Jeroen van Rooijen — 24.01.2019

Die Serge Ferrari AG, die in Eglisau am Rhein technische Textilien beschichtet, lanciert mit der unbrennbaren, aber dennoch diffusionsoffenen Fassadenmembran Stamisol Safe One eine Weltneuheit. Das Material ist das erste seiner Art, das wirklich unbrennbar ist und hat das Potenzial, das Bauen nachhaltig zu verändern.

Die einen fahren einen Ferrari, die anderen bauen damit. Dabei gibt es grosse Unterschiede: Der Rennfahrer Enzo Ferrari entwickelte ab 1946 eigene Sportwagen, Serge Ferrari ging 1973 mit seinen Kompositmaterialien für industrielle Anwendungen an den Start. Während die Autos von Ferrari bis heute meist nur zwei Insassen Platz bieten, können die Produkte von Serge Ferrari an Gebäuden angewendet werden, die mehrere Zehntausend Menschen fassen. Und schliesslich gibt es preislich Unterschiede: Ein Ferrari kostet neu 200’000 Franken und mehr, der Quadratmeter Industrietextilien von Serge Ferrari ist dagegen schon ab etwa 5 Franken zu bekommen.

Man sieht: Viel mehr als den Nachnamen verbindet die beiden Ferrari-Werke nicht. Allerdings gilt auch die Firma Serge Ferrari AG, die seit 2001 in der Schweiz tätig ist, als Hochleistungsmarke, die bei ihren Kunden viel Ansehen geniesst. Ihre Produkte, flexible Kompositmaterialien, werden von Planern und Architekten in aller Welt eingesetzt und zeichnen sich durch geringes Gewicht, umfassende Funktionalität und hohe Langlebigkeit aus, was durch eine Garantie von bis zu 20 Jahren untermauert wird. Ob es Textilien für Sonnenschutz, Fassadenbekleidungen, wasserfeste Sitzbezüge, Bootspersenninge, Stadionüberdachungen oder atmungsaktive Fassadenbahnen sind – Serge Ferrari ist auf vielen Baustellen tätig und trägt dazu bei, Sporthallen, Hochhäusern, Schulen, Spitälern, Wasserspeichern oder Parkhäusern mehr Funktion und Charakter zu geben.

Es geht um Hunderte von Laufmetern und Tonnen von Material: Bautextilien von Serge Ferrari.
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Zum «sichtbarsten» Teil des Produktportfolios der Serge Ferrari AG gehören das in der Schweiz bestens bekannte Stamoid (ein Textil für Jachtabdeckungen) sowie Batyline und Stamskin, die ebenso im Bereich von Sport- und Freizeitbooten zum Einsatz kommen. Immer bekannter wird allerdings auch Stamisol, eine atmungsaktive Fassadenmembran, die in der Architektur eingesetzt wird und ähnlich wie die Membranen in Funktionskleidung wirkt: Aufgrund seiner einzigartigen Beschichtungsformel bietet das Textil eine hohe Resistenz gegen UV-Strahlen, Regen und Wind. Stamisol sorgt dafür, dass Bauten trotz offener Fassadenkonstruktionen trocken und warm bleiben, aber auch dafür, dass durch die hohe Atmungsaktivität Restfeuchte entweichen kann und so ein optimales Raumklima gewährleistet wird. Und in Zukunft auch noch, dass Gebäude einen maximalen Brandschutz erhalten.

Impressionen aus der Produktion von Serge Ferrari in Eglisau ZH.

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Das neue Produkt Stamisol Safe One sorgt dafür, dass bauliche Vorschriften, die zwar schon lange bekannt sind, aber nie befriedigend eingelöst werden konnten, nun auch vollumfänglich eingehalten werden. So müssen in der Schweiz Gebäude, die höher als elf Meter und mit einer geöffneten Fassade ausgeführt sind, bereits seit Anfang 2017 unbrennbare Fassadenmembranen haben – eine Anforderung, die bisher oft mit Sonderbewilligung umschifft wurde. Das ist bedenklich, denn spätestens seit dem verheerenden Hochhausbrand im 24-stöckigen Londoner Grenfell Tower vom Juni 2017 wissen auch Laien, dass solche Gebäude im Brandfall ein hohes Risiko darstellen können und daher einen erhöhten Brandschutz erfordern.

Zwar verfügt Serge Ferrari bereits seit über zehn Jahren über ein umfassendes Know-how in der Entwicklung von Glasfaser-/Elastomer-Compositmaterialien für architektonische und Industrieanwendungen, aber mithilfe dieser Technologien eine nicht brennbare Fassadenbahn zu entwickeln stellte eine besondere Herausforderung dar: einerseits in Bezug auf die Diffusionsoffenheit und Wetterbeständigkeit, andererseits aber auch hinsichtlich der Verlegung für die Fassadenbauer, die einfach und nach bekannten Prinzipien erfolgen sollte. Etwas über ein Jahr haben die Entwicklungsspezialisten von Serge Ferrari an diesen Herausforderungen getüftelt, Mitte November legte die Mannschaft mit der Vermarktung der neuen Membran los. Angesprochen werden die öffentliche Hand, die oft grosse Bauprojekte vergibt, die grossen Bauunternehmen des Landes sowie Architektinnen und Architekten, denen das neue Gewebe nicht nur regulatorische Sicherheit bringt, sondern auch neue gestalterische Möglichkeiten eröffnet.

