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«Einerseits brauchen die Betriebe Menschen mit einer breiten Ausbildung und textilem Grundwissen, andererseits ist auch Spezialwissen gefragt», weiss Bildungsexperte Michael Berger.
Michael Berger, du bist bei Swiss Textiles seit elf Jahren für das Thema Bildung zuständig und vertrittst den Verband in der Kommission für Berufsentwicklung und Qualität.
Michael Berger: Ja, das war von 1996 bis 2001. Da war ich 23 alt und kam aus dem Militär. Ich begann anschliessend die Hotelfachschule in Luzern, wo ich zum ersten Mal mit dem Thema Ausbildung in Berührung gekommen bin. Was ich im Kurs gelernt habe, setzte ich in den Praktika um. Das ist genau das, was man «duales System» nennt, und was wir Studierende wirklich gelebt haben. Das ist auch bei der Bildung und der Lehre der Fall.
Was hat dich daran begeistert?
Ich habe erlebt, was bedeutet, wenn man Theorie und Praxis miteinander verknüpft sind. Dadurch habe ich eine Struktur bekommen, und das hat mir unglaublich gut gefallen. Genauso wie die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis. Ich habe mich immer auf den nächsten Kurs und das nächste Praktikum gefreut. Die Hotelfachschule ist eine Allrounder-Ausbildung. Du vertiefst dich zwar in keinem Fach, aber du hast am Schluss ein sehr breites Wissen und kannst selbst entscheiden, wo du es anwendest. So habe ich in alle Bereiche Einblick erhalten, die sonst nicht möglich gewesen wären: Service, Küche und in die richtige Planung. Ich habe so übrigens auch Kochen gelernt.
Der Bund schreibt den Branchen vor, dass sie ihre Berufe alle fünf Jahre überprüfen und allenfalls Massnahmen ergreifen müssen. Bei der Textil- und Bekleidungsbranche ist die Kommission zum Schluss gekommen, dass die Grundbildung revidiert werden muss. Warum?
Wir haben aufgrund des Strukturwandels in der Branche einen Handlungsbedarf erkannt. Einerseits entwickeln sich die Technologien laufend weiter oder neue kommen hinzu. Das hat einen Einfluss auf die Fachrichtungen. Andererseits ist die Ausbildungsstruktur ein hochkomplexes System, denn die Lernenden lernen ihre Inhalte im Betrieb, in der Schule und im überbetrieblichen Kurs. Auch die Ansprüche und Interessen der Jugendlichen und Betriebe haben sich verändert. Die Kommission und der Vorstand von Swiss Textiles kamen zum Schluss, dass ein eigener Beruf in der Branche weiterhin notwendig ist, es dafür aber keine Fachrichtungen mehr braucht. Diese haben das Ausbildungssystem verkompliziert, weil das Mengengerüst unserer Branche tief ist. Zudem war es finanziell nicht mehr tragbar.
Woran hat die Kommission das gemerkt?
Wir haben unsere Betriebe von Swiss Textiles sehr stark einbezogen und sie im Vorfeld zur Revision befragt. Teilgenommen haben Lehrbetriebe, Berufsfachschulen, überbetriebliche Kurszentren, ehemalige Lernende sowie Prüfungsexperten und -expertinnen. Die Antworten zeigten uns, dass Fliessband- und Routinetätigkeiten abnehmen und die Anforderungen an Fachkräfte im Vergleich zu heute weiter steigen werden. Ausserdem werden die Arbeiten technischer, innovativer und designorientierter. Auch digitale Fähigkeiten, Führungs- sowie Sozialkompetenzen gewinnen stärker an Bedeutung, genauso wie das Thema Nachhaltigkeit. Einerseits brauchen die Betriebe Menschen mit einer breiten Ausbildung und textilem Grundwissen, andererseits ist auch Spezialwissen gefragt. Zudem haben wir Zukunftsworkshops mit den Betrieben durchgeführt und eine Arbeitsgruppe gebildet. Dieses Vorgehen machte den Prozess sehr umfassend und gut abgestützt, weil sich alle äussern konnten.
Was wird nach der Revision der Textiltechnologin, dem Textilpraktiker, wie die beiden Grundbildungen heute heissen, konkret anders sein?
Eine grosse Umstellung betrifft sicherlich diesen Wegfall der Fachrichtungen. Vorhin standen Fachrichtungen Seil- und Hebetechnik – das sind die Seilereien – Veredlung, Herstellung und Design zur Auswahl. Diese wird es nicht mehr geben, was konkrete Auswirkungen auf die Schule hat. Sie vermittelte den Lernenden bisher fachrichtungsspezifisches Wissen und ging sehr in die Tiefe. Neu wird die Bildung in der Schule eher in die Breite gehen und sämtliche Lernenden werden während drei Lehrjahren die Schulbank gemeinsam drücken.
Verliert der Beruf nicht an Profil, wenn sich der Nachwuchs nicht mehr fachspezifisch vertieft?
