Mirjam Rombach — 16.12.2019

«Less is more», heisst es gern. Wenn aber Klimakrise und knapp werdende Rohstoffe unser Konsumverhalten infrage stellen, bedeutet Reduktion dann wirklich mehr? Und worin liegt das «more», der Mehrwert? Diese Fragen stellte die Trendveranstaltung Kontext View, die am 10. Dezember in Zürich stattfand. Unter dem Titel Sur(e)plus debattierten Referenten und Organisatoren, was diese Werteverschiebung für Gestalter, Produzenten und Retailer in der Schweiz und anderswo bedeutet.

«Unser Bild von Konsum hat sich verändert, sein Glücksversprechen gilt nicht mehr», so Katrin Kruse. Die Kulturwissenschaftlerin führte gemeinsam mit Evelyne Roth, der kreativen Leiterin der Kontext, durch den Nachmittag. Kruse prognostizierte Firmen, Konsumentinnen und Konsumenten einen neuen Leitsatz der Nachhaltigkeit: Kauft weniger von uns! Ob dies auch weniger Umsatz bedingt, wird sich zeigen. Es hängt wohl davon ab, ob wir es schaffen, Produkte und Dienstleistungen mit dem notwendigen Mehrwert aufzuladen.

«Die Welt steht kopf», referierte der Trendforscher und Publizist David Shah. Er verortet die Weltwirtschaft nach Jahrzehnten des Wachstums im «Slowbalisation»-Modus. Die Gründe für die Verlangsamung sind vielfältig: erodierende Steuersysteme, Nationalismus, ein neuer Kalter Krieg zwischen den USA und China – die Regeln des Welthandels werden gerade aufgebrochen. Shah skizzierte den Konsumenten der Post-Happyness-Ära: zutiefst verunsichert und immer auf der Jagd nach einem flüchtigen Moment der Freude. Die Zukunftsängste der Millennials haben eine Stress-Economy entstehen lassen. Statt Statusgüter anzuhäufen, investiert man in sich selbst. Die Fokussierung auf Gesundheit, Ernährung, Sport, Wohlbefinden und Selbstoptimierung widerspiegelt die Suche nach neuen Werten. Rasant und unterhaltsam streifte Shah aktuelle Trends wie Spiritualität und Mystizismus, E-Sports, Biophilie, Sharing oder den Rückzug ins Häusliche. Darunter sind auch Skurrilitäten wie Reiseplanung mittels Horoskop, boomende Putz-Blogs oder Youtuber, die mit Flüstern und Knistern Millionen Klicks einholen (ASMR).

Christine Jean, Nile Clothing AG

David Shah hat uns temperamentvoll vor Augen geführt, wie herausfordernd und spannend unsere Zeit ist. Es war eine rasante Achterbahnfahrt durch die aktuellen Trends. Sein Tempo widerspiegelt das Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen – und wir sind mittendrin.

Impressionen von der Kontext View vom 10. Dezember 2019

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Christine Jean von Nile Clothing AG im Gespräch mit Sylvie Gablinger von Modissa.

Christine Jean von Nile Clothing AG im Gespräch mit Sylvie Gablinger von Modissa.

Swiss Textiles Kontext View 039

Gespräche und Austausch während der Pause.

Gespräche und Austausch während der Pause.

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Moritz Ahrens von Jakob Schlaepfer AG nutze die Gelegenheit in der Pause für ein persönliches Gespräch mit dem Keynote-Referenten David Shah.

Moritz Ahrens von Jakob Schlaepfer AG nutze die Gelegenheit in der Pause für ein persönliches Gespräch mit dem Keynote-Referenten David Shah.

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Strickdesignerin Cécile Feilchenfeldt im Gespräch mit Ivon Blazevic von Volans Swimwear.

Strickdesignerin Cécile Feilchenfeldt im Gespräch mit Ivon Blazevic von Volans Swimwear.

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Irene Münger von Studio 5 im angeregten Gespräch mit Roland Seidl, Chefredaktor Textil Plus und Ursula Waldburger.

Irene Münger von Studio 5 im angeregten Gespräch mit Roland Seidl, Chefredaktor Textil Plus und Ursula Waldburger.

