Mirjam Matti Gähwiler — 15.05.2019

Leicht, dünn, flexibel, hochporös, reissfest, formbar und doch formstabil, weiterverarbeitbar und multifunktional – bei keinem anderen Material sind die Eigenschaften so vielfältig. Die Anwendung von textilen Lösungen ist schier unendlich. Die grosse Vielfalt der textilen Produkte zeigt sich auch in den unterschiedlichen Erzeugnissen der Swiss Textiles Mitglieder.

Die Schweizer Textilbranche ist heute stark spezialisiert. Auf Produkte und Dienstleistungen in Nischenmärkten, im modischen, wie im technischen Bereich. Technische Textilien sind oft kaum noch als textile Produkte erkennbar. Dazu zählen beispielsweise textile Implantate, künstliche Kreuzbänder, gestickte Sensoren für die Patientenüberwachung, Fassadengewebe, die vor Bränden schützen oder Benzintanks für die Formel 1.

Der Bereich der Technischen Textilien ist in den letzten Jahren, weltweit, aber besonders auch in der Schweiz stetig gewachsen. Die Schweizer Firmen investieren in Forschung und Entwicklung und leisten Pionierarbeit in der Schaffung neuer textiler Produkte und Prozesse. «Die Schweizer Textilbranche ist nicht mehr die Branche der Textilfabriken. Sie ist eine High-Tech-Branche. Es geht nicht mehr um herkömmliche Produkte, sondern um textile Lösungen» sagt Peter Flückiger, Direktor von Swiss Textiles.

Peter Flückiger, Direktor Swiss Textiles

Die Schweizer Textilbranche ist nicht mehr die Branche der Textilfabriken. Sie ist eine High-Tech-Branche. Es geht nicht mehr um herkömmliche Produkte, sondern um textile Lösungen
SWISS Pavilion an der Techtextil 2019
Dsc 5801

Vom 14. bis 17. Mai findet in Frankfurt die grösste internationale Messe für Technische Textilien statt. Prof. Dr. René Rossi, Abteilungsleiter Laboratory for Biomimetic Membranes and Textiles bei der Empa und Mitglied der Jury des Techtextil Innovation Awards berichtet über die neusten Entwicklungen in der Branche.

Interview mit:

Prof. Dr. René Rossi

Prof. Dr. René Rossi

Empa

Technische Textilien sind ein weites Feld. Das zeigt sich gerade bei den Schweizer Firmen mit ihren zahlreichen Produkten für unterschiedliche Anwendungen. Gibt es dennoch eine Richtung in die entwickelt wird, die für alle Anwendungen gilt?

René Rossi: Ich sehe zwei Bereiche in denen momentan sehr viel passiert: Die Branche ist aktiv daran Alternativen zu entwickeln, um die Industrie nachhaltiger zu gestalten. Das ist zwar nicht neu, aber es sind nicht mehr nur Nischenplayer, die sich dem Thema verschrieben haben. Einerseits in den Prozessen, insbesondere in der Veredlung, um ressourcenschonend zu produzieren, wie beispielsweise E. Schellenberg Textildruck AG, der seine Produktion Co2-neutral gestaltet. Andererseits wird viel investiert in der Entwicklung neuer Fasern, die auf natürlichen Rohstoffen basieren oder aus Abfällen. Ich spreche hier nicht von «normalen» Stoffen, sondern von Fasern, aus denen ein hochfunktionales Textil entsteht. Zwei Beispiele wurden aktuell an der Techtextil mit einem Innovation Award prämiert:

BIO4SELF für vollständig biobasierte, selbsttragende thermoplastische Composites auf Basis von PLA-Fasern. Die Composites können im Automobilbau, in der Sportindustrie und der Medizintechnik eingesetzt werden und sind ein Ansatz zur Umsetzung der Nachhaltigen Entwicklungsziele der UN, indem sie den Wandel hin zur Green Economy fördern. Entwickelt wurde BIO4SELF von der Arbeitsgemeinschaft aus Comfil (Dänemark), Chemosvit Fibrochem (Slowakei), das Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT (Deutschland), die Technische Universität Dänemark und Centexbel (Belgien).

Und das Projekt «Textile Mining» des Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West. Es handelt sich um ein Funktionstextil, das beispielsweise Unternehmen aus der Metallindustrie die Rückgewinnung von Edelmetallen wie Gold, Platin und Palladium aus Industrieabwässern ermöglicht. Vor dem Hintergrund knapper werdender Rohstoffe sind Industrieabwässer neben Elektroschrott eine wichtige Quelle für Edelmetalle und damit das sogenannte «Urban Mining», also die Gewinnung von Rohstoffen aus den vorhandenen Ressourcen in Städten. Weitere Partner im Projekt: Kayser Filtertech, Sextex-Textilveredlung, Cornelsen Umwelttechnologie, Unimicron Germany und Wieland Edelmetalle (alle aus Deutschland).

