Mirjam Matti Gähwiler — 06.07.2021

Wer in der Schweiz Textilien entwickelt und produziert, der denkt und agiert global. Vor allem, wenn es um die Beschaffung der Rohstoffe geht. Aber geht es auch anders? Ist es denkbar, dass für textile Produkte wieder natürliche Rohstoffe aus dem eigenen Land verwendet werden können? Wir stellen hier zwei Initiativen vor, die sich zum Ziel gesetzt haben, Rohstoffe aus der Schweiz zu nutzen. Was ist die Motivation dahinter – und welches Potenzial sehen die Initiantinnen und Initianten für ihre Produkte.

Neeschi - Teppiche aus der Schwarznasenschafwolle

Auf die Frage, was zuerst war, das Schaf mit seiner Wolle oder das Produkt, für das es Wolle braucht, muss Caroline Weder, Initiantin und Geschäftsführerin der Design-Firma Neeschi, zuerst einmal schmunzeln und sagt dann: «Es war eigentlich beides.» Als Walliserin wusste sie schon als Kind um die spezielle Wolle der Schwarznasenschafe. Diese Schafe leben vor allem im Oberwallis, grasen an den steilsten Hängen, fühlen sich in diesen Höhenlagen besonders wohl. Die schwarzen Flecken an Nase, Augen, Ohren, Knien und Füssen sowie das leichte, wollige Fell machen es einzigartig. Kein Wunder hat ihm sein Aussehen den Titel «World Cutest Sheep» eingebracht.

In der Schweiz gibt es ca. 11'000 Schwarznasenschafe. Am meisten kommen sie im Oberwallis vor. Bild: Vera Hartmann
Schafkopf klein

Die Wolle des Walliser Schwarznasenschafs ist warm und robust, widersteht härtesten Stürmen, kann aber gleichzeitig auch heisse Sommertemperaturen ausgleichen – perfekte Eigenschaften also. Umso erstaunter war Caroline Weder, als sie feststellte, dass aus der Wolle nichts hergestellt wird. Die Wolle war ein Abfallprodukt. «Ich war eigentlich auf der Suche nach Wolle, aus der ich Vlies herstellen kann, um sie schliesslich für die Kleiderproduktion zu nutzen, aber nach vielen Jahren erfolgloser Tests musste ich feststellen, dass sich die Wolle dafür nicht eignet.» Dass sie ihre Idee begraben musste, hinderte sie allerdings nicht daran, weiter zu suchen nach einem Produkt, für das sich die Wolle perfekt eignet. «Mich liess einfach der Gedanke nicht mehr los, dass es doch nicht sein kann, dass wir hier einen tollen Rohstoff haben, den wir wegwerfen, umgekehrt aber für alles Mögliche Rohstoffe importiert werden müssen.» Es ging ihr nicht nur um das Produkt, sondern auch um die Geschichte. Angetrieben von der Idee, ein Produkt zu 100 Prozent in der Schweiz herzustellen, entstand schliesslich der Neeschi-Teppich. Für die Produktion dieses Teppichs brauchte Caroline Weder aber neben den Bauern und ihren Schafen auch Partner aufseiten der Industrie. Diese suchte und fand sie in der Schweiz. Die Wollspinnerei Huttwil AG wäscht und spinnt die Wolle zu Garn, die Ruckstuhl AG produziert die maschinengetufteten Teppiche, die Lantal Textiles AG seit Kurzem handgetuftete

Caroline Weder

Caroline Weder

Neeschi

«Mich liess einfach der Gedanke nicht mehr los, dass es doch nicht sein kann, dass wir hier einen tollen Rohstoff haben, den wir wegwerfen.»
Bild: Vera Hartmann

Andreas Christen

Andreas Christen

Lantal Textiles AG

«Da war plötzlich die Möglichkeit, Teil einer Entwicklung eines Produkts zu sein, das vom Anbau bis zur Fertigstellung die Schweiz nie verlässt.»

