Mirjam Rombach — 09.04.2020

Woche vier ist beinahe um, der Ausnahmezustand dauert unvermindert an. Der Frühling gaukelt eine Normalität vor, die sich schwer mit unserer veränderten Geschäfts- und Lebenssituation vereinbaren lässt. Doch so sehr wir auf ein baldiges Aufatmen hoffenwir hängen weiter in der Schwebe, wissen nicht, wann die Geschäfte öffnen dürfen, die verstopften Vertriebskanäle wieder fliessen, Homeoffice und Kurzarbeit zu Ende sind.

Das Virus dominiert Leben, Nachrichten und Gespräche, kaum ein anderes Thema hat daneben noch Platz. Doch obwohl so viel darüber geschrieben wird, wissen wir oft nicht, wie es den Menschen um uns herum geht.

Und wie geht es Ihnen? Wie gehen Sie mit der Unsicherheit um? Sind Ihre Mitarbeitenden gesund? Wir haben einige Stimmen eingefangen und nach Schwierigkeiten, Herausforderungen und Hoffnungen gefragt.

Alexandra Helbling

Alexandra Helbling

Calida AG
Managing Director

Alexandra Helbling

Durch die Besinnung auf das Wesentliche wird Nachhaltigkeit nochmals an Bedeutung gewinnen.

«Die Schliessung des stationären Handels hat uns hart getroffen, die Retail-Stores sind ein sehr relevanter Teil von Calida. Dafür spüren wir eine Zunahme der Onlineverkäufe. Für uns ist es nun wichtig, den Dialog mit den Kunden über die digitalen Kanäle weiterzuführen. Calida ist im Digitalisierungsprozess weit fortgeschritten, wir sehen diesen Prozess vor allem als Chance. Diese Ausnahmesituation zwingt uns umzudenken, vom «das machen wir immer so» wegzukommen. Besonders herausfordernd ist die digitale Entwicklung der Kollektion Herbst / Winter 21.
Wir beschäftigen uns stark mit Zukunftsszenarien und -strategien. Wenn auch momentan vieles unklar ist, eines ist sicher: Die Post-Corona-Welt wird nicht mehr dieselbe sein und uns vor ganz neue Herausforderungen stellen – aber auch Chancen bieten. Und auch der Konsument verändert sich mit der Krise. Durch die Besinnung auf das Wesentliche wird Nachhaltigkeit nochmals an Bedeutung gewinnen.
Aktuell ist die Zukunft nach Corona eine grosse Unbekannte. Die Agilität, die unsere Mitarbeiter an den Tag legen und der flexible Umgang mit neuen Entwicklungen zeigen, dass wir dafür gut gerüstet sind. Wir möchten dies als Chance zum Umdenken nutzen. Wenn nichts sicher ist, ist alles möglich.»

Andreas Lenzhofer

Andreas Lenzhofer

Dagsmejan Ventures AG
Mitgründer

Andreas Lenzhofer

Wichtig wird sein, dass wir uns eine hohe strategische Flexibilität bewahren.

«Jedem unserer Partner ist klar, dass diese Krise existenzbedrohend ist und Solidarität und gute Zusammenarbeit wichtiger sind als je zuvor. Die Sicherung der Liquidität ist eine grosse Herausforderung, an erster Stelle steht aber die Gesundheit des Teams. Nach der ersten Schock-Phase stellen wir eine gewisse Normalisierung des Kaufverhaltens fest. Wir haben seit unserer Gründung stark auf digitale Kanäle gesetzt, hier ergeben sich nun interessante Kooperationsmöglichkeiten. Als schnell wachsendes Unternehmen haben wir unsere Abläufe kontinuierlich optimiert und automatisiert, so dass die Verlagerung unserer Mitarbeiter ins Home Office kein Problem war. Allerdings freuen wir uns schon auf die Wiedereroberung unseres Office – wirklich kreative, neue Ideen benötigen intensiven persönlichen Austausch.
Für 2021 ist die Planung in vollem Gange. Wichtig wird sein, dass wir uns eine hohe strategische Flexibilität bewahren. Was mich beeindruckt ist, dass die Menschen trotz der spürbaren Anspannung sehr respektvoll miteinander umgehen. Ich hoffe, dass wir diesen Spirit auch in die Zukunft mitnehmen können.»

Anna Meier

Anna Meier

enSoie
Designerin & Geschäftsführerin

Anna Meier

Es war eine grosse Herausforderung, unseren Onlineshop quasi über Nacht zum Hauptgeschäft umzurüsten.

«Unser Laden als Ort der Begegnung ist das Herzstück unserer Firma. Nun stecken wir mittendrin im Digitalisierungsprozess; es geht darum, diese Sensation ins Digitale zu transportieren. Natürlich hoffen wir, dass der kreative Geist von enSoie auch digital spürbar ist.
Es war eine grosse Herausforderung, unseren Onlineshop quasi über Nacht zum Hauptgeschäft umzurüsten und die Abläufe der Ateliers im Homeoffice zu koordinieren. Gefragt sind momentan vor allem unsere Keramiken und Objekte für das Haus. Viele Kunden rufen auch an, um sich beraten zu lassen. Das führt zu schönen Gesprächen. Auch die Solidarität innerhalb der Branche ist enorm schön. Es fühlt sich gut an, dass man die neuen Herausforderungen zusammen anpacken kann.»

Adrian Knezovic

Adrian Knezovic

FTC Cashmere
Geschäftsleiter

Adrian Knezovic

Unsere Hoffnung ist, dass die herrschende Solidarität weiter hält.

