Jeroen van Rooijen — 16.04.2019

Wandel bleibt auch in Zukunft die grosse Konstante – Swiss-Textiles-Direktor Peter Flückiger über die strategischen und strukturellen Herausforderungen der Textilbranche.

Peter Flückiger
Peter Flueckiger Swiss Textiles 226

Herr Flückiger, Sie sind seit sechs Jahren Direktor von Swiss Textiles und vertreten die Interessen von rund 200 Firmen aus der Textilbranche. Ihr zentrales Thema ist die «Transformation» der Branche – wie sieht dieser Wandel aus?
Wandel ist in der jahrhundertealten Geschichte dieser Branche eine Konstante und rückt jetzt, in diesen Zeiten des beschleunigten gesellschaftlichen, technologischen und politischen Umbruchs, noch einmal stärker in den Fokus. Mein Anliegen ist es, nach vorne zu schauen und ein neues Kapitel in der Geschichte der Textilbranche zu schreiben. Es geht auch darum, die Geister der nicht immer einfachen jüngeren Vergangenheit abzuschütteln und den Blick in die Zukunft zu drehen. Wir entfernen uns von der rein industriellen Produktion am Standort Schweiz und entwickeln uns hin zu einem globalen Kompetenzzentrum für textile Lösungen.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit im Verband?
Dass wir erstens offen sein müssen für neue Mitglieder, die wir vielleicht bisher nicht im Fokus hatten. Früher war es undenkbar, dass Firmen für textile Sensoren – wie sie etwa in Rollstühlen eingesetzt werden – Mitglied in unserem Verband werden, heute ist dies ein Segment unserer Zukunft. Zweitens müssen wir uns öffnen gegenüber verwandten Branchen und Technologien. Wir wollen eine Netzwerkplattform sein, die Brücken schlägt zwischen existierenden und kommenden Technologien. Die angestammten Bereiche wie Spinnen, Weben und Veredeln gehören natürlich weiterhin dazu, doch wir öffnen uns dezidiert auch für Neues.

Wir wollen eine Netzwerkplattform sein, die Brücken schlägt zwischen existierenden und kommenden Technologien.

Soll diese Offensive vor allem Aussenwirkung haben – oder ist sie auch ein Signal nach innen, also ein Appell an die Mitglieder, sich mental und inhaltlich zu erneuern?
Beides. Uns geht es darum zu zeigen, dass diese Branche eine Zukunft hat und ein attraktiver Arbeitgeber sein kann. Wir brauchen ein neues Selbstverständnis und einen neuen Stolz auf das, was geleistet wurde und an Herausforderungen vor uns liegt. Es muss uns gelingen, auch einen 14-Jährigen, der sich für einen Beruf entscheidet, wieder für die Textilbranche zu begeistern – oder einen ETH-Materialingenieur dazu zu bringen, seine Dissertation in einem Textilunternehmen zu machen. Parallel geht es natürlich auch um die Innenwirkung, also darum, die Mitglieder zu ermutigen, Textilien weiterzudenken und den einst hermetischen Rahmen dessen, was die Textilbranche war, zu verlassen.

Wo sehen Sie die grössten Entwicklungsfelder für die schweizerische Textilbranche?
Die Forschung ist ein zentrales Thema. Wir haben in der Schweiz so viel Kompetenz, sei es in der Maschinenindustrie, der Biotechnologie, der IT und der Mikroelektronik oder im Design. Dieses Umfeld bietet auch für die Textilbranche sehr viel Potenzial. Wir bringen die Mitglieder mit diesen Akteuren auf verschiedenen Plattformen zusammen, wobei es immer auch Sprach-, Mentalitäts- und Kulturgrenzen zu überwinden gilt – was letztlich daraus entsteht, liegt aber ausserhalb unserer Verantwortung.

Die Haptik eines Textils oder die Sinnlichkeit von Mode wird aber nie von einem binären Code ersetzt werden.