100 Prozent Swiss Made

Der Anspruch, ein Produkt vollumfänglich in der Schweiz zu produzieren, war mitunter ein Grund, weshalb die Wollspinnerei Huttwil AG Hand bot für die industrielle Waschung und das Spinnen der Wolle. «Da war plötzlich die Möglichkeit, Teil einer Entwicklung eines Produkts zu sein, das vom Anbau bis zur Fertigstellung die Schweiz nie verlässt», sagt Andreas Christen, Leiter Technik bei Lantal Textiles AG und damaliger Leiter der Wollspinnerei Huttwil AG. In der inzwischen global aufgestellten Textilbranche eine Einmaligkeit. «Es war eine Herzensangelegenheit», sagt Andreas Christen weiter. Heute sei es umso wichtiger, offen zu sein für Ideen und Initiativen, deren Ausgang ungewiss sei, betont er.

So hat diese Initiative auch seine positiven Spuren bei der Wollspinnerei hinterlassen. Erst durch die Neeschi-Produkte wurde in Huttwil wieder angefangen, Wolle industriell zu waschen. Dieser Service ist nun auch für andere Kunden im Angebot. Tina Ventura, die inzwischen die Geschäftsführung der Wollspinnerei übernommen hat, sagt: «Wir sind heute die einzige industrielle Wollwäscherei in der Schweiz und haben seit dem Aufbau dieses Geschäftsbereichs Mitte 2020 bereits über vier Tonnen Schweizer Wolle gewaschen.» Zudem ist die Wollspinnerei Huttwil AG Teil eines Innovationsprojekts des Bundes geworden, damit auch weiterhin kleinere Mengen von Schweizer Schafwolle auf den bestehenden Anlagen der Wollspinnerei gewaschen werden können.

Tina Ventura

Tina Ventura

Wollspinnerei Huttwil AG

«Wir sind heute die einzige industrielle Wollwäscherei in der Schweiz.»

Schafe

Die Wolle der Schwarznasenschafe ist warm und robust, widersteht härtesten Stürmen, kann aber gleichzeitig auch heisse Sommertemperaturen ausgleichen - ein perfektes Material für Teppiche. Foto: Pascal Gertschen

Die Wolle der Schwarznasenschafe ist warm und robust, widersteht härtesten Stürmen, kann aber gleichzeitig auch heisse Sommertemperaturen ausgleichen - ein perfektes Material für Teppiche. Foto: Pascal Gertschen

Waschanlage

Die Waschanlage der Wollspinnerei Huttwil AG.

Die Waschanlage der Wollspinnerei Huttwil AG.

Neeschi Teppich

Ein Neeschi Teppich produziert von der Ruckstuhl AG. Foto: Pascal Gertschen

Ein Neeschi Teppich produziert von der Ruckstuhl AG. Foto: Pascal Gertschen

Neeschi handtufting

Der handgetuftete Teppich von Lantal Textiles AG. Foto: Alain Amherd

Der handgetuftete Teppich von Lantal Textiles AG. Foto: Alain Amherd

Und wie reagiert der Markt auf einen Teppich «Made in Switzerland»? Stefan Howald von der Ruckstuhl AG: «Wir waren von Beginn an überzeugt, dass ein Produkt mit dieser Geschichte die Kundinnen und Kunden begeistert.» Der Neeschi-Teppich gehört inzwischen gemäss Howald zu den Bestsellern aus dem Hause Ruckstuhl. Gekauft wird er vor allem für Privatobjekte, aber es sind auch Hotels oder Bürogebäude darunter. Neben den von der Firma Ruckstuhl AG hergestellten maschinengetufteten Teppichen ist es seit Kurzem auch möglich, handgetuftete Teppiche herstellen zu lassen. Die Lantal Textiles AG stellt diese exklusiven Produkte in ihrem Betrieb in Melchnau her. So sind beispielsweise auch individuelle, personalisierte Teppiche auf Wunsch der Kundschaft möglich. «Es sind exklusive Luxusprodukte, die sich Menschen leisten, die den Wert in einem solchen Produkt suchen und erkennen», sagt Simon Grossmann, zuständig für VIP-Produkte bei Lantal Textiles AG. «Die Auswirkungen der Pandemie haben die Wertschätzung für die Herkunft und den Hintergrund eines Produkts noch weiter verstärkt», ergänzt Howald.

Simon Grossmann

Simon Grossmann

Lantal Textiles AG

«Es sind exklusive Luxusprodukte, die sich Menschen leisten, die den Wert in einem solchen Produkt suchen und erkennen.»

Stefan Howald

Stefan Howald

Ruckstuhl AG

«Die Auswirkungen der Pandemie haben die Wertschätzung für die Herkunft und den Hintergrund eines Produkts noch weiter verstärkt.»

