eingebettet und machen es transluzent, also lichtdurchlässig. Zunächst belieferte Lucem vor allem Sanitärstudios, die aus den Betonplatten Waschtische fertigten. Immer öfter nutzen ihn aber auch Architekten im Innenausbau und sogar für Fassaden. Als Leuchtmittel kommen künstliche Lichtquellen, aber auch Tageslicht infrage. Das Architekturbüro Carpus+Partner integrierte für den Neubau des Instituts für Textiltechnik in Aachen erstmals eine interaktive Lichtbetonwand in die Fassade eines Gebäudes. Tagsüber wirkt die unbeleuchtete Wand wie eine Natursteinfassade, nachts strahlt sie in allen Farben. Dabei lässt sich jede Lichtbetonplatte unabhängig ansteuern. Ein interessantes Beispiel ist auch die Al Aziz Moschee in Abu Dhabi aus 500 grossformatigen Lucem-Fassadenplatten auf einer Fläche von total 525 Quadratmetern. Die Kalligrafie, die sie zusätzlich aus den Platten sandstrahlten, leuchtet in der Nacht.

Der Novartis-Hauptsitz auf dem «Suurstoffi» Areal in Rotkreuz bei Zug. Die Fassade des Baus von Holzer Kobler Architekturen wurde mit dem Gewebe «SEFAR® Architecture VISION AL 140/70» gefertigt.
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Textil dämmen: Stoffwechsel

Auch wer Gebäude clever dämmt, reduziert Energieverbrauch und Schadstoffemissionen. An der Hochschule Luzern tüftelt deshalb ein interdisziplinäres Team an einer neuen Isolationsmethode mit Textilien. «Gemeinsam mit der HP Gasser AG Membranbau aus Lungern entwickeln wir eine Lösung, um Binderhallen aus den 1970er- und 1980er-Jahren effizient zu sanieren», sagt Daniel Wehrli, Forschungsassistent an der HSLU, der das Projekt betreut. Diese Tennis- oder Lagerhallen sind heute energetisch oftmals nicht mehr tragbar. «TexLining» ist Teil des Projekts «Stoffwechsel – ein mehrschichtiges Konstruktionssystem aus Textilien für den Einsatz in Sanierung und Neubau», das von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) des Bundes unterstützt wird. «Wir suchen ein konkurrenzfähiges Produkt, das bestehende Methoden optimiert und dabei textile Vorteile nutzt», sagt Daniel Wehrli. Deshalb kombiniert das Projekt die bewährte Technik, Isolationsmaterialien in einen Hohlraum einzublasen, mit einer neuen Erfindung: Statt einer Verschalung aus Holz oder anderen Materialien setzt «TexLining» auf eine Gewebehülle, die das Füllmaterial aufnimmt. Denn die langen Stoffbahnen erlauben grosse Masse, das Textil lässt sich für den Transport aber platzsparend zusammenfalten.

Die ersten Versuche ähnelten einem überdimensionalen Kissenbezug, der direkt am Tragsystem befestigt werden sollte. Das funktionierte nicht, weil sich das Isolationsmaterial nicht genügend verteilte und das Textil an überfüllten Stellen ausbauchte. So kamen die Forschenden schliesslich auf die Idee, den Stoff punktuell mit Knöpfen zu fixieren – einem kapitionierten Sofa ähnlich. «Nebst ihrer Funktion sind die Knöpfe ein interessantes gestalterisches Element», sagt Daniel Wehrli. Das Textil ist ein Glasfasergewebe der Firma Tissa Glasweberei AG, isoliert wird mit losen Steinwollflocken: «Wir konzentrieren uns auf mineralische Materialien, damit später auch wieder recycelt werden kann.» Zudem ging es im Projekt darum, möglichst viele Unbekannte zu reduzieren. «Je weniger Parameter, desto näher kommen wir dem Ziel.» Ein erster Versuchsaufbau eines Prototyps hat funktioniert. Nun startet die zweite Phase des Projekts, in der es darum geht, das Produkt marktreif zu entwickeln.

Alle vier im Text geschilderten Beispiele zeigen Textil als ergänzendes Bauelement. Die Luzerner Forschenden aber träumen von tragenden Stoffen. Stoffwechsel-Projektleiterin Andrea Weber Marin: «Textile Konstruktionen, die ganz ohne Hilfsmittel stehen, sind die Zukunft.»

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