Textilien sind meist etwas konkret Greifbares und können vorläufig noch nicht durch eine Smartphone-App obsolet gemacht werden. Dennoch stellt sich die Frage: Wie sehr beschäftigt die Digitalisierung die Mitglieder von Swiss Textiles?
Wir brauchen keine Angst zu haben, dass uns die Arbeit ausgeht. Vielmehr erschliessen sich zahlreiche neue Felder. Das Textil kann eine Schnittstelle zur Technologie sein, etwa indem es als Sensor oder Transmitter eingesetzt wird. Neue Stoffe können selbstständig auf klimatische Umstände reagieren. Digitalisierung ist zudem seit Jahren präsent bei der Automatisierung der Produktion oder im Onlinegeschäft mit Lieferanten und Kunden. Die Haptik eines Textils oder die Sinnlichkeit von Mode wird aber nie von einem binären Code ersetzt werden.

Bedrohen Roboter aber nicht auch bestehende Arbeitsplätze?
In der Produktion schreitet die Automatisierung und Robotisierung voran, doch das ist im Sinne der Nachhaltigkeit oft auch sinnvoll. Wir arbeiten daran, die Massproduktion zu skalieren, um Überproduktion und Lagerhaltung zu verringern. Das ist eine Chance für die Schweizer Textilbranche. Als Nischenhersteller ist die grosse Mehrheit der Arbeitsplätze in der Schweiz hoch spezialisiert und wird auch in Zukunft nicht durch Roboter ersetzt werden können.

Es muss uns auch gelingen, Quereinsteiger in die Firmen zu holen und vor allem das technische Know-how intern weiterzugeben.

Wo keine Menschen mehr gebraucht werden, wird auch niemand mehr ausgebildet – wie wird man in Zukunft noch die für die textile Produktion nötigen Fachkräfte finden?
Auf der einen Seite müssen wir die jüngeren Menschen wieder für diese Branche begeistern und zeigen, welches Potenzial eine Ausbildung in unserer Branche hat. Wir tun dies mit einer neuen Nachwuchskampagne. Junge Leute suchen eine sinnstiftende Arbeit und wollen einen Beitrag leisten für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Es verlangt aber auch ein Umdenken in den Firmen, denn die junge Generation verlangt Abwechslung und hat nicht unbedingt vor, 40 Jahre in der gleichen Firma zu bleiben. Es muss uns auch gelingen, Quereinsteiger in die Firmen zu holen und vor allem das technische Know-how intern weiterzugeben.

Welche weiteren spezifischen «Pain Points» spüren Ihre Mitglieder derzeit?
Das wirtschaftspolitische Umfeld macht uns zunehmend Sorgen. Es gibt eine Tendenz zum Protektionismus, und diese sorgt für Unsicherheit. Die USA haben gegenüber den Chinesen oder der Türkei eine Politik der Willkür etabliert, die auch unsere Mitglieder, die international tätig sind, betrifft. Zudem beschäftigt uns das Rahmenabkommen mit der EU – die Textilbranche ist nicht nur auf freien Marktzugang angewiesen, sondern auch, dass ihre technischen Normen international anerkannt werden. Schliesslich betrifft unsere Mitglieder auch das Thema des Brexit – das Problem ist in unserem Sektor besonders gross, weil die Wertschöpfungskette komplex ist und hohe Handelshemmnisse bestehen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Wir haben etwa Garne aus Indien, die in der Türkei zu einer Fläche verarbeitet werden, die wiederum in der Schweiz veredelt und in England bearbeitet wird, bevor sie in Mazedonien konfektioniert wird. Es braucht darum verlässliche Abkommen und Ketten, die über die Grenzen und Unionsgrenzen hinaus halten – gerade Nischenplayer können sich nicht endlos mit diesem Thema herumschlagen. Sie wollen sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, Neues entwickeln und Innovationen vorantreiben und sich nicht mit Tarifen und Formularen herumschlagen.

Nachhaltige Produktion wird immer wichtiger. Unternehmen sind dazu angehalten, der Umwelt Sorge zu tragen und Ressourcen zu schonen. Wie nimmt der Verband seine Mitglieder hierzu in die Pflicht?
Wir setzen bei diesem grossen und wichtigen Thema auf Eigenverantwortung. Wir haben zwar einen gemeinsamen «Code of Conduct», doch wir wollen unseren Mitgliedern nicht diktieren, wie sie mit dem Gebot der Nachhaltigkeit umgehen sollen. Es gibt keine Fertigrezepte, sondern nur individuelle Lösungen. Nachhaltigkeit ist ein Weg – unsere Mitglieder sind alle unterwegs, allerdings je nach Firma unterschiedlich weit. Als Verband begleiten wir die Firmen auf diesem Weg, verankern das Thema in der Ausbildung, bieten Seminare an, engagieren uns politisch und finanzieren Erstberatungen, die gerade für KMU wichtig sind.