Für den Verkauf bereitstehende Produkte der Serge Ferrari AG in Eglisau.
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Das erste unbrennbare Textil seiner Art ist aus Glasfasern, die in Frankreich verwoben und in Eglisau mit einer innovativen Elastomer-Mischung beschichtet werden. Niklaus Zemp, der als Direktor die Schweizer Niederlassungen von Serge Ferrari in Eglisau und Emmenbrücke leitet, und sein Mitarbeiter Tim Schubert, der den Produktbereich Stamisol verantwortet, erhoffen sich vom neuen Produkt einen entscheidenden Wachstumsschub. Zwar sei Stamisol Safe One mit einem Quadratmeterpreis von 32 Franken rund zwei- bis dreimal so teuer wie andere Textilien, die bisher für diese Zwecke verwendet werden, doch nur das neue Serge-Ferrari-Gewebe ist wirklich unbrennbar. Für ein grosses Gebäude – eine Schule, ein Spital oder einen Firmensitz – werden etwa 500 bis 1000 Quadratmeter davon benötigt. Auf das Gesamtbudget einer Grossbaustelle, das oft mehrere Millionen Franken beträgt, wirken sich die Mehrkosten für erstklassige Membranen kaum aus – auf die Sicherheit im Falle einer Feuersbrunst aber schon.

Um ein technisches Gewebe wie Stamisol Safe One herzustellen, ist nicht nur Pionier- und Erfindergeist gefragt, sondern auch viel Material, Kraft und Energie. Es sind riesige, robuste Produktionslinien, auf denen die 2,65 Meter breiten Stoffbahnen eingespannt werden, bevor sie die verschiedenen Produktionsschritte der Beschichtung und Veredelung durchlaufen. Tonnen von Material müssen bewegt, bearbeitet und gelagert werden. Diese Arbeit erfordert belastbare Mitarbeitende – es sind fast ausnahmslos kräftige Männer, welche die Maschinen bedienen. 85 Mitarbeitende sind es in Eglisau, in Emmenbrücke beschäftigt Serge Ferrari noch einmal 65 Personen.

Direktor Niklaus Zemp (links) und der Stamisol-Produktverantwortliche Tim Schubert (Mitte) mit ihrem Team der Serge Ferrari AG.
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Die beiden Betriebe von Serge Ferrari sind, wie in grossen Teilen der industriellen Produktion heute üblich, sehr rationell aufgestellt: Die Maschinen laufen in mehreren Schichten rund um die Uhr – das Abstellen und Hochfahren solcher Anlagen ist ein Kostenfaktor, den man tunlichst vermeidet. Wenige Männer bedienen die dampfenden Ungetüme mit scharfem Blick und geübter Hand. Denn trotz aller Mechanik und computergesteuerter Anlagen geht es bei der Beschichtung von Textilien auch heute noch um Erfahrung und das geschulte Auge für feine Unterschiede. Da geht es um Zehntel von Millimetern und Bruchteile von Temperaturgraden – und die sind jeden Tag wieder anders. Es braucht also auch fundierte produktionstechnische Erfahrung.

Bewusst zur Kenntnis nehmen die meisten Menschen die Produkte aus Eglisau nicht. Wer nicht vom Bau ist, weiss kaum, dass auch Gebäude eigene Textilien «tragen». Vielleicht auch besser so, sonst käme womöglich noch jemand auf die Idee, sich aus den vielseitig talentierten Bautextilien ein Jäckchen zu nähen. Tim Schubert und Niklaus Zemp winken lachend ab: Erstens liefern sie nur in Chargen von mindestens 20 Metern an Baustoffhändler, und zweitens wäre ein Kleidungsstück aus Stamisol Safe One (310 g/m2) auch rein optisch kein «Burner». Das Textil gibt es vorläufig nur in einem dezenten Mattschwarz. Auf dem Bau ist das die beste und gefragteste Farbe.

Serge Ferrari AG, Eglisau und Emmenbrücke

Die Firma Serge Ferrari wurde 1973 von einem Franzosen gleichen Namens gegründet – er entwickelte und vertrieb erfolgreich Kompositmaterialien für industrielle Anwendungen. Ferraris Durchbruch gelang 1974 mit der sogenannten Précontraint-Technologie, die dank einer biaxialen Vorspannung bei der Beschichtung überdurchschnittlich langlebige, stabile und strapazierfähige Textilien ergibt. Ab 1981 übernahm mit Sébastien Ferrari sowie ab 1991 mit Romain Ferrari die zweite Generation Verantwortung – ein besonderer Fokus gilt seither auch dem Thema der Nachhaltigkeit für die Werkstoffe. 2001 übernahm Serge Ferrari die Produktion von Stamoid vom Schweizer Konzern Forbo in Eglisau, 2005 wurde auch die Garnproduktion der Tersuisse in Emmenbrücke integriert. Seit 2014 ist Serge Ferrari an der Pariser Börse kotiert. Die Firma beschäftigt rund 800 Mitarbeitende in mehr als 80 Ländern – rund 150 davon in der Schweiz.

Serge Ferrari AG
Wasterkingerweg 2
8193 Eglisau
Tel. 044 868 26 26

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