«Uns kommt in der aktuellen Situation zugute, dass wir ausschliesslich in eigenen Firmen produzieren. Doch auch wir spüren, dass die Lieferketten der Lieferanten beeinträchtigt sind. Die Produktion in unserer chinesischen Manufaktur wurde zwar wieder aufgenommen, Transport und Logistik bleiben aber herausfordernd. Online sehen wir bisher keine Steigerung der Absätze. Man merkt, dass auch die Endkunden unter der Situation leiden. Für uns ist darum klar, dass ein persönlicher Service noch wichtiger ist als sonst.
Wenn der Handel wochenlang nicht verkaufen kann, verschieben sich automatisch die Rhythmen. Daher werden wir flexiblere Pakete schnüren und durch Live-Video-Termine und interaktive Lookbooks flexiblere Ordermöglichkeiten anbieten. Unsere Hoffnung ist, dass die herrschende Solidarität weiter hält. Gerade in der Textilbranche wird der finanzielle Druck gerne an die Lieferanten weitergegeben. Vielleicht können wir für die Zukunft ein Umdenken in den Köpfen erreichen.»

Tim Hegglin

Tim Hegglin

Mammut Sportsgroup AG
Head of Corporate Communications

Tim Hegglin

Es wird sich zeigen, ob uns die aktuelle Situation so zu einer neuen Perspektive führt.

«Wir durchleben eine Zeit, die jeden von uns auf eine Probe stellt. Bei Mammut versuchen wir mit sensiblen Entscheidungen, unsere Mitarbeitenden, Kunden und Partner zu schützen. Entsprechend haben wir unseren Betrieb auf ein Mindestmass reduziert, die Mitarbeitenden sind im Homeoffice.
Die aktuelle Entwicklung wirft Fragen auf, die wir heute noch nicht beantworten können. Als globale Organisation lernen wir jetzt für die Zukunft. Zum Beispiel, wie unsere asiatischen Mitarbeitenden mit der Situation umgehen. Die Solidarität ist sowohl intern wie auch extern sehr hoch einzuschätzen, um gemeinsam Lösungen zu finden.
Mammut hat in den letzten Jahren viel in den Digitalisierungsprozess investiert. Dies werden wir weiter forcieren, da es uns für die Zukunft noch besser aufstellt. Wir sehen auch positive Entwicklungen im E-Commerce und arbeiten unter Hochdruck an der strategischen Ausrichtung unserer Marke. Es wird sich zeigen, ob uns die aktuelle Situation so zu einer neuen Perspektive führt.»

Stefania Samadelli

Stefania Samadelli

paradis des innocents
Inhaberin

Stefania Samadelli

Ich möchte aus der Krise lernen und Neues ausprobieren, das vorher nicht die Dringlichkeit hatte.

«Durch die Schliessung meiner Boutique ist der Umsatz von einem Tag auf den anderen weggefallen. Die finanzielle Situation ist daher die grösste Herausforderung. Einen Onlineshop haben wir bisher nicht. So bald als möglich werden wir aber unsere Kollektionen in einem eigenen Onlineshop anbieten. Zudem arbeiten wir an einer neuen Kollektionsstrategie: Künftig werden wir statt zweier Hauptkollektionen mehrere kleinere Kollektionen entwickeln. Die Idee ist, jährlich sechs in sich geschlossene Programme anzubieten. Trotz der Schwierigkeiten blicke ich sehr positiv in die Zukunft. Ich möchte aus der Krise lernen und Neues ausprobieren, das vorher nicht die Dringlichkeit hatte. Auch dass der Bund so schnell reagiert hat, stimmt mich zuversichtlich. Wir haben das Glück, in einem tollen Land zu leben. Das schätze ich im Moment sehr!»

Damian Wirth

Damian Wirth

Schlossberg Switzerland AG
CEO

Damian Wirth

Gerade in der aktuellen Situation erleben wir, wie hilfreich digitale Lösungen sein können.

«Zurzeit sind alle mit denselben Problemen konfrontiert, egal ob im Inland oder Ausland. Bei uns hat der Lockdown zu einem Umsatzeinbruch von rund 80% geführt – von einem Tag zum andern. Die Kosten laufen 1:1 weiter. Entsprechend stark beschäftigt uns die Sicherstellung der Liquidität, mittelfristig auch die Entwicklung der Unternehmensprofitabilität. Die digitale Transformation ist für Schlossberg schon länger ein grosses Thema. Gerade in der aktuellen Situation erleben wir, wie hilfreich digitale Lösungen sein können. In unserem Onlineshop und in denen unserer Fachhandelspartner beobachten wir derzeit einen leichten Anstieg unserer Produkte für Bett und Bad. Dieser ist jedoch nicht mit anderen Produktgruppen vergleichbar. COVID-19 und die damit hervorgerufene Situation wird uns noch über das Jahr 2021 hinaus beschäftigen. Es wäre fatal, wenn wir uns nicht schon heute mit neuen Ideen und Strategien auseinandersetzen würden. Erste Priorität hat aktuell aber die «Überlebenssicherung». Wir hoffen auf eine rasche und nachhaltige Normalisierung – und dass wir künftig von Pandemien verschont bleiben.»

Als Motto für unseren Summit 2020 wählten wir «Weniger ist mehr». Niemals hätten wir damals erwartet, in welchen Umständen wir uns ein halbes Jahr später wiederfinden würden. Inzwischen scheinen wir im Weniger zu leben: weniger Konsum, Arbeit, Vergnügen und Freiheit. Nach mehr fühlt es sich nicht an. Vielmehr wird unser Alltag empfindlich davon getroffen. Im besten Fall spüren wir ein Mehr, wenn die Krise abschwillt: Weil wir mit einem neuen Blick auf echte Notwendigkeiten aus dieser Zeit herausgehen.

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