Peter Flückiger — 25.02.2020

«100 Prozent made in Switzerland. Wir fertigen in unserem Atelier und bei Schweizer Produzenten und leisten damit einen Beitrag an die Ressourcenschonung» - die Mail eines Schweizer Labels in meinem Posteingang stimmte mich nachdenklich.

Einerseits freute ich mich sehr darüber, dass das Unternehmen bei sich selbst beginnt und initiativ ist, um das zu verändern, was in seinen Möglichkeiten liegt. In Zeiten der globalen Klimabewegung können solche «Made locally»-Initiativen auf verstärktes Kaufinteresse hoffen und sind zudem aufgrund ihrer Aufklärungsarbeit wichtig. Sie sensibilisieren die Konsumenten und bieten die Chance, dass der Bezug zum Herstellungsprozess und zur Wertigkeit eines Produkts, der in den vergangenen Jahren des Fast-Fashion-Konsums verloren ging, wiederhergestellt wird. Zudem wird das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit, Wert und Preis geschärft.

Andererseits, 100 Prozent made in Switzerland? Auch die Baumwolle, das Garn und das Gewebe? Oft sind mit «100 Prozent made in Switzerland» eben leider «nur» Design und Konfektionierung gemeint. Doch eine derart verkürzte Sichtweise trägt wenig zum Wissensgewinn über die komplexe textile Herstellungskette bei. Wir alle sind dazu aufgefordert, tiefer zu bohren und weiter zu gehen. Als Konsumenten müssen wir nachfragen, aus welchen Materialien, wo und wie der Rohstoff oder das Textil hergestellt wurden. Produzenten sollten den ganzen Prozess durchleuchten und bereits in der Designphase überlegen, wie das Produkt nach seiner Nutzungsphase wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann. Und vor allem, wie ein soziales und ökologisches Produkt auch wirtschaftlich nachhaltig wird. Kleinserien sind aufgrund mangelnder Skaleneffekte meist weniger nachhaltig als grosse. Sie mögen ein Ideal darstellen, haben aber leider geringere Hebelwirkung. Idealerweise streben kleine Labels deshalb ein Pooling bei der Materialbeschaffung an, denn durch ein Upscaling haben sie die Möglichkeit, einen grösseren positiven Beitrag zu leisten.

Oft sind mit «100 Prozent made in Switzerland» eben leider «nur» Design und Konfektionierung gemeint.

Die Schweiz als Kompetenzzentrum für textile Lösungen tut deshalb gut daran, auch global aktiv zu sein. Sei es mit Initiativen wie derjenigen für «Nachhaltige Textilien Schweiz», wo sich Bund, Wirtschaft und NGOs nicht nur untereinander, sondern vor allem auch auf internationaler Ebene koordinieren. Oder sei es mit der Entwicklung neuer Materialien wie PFC-freien Membranen von Dimpora, mit biobasierten Polymeren von Subitex oder den synthetischen DNA-Tracern zur Rückverfolgbarkeit von Haelixa. Diese haben das Potenzial, international die Branche zu verändern. Denn, halten wir uns vor Augen: Jährlich wird Bekleidung im Wert von knapp 6 Milliarden Franken in die Schweiz importiert und verkauft. Global generiert unsere Branche jährlich 1,2 Milliarden Tonnen CO2 und ist damit gemäss Weltbank für 10 Prozent der gesamten Treibhausgase verantwortlich. Nur gemeinsam - im Kleinen wie im Grossen, im Lokalen wie im Globalen - können wir den Wandel herbeiführen.

Die Kolumne von Peter Flückiger erschien in der Textilrevue Nr. 3 vom 24. Februar 2020.

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