Die Schulen werden zwar ein breites textiles Grundwissen und kein tiefes spezifisches Fachwissen mehr vermitteln, dafür eignen sich die Lernenden zusätzliche Kompetenzen an, die heute gefragt sind. Mit dem neuen Generalisten-Beruf erhält unsere kleine Branche die Chance, einen Beruf anzubieten, der arbeitsmarktauglich ist und den die Betriebe akzeptieren. Ausserdem sollen die Lernenden durch diese Öffnung die Möglichkeit erhalten, noch mobiler zu sein. Sie vertiefen sich nicht mehr in einem Bereich, sondern sind auch offen für andere Branchen oder das Ausland. Das macht den neuen Beruf attraktiv.
Die Betriebe müssen den Lernenden das Fachwissen also künftig selbst vermitteln. Das klingt nach viel mehr Aufwand.
Die fachliche Vertiefung wird ausschliesslich im Betrieb stattfinden – ja. Diese Umstellung sehen wir als Vorteil für die Branche: Erstens können so mehr Betriebe ausbilden. Zweitens ist der Nachwuchs nach seinem Abschluss viel breiter ausgebildet. Nach seiner Lehre ist sie Allrounder – natürlich mit einer spezifischen Vertiefung in ihrem Lehrbetrieb. Das macht sie attraktiv für den Markt. Insgesamt wertet die Revision die Ausbildung auf.
Inwiefern?
Künftig wird die Fachfrau, der Fachmann in der dreijährigen Lehre nicht mehr nur eine Maschine oder einen Maschinenpark bedienen, sondern eine erweiterte Schnittstellenkompetenz erlangen. Sie oder er werden mit der Entwicklung, Innovation, Design, Prototyping neue Fähigkeiten erwerben. Letzteres bedeutet, dass man vorläufige Modelle eines Produkts erstellt, um Ideen zu testen, Feedback einzuholen und Fehler frühzeitig zu erkennen. Das neue Berufsbild wird alle diese Bereiche verbinden. Bei der einfacheren zweijährigen Lehre wird die oder der Lernende weiterhin eine Hilfskraft sein, aber mehr Verantwortung übernehmen und die Produktion und Qualität sicherstellen.
Du hast Nachhaltigkeit erwähnt. Welche Rolle wird sie in der Bildung spielen?
Eine grosse. Wir sind eine prädestinierte Branche für dieses Thema. Darum lassen wir es auch in die Grundbildung einfliessen. Gemeinsam mit unserer Nachhaltigkeitsexpertin im Verband haben wir einen Workshop durchgeführt, in dem wir der Frage nachgingen, welche Inhalte auf Grundbildungsstufe vermittelt werden müssen. Sie sollten konkret sein und Inhalte abdecken, mit denen die Lernenden im Arbeitsalltag tatsächlich in Berührung kommen.
Die dreijährige Lehre heisst aktuell Textiltechnologin EFZ und die zweijährige Textilpraktiker EBA. Werden die Titel auch angepasst?
Ja, wenn von Attraktivität die Rede ist, sind nicht nur die Inhalte des Berufs gemeint, sondern auch die Berufstitel. Diese haben wir in den Workshops und unserer Arbeitsgruppe diskutiert und festgestellt, dass wir von den bisherigen Titeln wegkommen müssen. Wir haben uns darum auf «Polytechnolog Textil» für die dreijährige Lehre und auf «Polypraktiker Textil» für die zweijährige Lehre geeinigt. Die Bezeichnungen sind an die sehr bekannte Poli-Mechaniker-Lehre angelehnt. Das «Poli» soll eben die Vielfältigkeit in unserer Branche und die neuen Kompetenzen aufzeigen: das Technologische, die Innovation, das Design. Die Bildungserlasse sollen 2029 in Kraft treten.
Die Betriebe, die in der Schweiz herstellen, nehmen weiter stark ab. Warum sollte sich jemand auf Lehrstellensuche dennoch für Textil- und Bekleidungsbranche interessieren?
Ja, die industrielle Produktion in der Schweiz nimmt weiter ab. Als ich vor elf Jahren bei Swiss Textiles angefangen habe, waren etwa 45% aller Mitglieder in der Produktion tätig. Jetzt ist es noch ein Drittel. Gleichzeitig werden neue textile Nischenprodukte in der Schweiz entwickelt, die weltweit gefragt sind und für die es neue Berufe mit textilen Kompetenzen braucht. Wer Freude an textilen Materialien, an Maschinen, Apparaten und Instrumenten hat – also handwerklich arbeiten, designen, herumtüfteln und sich Neues überlegen will – der und die ist bei uns richtig. Ob im Labor, der Produktion oder Entwicklung. Die Lernenden stellen ein Produkt her, das die Gesellschaft im Alltag braucht. Ohne Textilien können wir nicht leben. Wir wissen auch, dass den Jugendlichen der Purpose, also die Sinnhaftigkeit, eines Berufs wichtig ist. Und ich glaube, das können wir in der Textilbranche sehr gut abdecken. Ausserdem haben wir sehr gute und engagierte Ausbildungsbetriebe. Es sind zwar nicht so viele wie in grossen Branchen, aber sie sind sehr motiviert. Wer sich weiterentwickeln will und eine gewisse Flexibilität mitbringt, hat unglaublich gute Möglichkeiten.