Nachhaltigkeit ist ein Weg – unsere Mitglieder sind alle unterwegs, allerdings je nach Firma unterschiedlich weit.

Früher war die öffentliche Hand – etwa das Gesundheitswesen oder das Militär – eine wichtige Stütze der Textilbranche. Dieses Band scheint gebrochen …
… und wir arbeiten daran, es wieder herzustellen. Es kann doch nicht sein, dass unsere Unternehmen sich nach allen Regeln der Kunst anstrengen, konkurrenzfähige Produkte zu entwickeln oder herzustellen, es dafür aber keinen Return on Invest der öffentlichen Hand gibt? Spitäler, das Militär oder die Aviatik: Hier geht es um grosse Aufträge und darum auch um mehr als nur den günstigsten Preis für ein Produkt oder eine Dienstleistung. Wir haben mit unserem Lobbying erreicht, dass die öffentliche Hand mit dem revidierten Beschaffungsgesetz erstmals die rechtliche Grundlage erhält, nicht nur den Preis, sondern auch Kriterien wie ökologische und soziale Nachhaltigkeit zu berücksichtigen.

Die sich fast täglich neu formende Gegenwart ist unberechenbar geworden. Kann man angesichts dieses volatilen Zeitgeistes noch in die Zukunft planen?
Man muss auch heute noch Ziele formulieren. Als Verband müssen wir einen Schritt voraus sein und Entwicklungen antizipieren, die Fühler im Auftrag unserer Mitglieder ausstrecken. Es ist unser Auftrag, fünf Jahre in die Zukunft zu denken. Nur so können wir unsere Mitglieder rechtzeitig für Weichenstellungen sensibilisieren, die entscheidend zum Weiterbestand und zur Neuausrichtung dieser Branche beitragen.

Wie gut werden diese Angebote von Ihren Mitgliedern angenommen?
Im Rahmen der interdisziplinären Kontext-Veranstaltungen setzen wir uns beispielsweise mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen und dem Zeitgeist auseinander. Wir bringen Themen, die heute vielleicht noch nicht so klar sichtbar sind, aber die in ein paar Jahren eine grosse Präsenz haben werden. Dasselbe gilt für unsere Veranstaltung, den Innovation Day, wo wir technische Innovationen vorstellen. Oder unseren Summit, wo wir vor allem betriebswirtschaftliche und Führungsthemen aufgreifen.

Wir bringen Themen, die heute vielleicht noch nicht so klar sichtbar sind, aber die in ein paar Jahren eine grosse Präsenz haben werden

Die Textilbranche ist ein ehemals stolzer Industriezweig, der einst Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung der Schweiz war. Davon ist man heute ein Stück weit entfernt. Wie tief sind die emotionalen Wunden, welche die Veränderungen der letzten Jahrzehnte zurückgelassen haben?
Ja, die Branche ist heute eine andere. Aber nicht minder spannend. Textilien sind das Material der Zukunft. Die Anwendung von textilen Lösungen ist schier unendlich. Die Menschen, die in dieser Branche arbeiten, haben eine grosse Leidenschaft und Motivation für das, was sie tun. Die Firmen in der Schweiz stellen sich dem Wandel und gestalten ihn aktiv mit.

Seit sechs Jahren führt Peter Flückiger die Geschäftsstelle von Swiss Textiles. Zuvor betreute er beim Wirtschaftsverband economiesuisse als stellvertretender Leiter der Abteilung Aussenwirtschaft die Dossiers Zoll, Freihandel und baute die Zusammenarbeit der Schweizer Wirtschaft mit Mittel- und Osteuropa, Zentralasien und Südostasien auf. Er ist Mitglied des Vorstands der Handelskammer Schweiz-Asien. Peter Flückiger hat an den Universitäten Lausanne und Zürich studiert und mit einem Master of Arts in Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Sozialökonomie abgeschlossen.

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