Nina Bachmann / Mirjam Matti Gähwiler — 24.06.2021

Nachhaltigkeit in seinen vielen Facetten ist ein Dauerbrenner in der Textilbranche. Faire Arbeitsbedingungen, innovative Materialien, umweltschonende Produktionsprozesse und vor allem das Bestreben, von einer linearen zu einer zirkulären Textilwirtschaft zu gelangen, beschäftigen die Unternehmen. Um Kreisläufe zu schliessen, gibt es viele Ansatzpunkte wie beispielsweise die Wiederverwendung oder Langlebigkeit von Materialien. Aber auch bei wiederverwendeten oder lange getragenen Textilien taucht irgendwann unweigerlich das Thema Recycling auf. Wo stehen wir in diesem Thema heute? Wie einfach ist es überhaupt, Textilien zu rezyklieren?

Viele sprechen heute von Textilrecycling, bezeichnen damit aber eigentlich «nur» die Textilsammlung: In der Schweiz werden ungefähr 36ʾ000 Tonnen Altkleider pro Jahr (Quelle: Geschäftsbericht TEXAID) gesammelt – das sind rund 100 Tonnen Altkleider pro Tag. Etwas mehr als die Hälfte wird einer Zweitnutzung auf den weltweiten Secondhandmärkten zugeführt. Dies ist kein Recycling, sondern ein Re-Use: Die Textilien werden verkauft, noch einmal oder bestenfalls mehrere Male getragen und dann schliesslich doch definitiv entsorgt. Sie landen im Abfall, sprich im Normalfall auf einer Deponie, seltener in einer Kehrichtverbrennungsanlage. Nicht mehr tragbare Textilien in der Textilsammlung werden zu Putzlappen, Reisswolle und Dämmstoffen verarbeitet. Auch diese Verwertungsform ist kein Recycling im strengen Sinn: Man spricht hier von Downcycling, weil hochwertige Textilien in «minderwertigen» Anwendungen landen.

Das Führen und Behalten von textilen Materialien in einem echten, geschlossenen Kreislauf, das echte Recycling, ist eine ganz andere Geschichte. Momentan gibt es zwei Kategorien von Recyclingtechnologien: das mechanische und das chemische Recycling. Bei Ersterem werden Alttextilien mechanisch bearbeitet: Fasern werden ohne Chemieeinsatz gerissen und die entstandenen Fasern werden neu versponnen oder PET wird gehäckselt und die entstandenen Granulate werden eingeschmolzen und zu Fäden gesponnen. Je nach Anwendungsgebiet müssen beim mechanischen Recycling Qualitätseinbussen hingenommen werden: So entstehen beispielsweise durch das Reissen sogenannte Kurzfasern. Deren Enden stehen im fertig versponnenen Garn stärker ab als die Enden von sogenannten Langstapelfasern, sodass Recyclinggarn aus mechanischem Recycling sich sehr rau anfühlt. Das mag für Teppiche irrelevant sein oder sogar spannende Designaspekte mitbringen, für feine Hemdenstoffe oder Bettwäsche können aber solche Recyclinggarne nur in kleinen Mengen in Mischung mit neuen Garnen verwendet werden.

Nina Bachmann

Nina Bachmann

Swiss Textiles
Nachhaltigkeit, Technologie, Mitglied der Geschäftsleitung

«Europaweit, auch in der Schweiz, sind momentan zahlreiche Start-ups am Entstehen, welche ihren Teil zu einem ökologischen chemischen Recycling beitragen könnten. Das Zusammenfügen der einzelnen Lösungen zu einem ganzheitlichen Prozess, der vor allem auch so kostengünstig ist, dass er mit den Preisen der Neumaterialien mithalten kann – das ist die Hürde, die in den nächsten Jahren gemeistert werden muss.»