Welche Konsequenzen hat dies für Design und Gestaltung? Shah präsentierte weiche, beruhigende Formen, fluide Körper und Farben. Pastelltöne vermitteln Optimismus, es wird mit Licht gespielt, Grenzen verschwimmen. Die Sehnsucht nach Ruhe zeigt sich in reduziertem, meditativem Design. Handwerkskunst und taktile, ursprünglich anmutende Materialien wie Holz ersetzen Plastik oder Carbon. Pilzsporen sind das Material der Stunde.

Über alldem kreist der Megatrend der Nachhaltigkeit. Ist dieses Erwachen echt oder bloss Marketing? «Ich weiss es nicht», so Shah. «Doch wenn Vintage das neue Must-have ist und alles geteilt wird, wie können wir durch Reduktion die Wirtschaft am Laufen halten?» Und was bedeutet dieses Szenario für Schweizer Firmen? Der einzige Weg, resümierte Shah, sei sehr schweizerisch: wissenschaftsgetriebene Entwicklungen, Nischenmärkte und -produkte – die Schweiz als Brand des Vertrauens in einer verunsicherten Welt. Innovation mit Mehrwert, weniger produzieren und trotzdem Geld verdienen.

Exemplarisch für die Wirkung innovativer Ideen ist die ambitionierte Industriepartnerschaft wear2wear. Dr. Annette Mark von Schoeller Textil präsentierte eine umfassende Kollaboration europäischer Betriebe, die den gesamten Recyclingkreislauf synthetischer Textilfasern abdecken. Das Portfolio erstreckt sich auf Funktionstextilien, denkbar sind künftig auch Kooperationen mit Partnern aus der Mode.

Die Kontext View lieferte selbst ein Beispiel echter Nachhaltigkeit. Anstelle einer klassischen Farbkarte stellte Evelyne Roth erstmals ein Farbtool vor, das Haptik, Sättigung und Farbwirkung einschliesst und individuell angewendet werden kann. Beide Farbthemen basieren auf kreislauffähigen Farbstoffen mit dem Zertifikat Cradle to Cradle Gold.

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Dr. Annette Mark von Schoeller Textil AG präsentierte wear2wear, eine Kollaboration europäischer Betriebe, die den gesamten Recyclingkreislauf synthetischer Textilfasern abdecken.

Dr. Annette Mark von Schoeller Textil AG präsentierte wear2wear, eine Kollaboration europäischer Betriebe, die den gesamten Recyclingkreislauf synthetischer Textilfasern abdecken.

Swiss Textiles Kontext View 008

Die Teilnehmenden stellen ihre individuelle Farbkarte zusammen.

Die Teilnehmenden stellen ihre individuelle Farbkarte zusammen.

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Swiss Textiles Kontext View 034

Anstelle einer klassischen Farbkarte gab es an der Kontext View ein Farbtool, das Haptik, Sättigung und Farbwirkung einschliesst und individuell angewendet werden kann.

Anstelle einer klassischen Farbkarte gab es an der Kontext View ein Farbtool, das Haptik, Sättigung und Farbwirkung einschliesst und individuell angewendet werden kann.

Swiss Textiles Kontext View 003

Die Ausstellung Overview gibt eine Übersicht über die Themen und macht sie verdichtet erfahrbar über Bilder, Farb- und Materialmuster, ausgewählte Bücher, Magazine und Objekte.

Die Ausstellung Overview gibt eine Übersicht über die Themen und macht sie verdichtet erfahrbar über Bilder, Farb- und Materialmuster, ausgewählte Bücher, Magazine und Objekte.

Swiss Textiles Kontext View 015

Das sagen die Teilnehmerinnen von Kontext View: Für Patricia Schölly, Charlotte Stein und Maja Antonovski von Calida war der Anlass Startschuss für die Arbeit an der neuen Kollektion. «Wir schätzen die Inputs der Kontext View. Wenn man so viel Zeit am Schreibtisch verbringt, tut es gut, den Geist zu öffnen und zu hören, was die nachwachsende Generation beschäftigt», so Schölly.

Anouk Bonsma von Jakob Schlaepfer führte aus: «Die Kontext deckt relevante Themen ab, die mich sowohl als Designerin als auch privat beschäftigen. Die Atmosphäre wirkt beflügelnd, nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern auch bildlich.» Ihre Kollegin Sally Zevenhuizen ergänzte: «Ich mag die Offenheit des Formats. Es werden Fragen gestellt, deren Antworten jeder für sich suchen kann. Es ist ein Dialog, der Versuch einer Positionierung.»

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