Die SwissFlax GmbH fördert den Wiederanbau von Flachs in der Schweiz.
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Flachs aus der Schweiz

Diese Einschätzung teilt auch Dominik Füglistaller, Geschäftsführer der SwissFlax GmbH. Seine Leidenschaft gilt allerdings dem Wiederanbau des Flachs in der Schweiz. Während seines Agronomiestudiums arbeitete er bereits in einer Versuchsreihe des Flachsanbaus mit und widmete sich in seiner Diplomarbeit dem Potenzial des Schweizer Flachsanbaus. «Spätestens als ich zum ersten Mal den Flachs auf den Feldern blühen sah, war es um mich geschehen», sagt Füglistaller. Es habe ihn gepackt und nicht mehr losgelassen. Um überhaupt den Flachs wieder in grossen Mengen anzubauen, musste er zuerst Bäuerinnen und Bauern überzeugen. Dies sei gar nicht so schwierig gewesen, sagt er. Herausfordernd waren eher die Prozesse und welche Qualitäten schliesslich angeboten werden können, damit die hiesige Textilbranche die Faser für ihre Produkte verwenden kann. Zugute kam Dominik Füglistaller die Vorarbeit, die von der IG Niutex geleistet wurde. 2010 wurde die Interessengemeinschaft gegründet, um das Potenzial hiesiger Naturfasern auszuloten. Am erfolgversprechendsten stellte sich der Flachs heraus.

Dominik Füglistaller

Dominik Füglistaller

SwissFlax GmbH

«Spätestens als ich zum ersten Mal den Flachs auf den Feldern blühen sah, war es um mich geschehen.»

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Das blühende Flachsfeld.

Das blühende Flachsfeld.

Flachs Ernte

Die Flachsernte.

Die Flachsernte.

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Die Flachsernte.

Die Flachsernte.

Flachsgarn small

Flachsgarn.

Flachsgarn.

Schwinger Blues
Erfolg FS 2019 02

Strick aus Schweizer Flachs von erfolg.

Strick aus Schweizer Flachs von erfolg.

Möbel Pfister Vorhang

Vorhänge aus Schweizer Flachs von Möbel Pfister. Alle Bilder von SwissFlax GmbH.

Vorhänge aus Schweizer Flachs von Möbel Pfister. Alle Bilder von SwissFlax GmbH.

Kommerziell vermarkten

Von einem 100 Prozent Swiss-Made-Produkt sprechen kann Dominik Füglistaller aber (noch) nicht. Das Garn wird in Polen gesponnen, da es in der Schweiz keinen Anbieter gibt. Dafür gibt es zahlreiche Industriepartner, die aus dem Schweizer Flachs Produkte herstellen. So zum Beispiel die Firma Kramis Teppich Design AG, die den Schwinger-Blues-Teppich fertig, die Traxler AG, die Gestricke für Bekleidung der Marke erfolg verwendet oder Création Baumann AG, die Vorhänge für Möbel Pfister webt. SwissFlax ist heute noch stark auf den B2B-Markt ausgerichtet. «Wir möchten künftig mehr eigene Stoffentwicklungen direkt anbieten können», sagt Dominik Füglistaller. Seine Vision ist, so viele Arbeitsschritte wie möglich in die Schweiz zurückzuholen. Bis das gelingt, hat er noch ein Zwischenziel: 2025 soll der erste Schweizer Schwingerkönig eine Hose, die komplett aus Schweizer Flachs hergestellt wurde, tragen. Aber der Flachs soll nicht nur mit der traditionellen Ecke von der Schwingerhose und dem Küchentuch in Verbindung gebracht werden. Eine innovative Anwendung von Flachs beweist das Schweizer Unternehmen Bcomp, das zum Beispiel für den Fahrzeugbau Kompositteile entwickelt. Kontakte zu solchen Firmen will Füglistaller künftig wieder vermehrt in Angriff nehmen und zeigen, dass Flachs ein Material mit grossem Potenzial und vielfältiger Anwendung ist. Geholfen hat SwissFlax auch die Auszeichnung mit dem Design Preis Schweiz 2019. Diese hat dem Projekt Aufmerksamkeit gegeben und es sei eine Bestätigung und Motivation zugleich gewesen, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen, so Füglistaller.

Die Vision vom Hemd aus einheimischer Herkunft - Flachsanbau in der Schweiz

Titelbild: Pascal Gertschen

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