Die zweite Entwicklung, die ich beobachte, ist eine Zunahme der Funktionalisierung von Alltagstextilien. Zum Beispiel Schlafbekleidung, wie sie Dagsmejan Ventures AG entwickelt. Hier leisten die Textilien einen aktiven Beitrag zum besseren Schlafkomfort. Oder auch die von KJUS mit Schoeller Textil AG entwickelte intelligente Jacke, die dank der HYDRO_BOT-Technologie den Schweiss aktiv nach aussen pumpt und so Skifahrer trocken und warm hält. oder das von HeiQ lancierte XReflex-Produkt, das bei 50 Prozent weniger Volumen die gleiche Isolation gewährleistet.

Hat Sie etwas speziell überrascht an der Messe?

Nicht überrascht, aber ich stelle fest, dass zunehmend textilfremde Firmen, Start-ups oder Spinn-Offs von Hochschulen, mit Innovationen aufwarten. Um ein Beispiel aus der Schweiz zu nennen: das ETH-Spin-Off sensomative, das gestickte Sensoren im Medizinalbereich anbietet. Diese Firmen sind wiederum sehr interessiert an Partnerschaften mit Textilfirmen. Das kann gerade für die in der Schweiz ansässigen KMU spannend sein. Heute entstehen Innovationen nicht mehr monodisziplinär, sondern sind Resultat einer engen, disziplinübergreifenden Zusammenarbeit.

Was können wir im Bereich smart Textiles noch erwarten?

Der Funktonalisierung von Textilien sind keine Grenzen gesetzt. Alles was in Faserform existiert, kann in eine Fläche eingebaut werden. 3D-Effekte werden möglich, wie beispielsweise die Entwicklung einer textilen Herzklappe. Eine weitere spannende Anwendung sieht man auch in der Architektur. Textil kann Beton oder Metall ablösen. Beispielsweise das von Serge Ferrari Tersuisse AG entwickelte «Stamisol one» Gewebe. Es ist weltweit die erste nicht brennbare, diffusionsoffene Fassadenbahn für Fassaden an Hochhäusern. Das ist doch gerade für Architekten spannend, denn einerseits erfüllt es höchste Anforderungen an Funktionalität, andererseits kann aus dem leichten, formbaren Textil auch ein Design-Objekt entstehen.

Prof. Dr. René Rossi

Heute entstehen Innovationen nicht mehr monodisziplinär, sondern sind Resultat einer engen, disziplinübergreifenden Zusammenarbeit

Auszug von Produkten der Schweizer Aussteller an der Techtextil 2019

Bcomp Egt Unfoiled Front Jaime De Diego Low

Naturfaserkomposite der Bcomp AG für Fahrzeugkarosserieteile.

Naturfaserkomposite der Bcomp AG für Fahrzeugkarosserieteile.

Weiche Sensoren Klein

Leuchtende Textilsensoren zur Messung der Herzfrequenz und/oder der Durchblutung der Haut, entwickelt von der Empa, dem Materialforschungsinstitut des ETH­-Bereichs.

Leuchtende Textilsensoren zur Messung der Herzfrequenz und/oder der Durchblutung der Haut, entwickelt von der Empa, dem Materialforschungsinstitut des ETH­-Bereichs.

170510 Cl21 Red

Gestickte LED von Forster Rohner AG, produziert für faltbare Scheinwerfer von Carpetlight GmbH.

Gestickte LED von Forster Rohner AG, produziert für faltbare Scheinwerfer von Carpetlight GmbH.

Img 3754

Stamisol Save One, die weltweit erste nicht brennbare, diffusionsoffene Fassadenbahn für Fassaden an Hochhäusern bzw. für Gebäude mit sehr hohen Brandschutzanforderungen. Serge Ferrari Tersuisse AG.

Stamisol Save One, die weltweit erste nicht brennbare, diffusionsoffene Fassadenbahn für Fassaden an Hochhäusern bzw. für Gebäude mit sehr hohen Brandschutzanforderungen. Serge Ferrari Tersuisse AG.

7 Handschuhe Bearbeitet

Textile Geflechte als Implantate von Meister&Cie. AG.

Textile Geflechte als Implantate von Meister&Cie. AG.

Airwork Klein

Seile, die Tonnen tragen: Die AirWork & Heliseilerei GmbH stellt Spezialseile für Helikoptertransporte her.

Seile, die Tonnen tragen: Die AirWork & Heliseilerei GmbH stellt Spezialseile für Helikoptertransporte her.

Img 3755 Bearbeitet

Klein, leicht und reissfest, aber trägt Tonnen. Technische Bänder von tts inova ag.

Klein, leicht und reissfest, aber trägt Tonnen. Technische Bänder von tts inova ag.

Fotolia 12775543 Farbkorr Klein

Biomedizinische Pflaster, die Medikamente abgeben. Entwickelt von der Empa.

Biomedizinische Pflaster, die Medikamente abgeben. Entwickelt von der Empa.

Sbb Bern 017 Klein

Kinetische Fassade als Sonnenschutz von Sefar AG.

Kinetische Fassade als Sonnenschutz von Sefar AG.

Jacket Violet2

XReflex von HeiQ: Bei 50 Prozent weniger Volumen die gleiche Isolationsfähigkeit.

XReflex von HeiQ: Bei 50 Prozent weniger Volumen die gleiche Isolationsfähigkeit.

Artikel zum Thema