Vielversprechender hinsichtlich Garnqualität, aber einiges komplexer ist das chemische Recycling: Hier werden mittels chemischer Prozesse die Grundbestandteile der Materialien, beispielsweise die Cellulose bei der Baumwolle oder die Erdölbestandteile beim Polyester, aus den Textilien herausgelöst. Dies bedingt, dass die Materialien in möglichst reiner Form vorliegen, eine vorgängige Sortierung ist hier also von Vorteil. Inzwischen gibt es aber auch für Mischgewebe bereits erste innovative Ansätze, wie durch ein stufenweises Verfahren die verschiedenen Bestandteile der Textilien nacheinander herausgelöst werden könnten. Aus der im chemischen Recycling entstehenden «Spinnmasse» können neue Fasern gesponnen werden. Diese haben zwar (im Falle von Baumwolle) nicht mehr die gleiche Qualität wie die ursprünglichen Fasern, genügen aber ähnlichen Qualitätsansprüchen und können in denselben Gebieten zur Anwendung kommen (zum Beispiel als Lyocell für Bekleidung). Eine Herausforderung beim chemischen Recycling ist es, den Prozess so zu gestalten, dass er den heutigen Ansprüchen genügt. Die Chemie bietet unendlich viele Möglichkeiten – nur ein kleiner Teil davon ist ökologisch unbedenklich und macht damit auch für ein Textilrecycling Sinn. Europaweit, auch in der Schweiz, sind momentan zahlreiche Start-ups am Entstehen, welche ihren Teil zu einem ökologischen chemischen Recycling beitragen könnten. Das Zusammenfügen der einzelnen Lösungen zu einem ganzheitlichen Prozess, der vor allem auch so kostengünstig ist, dass er mit den Preisen der Neumaterialien mithalten kann – das ist die Hürde, die in den nächsten Jahren gemeistert werden muss.

Wo sehen die Unternehmen die grössten Herausforderungen und an welchen Entwicklungen sind Sie schon dran?

Wir haben nachgefragt:

1) Was ist für Sie die grösste Herausforderung im Recycling von Textilien?

2) Arbeiten Sie derzeit aktiv an einer Lösung für das Recycling von Textilien?

3) In welchen Bereichen sehen Sie die grösste Chance, dass für das Recycling von Textilien bald neue Verfahren auf den Markt kommen?

4) Braucht es gesetzliche Grundlagen, damit das Recycling gefördert wird? Welche?

Moritz Ahrens-Pohle

Moritz Ahrens-Pohle

Jakob Schlaepfer AG
Kollektionsmanager

1) Die grösste Herausforderung für uns ist die noch sehr schwierig zu gewährleistende Kontinuität der Materialeigenschaften bei Rohstoffen mit recycelten Komponenten. Bei wiederverwendeten textilen Fasern zum Beispiel kommt es logischerweise immer wieder zu Farbabweichungen. Die Preissensibilität auf dem Markt ist ebenfalls eine Herausforderung. Nicht alle recycelten Materialien können zum gleichen Preis wie nicht recycelte Produkte angeboten werden.

2) Wir arbeiten fortlaufend an neuen Ideen und Prozessen, die uns in der Nachhaltigkeit weiter nach vorne bringen können. Es sind diverse spannende Projekte mit hohem Potenzial in der Entwicklung.

3) Das grösste Potenzial sehen wir derzeit bei recycelten Polyestermaterialien. Hier hat sich in den vergangenen Jahren enorm viel getan und wir machen immer grössere Fortschritte und kommen immer mehr an die Qualität von neuwertigem Polyester heran und entdecken ebenfalls alternative Materialien.

4) Der Druck seitens der Kunden ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und Firmen können sich dem Thema Recycling nicht länger entziehen. Mehr und mehr werden sogar schon numerische Zielgrössen von Firmen definiert, die einen Mindestanteil an zertifizierten oder recycelten Materialien vorschreiben. Dies ist sicher eine sehr positive, wenngleich auch herausfordernde Entwicklung. Langfristig sind gesetzliche Grundlagen sicher sinnvoll, damit Recycling keine Modeerscheinung wird, sondern ein unabdingbarer Bestandteil der Textil- und Modeindustrie.

Larissa Keller

Larissa Keller

Schlossberg Switzerland AG
Product Management

1) Leider gibt es in der Schweiz noch zu wenig Möglichkeiten, gebrauchte Textilien in einen Down- oder Upcyclingprozess zurückzuführen. Bei der Verwendung von recycelten Materialien stellen Qualität sowie Preislagen Herausforderungen dar.

2) Wir erarbeiten aktuell ein Rücknahmeprogramm für gebrauchte Schlossberg-Bettwäsche, um die wertvolle Ressource Baumwolle länger nutzen zu können.

3) Gerade ein reines Produkt wie unsere Bettwäsche aus 100 Prozent Baumwolle eignet sich im Gegensatz zu Mischgeweben sehr gut zum Recyceln – hier gibt es ein grosses Potenzial.

4) Aus meiner Sicht sind finanzielle Anreize für die Forschung sowie Start-ups, die auf diesem Gebiet tätig sind, ein wichtiger erster Schritt. Denn erst wenn Recyclingprozesse etabliert sind, können gesetzliche Grundlagen greifen.

Adrian Huber

Adrian Huber

Mammut Sports Group AG
Head of Corporate Responsibility

1) Heute besteht noch immer eine Lücke zwischen Produkten, die nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft hergestellt wurden, und entsprechenden, auf das konsequente Schliessen der Materialkreisläufe ausgerichteten End-of-Life-Lösungen. Der Grossteil der Textilien wird immer noch verbrannt oder landet auf Mülldeponien, ein kleiner Teil wird downcycelt. Geschlossene Materialkreisläufe zu entwickeln und am Markt erfolgreich zu etablieren, ist die grösste Herausforderung.

2) Ja, als Erfinder des Bergseils fühlten wir uns verpflichtet, der Kletter-Community eine nachhaltige Lösung anzubieten. Dazu kommt, dass unsere CO2-Analyse gezeigt hat, dass die Seile mit 13 Prozent den grössten Anteil an unseren Emissionen haben. Das hat uns dazu bewogen, das Close-the-Loop-Projekt zu starten. Uns ist es gelungen, eine Recycling-Infrastruktur sowie eine ganze Wertschöpfungskette aufzubauen, um zu verhindern, dass Seile am Ende der Gebrauchsdauer weggeworfen werden müssen. Aktuell machen wir aus alten Seilen hochwertige Funktions-T-Shirts. Dieses Projekt hat das Potenzial, global skaliert zu werden und wurde 2021 mit dem ISPO Award ausgezeichnet. Ein weiterer Ansporn, in kreislauffähige Ideen und Geschäftsmodelle zu investieren.

3) Einen wahren «Game Changer» sehe ich in chemischen Recyclingtechnologien. Eine hochkomplexe Funktionsjacke, die aus unzähligen Materialkomponenten besteht, mechanisch zu rezyklieren, funktioniert nicht. Wenn so ein komplexes Produkt auf umweltschonende Art und Weise chemisch in die Einzelkomponenten aufgebrochen werden kann, wird das die Textilindustrie revolutionieren. Die grösste Chance sehe ich derzeit bei einfacheren Fasermischungen wie Baumwolle und Polyester. Da stehen innovative Akteure wie zum Beispiel Demeto kurz vor dem Durchbruch.

4) Ja, alle Akteure, egal ob Hersteller, Investoren, Händler, Endkonsumenten oder die Politik: Recycling als Teil einer Kreislaufwirtschaft kann nur gelingen, wenn alle in die gleiche Richtung marschieren. Gesetzliche Grundlagen sind wichtig, um einen klaren Handlungsrahmen vorzugeben. Sie erhöhen zudem auch die Planungs- und Investitionssicherheit. Initiativen wie der European Green Deal sind vor diesem Hintergrund sehr zielführend und begrüssenswert.

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