Mit dem Sommerende beginnen viele Jugendlichen mit ihrer Ausbildung in der Textil- und Bekleidungsbranche. Was gibst du ihnen mit auf den Weg?
Dass sie sich auf die Vielfältigkeit im Betrieb, die neuen Aufgaben und Menschen sowie die Möglichkeit mitzuwirken, freuen dürfen. Dabei helfen Offenheit, Interesse und die Fähigkeit, sich auf Neues einlassen zu können. Besonders, wenn es gelegentlich ein Tief gibt, und das wird bei jeder und jedem einmal vorkommen. Das kennen wir alle. Wichtig ist, nach Lösungen zu suchen und miteinander zu reden.
Auch digitale Fähigkeiten, Führungs- sowie Sozialkompetenzen gewinnen stärker an Bedeutung, genauso wie das Thema Nachhaltigkeit.
Woran hat die Kommission das gemerkt?
Wir haben unsere Betriebe von Swiss Textiles sehr stark einbezogen und sie im Vorfeld zur Revision befragt. Teilgenommen haben Lehrbetriebe, Berufsfachschulen, überbetriebliche Kurszentren, ehemalige Lernende sowie Prüfungsexperten und -expertinnen. Die Antworten zeigten uns, dass Fliessband- und Routinetätigkeiten abnehmen und die Anforderungen an Fachkräfte im Vergleich zu heute weiter steigen werden. Ausserdem werden die Arbeiten technischer, innovativer und designorientierter. Auch digitale Fähigkeiten, Führungs- sowie Sozialkompetenzen gewinnen stärker an Bedeutung, genauso wie das Thema Nachhaltigkeit. Einerseits brauchen die Betriebe Menschen mit einer breiten Ausbildung und textilem Grundwissen, andererseits ist auch Spezialwissen gefragt. Zudem haben wir Zukunftsworkshops mit den Betrieben durchgeführt und eine Arbeitsgruppe gebildet. Dieses Vorgehen machte den Prozess sehr umfassend und gut abgestützt, weil sich alle äussern konnten.
Was wird nach der Revision der Textiltechnologin, dem Textilpraktiker, wie die beiden Grundbildungen heute heissen, konkret anders sein?
Eine grosse Umstellung betrifft sicherlich diesen Wegfall der Fachrichtungen. Vorhin standen Fachrichtungen Seil- und Hebetechnik – das sind die Seilereien – Veredlung, Herstellung und Design zur Auswahl. Diese wird es nicht mehr geben, was konkrete Auswirkungen auf die Schule hat. Sie vermittelte den Lernenden bisher fachrichtungsspezifisches Wissen und ging sehr in die Tiefe. Neu wird die Bildung in der Schule eher in die Breite gehen und sämtliche Lernenden werden während drei Lehrjahren die Schulbank gemeinsam drücken.
Verliert der Beruf nicht an Profil, wenn sich der Nachwuchs nicht mehr fachspezifisch vertieft?
Die Schulen werden zwar ein breites textiles Grundwissen und kein tiefes spezifisches Fachwissen mehr vermitteln, dafür eignen sich die Lernenden zusätzliche Kompetenzen an, die heute gefragt sind. Mit dem neuen Generalisten-Beruf erhält unsere kleine Branche die Chance, einen Beruf anzubieten, der arbeitsmarktauglich ist und den die Betriebe akzeptieren. Ausserdem sollen die Lernenden durch diese Öffnung die Möglichkeit erhalten, noch mobiler zu sein. Sie vertiefen sich nicht mehr in einem Bereich, sondern sind auch offen für andere Branchen oder das Ausland. Das macht den neuen Beruf attraktiv.
Die Betriebe müssen den Lernenden das Fachwissen also künftig selbst vermitteln. Das klingt nach viel mehr Aufwand.
Die fachliche Vertiefung wird ausschliesslich im Betrieb stattfinden – ja. Diese Umstellung sehen wir als Vorteil für die Branche: Erstens können so mehr Betriebe ausbilden. Zweitens ist der Nachwuchs nach seinem Abschluss viel breiter ausgebildet. Nach seiner Lehre ist sie Allrounder – natürlich mit einer spezifischen Vertiefung in ihrem Lehrbetrieb. Das macht sie attraktiv für den Markt. Insgesamt wertet die Revision die Ausbildung auf.
Inwiefern?
Künftig wird die Fachfrau, der Fachmann in der dreijährigen Lehre nicht mehr nur eine Maschine oder einen Maschinenpark bedienen, sondern eine erweiterte Schnittstellenkompetenz erlangen. Sie oder er werden mit der Entwicklung, Innovation, Design, Prototyping neue Fähigkeiten erwerben. Letzteres bedeutet, dass man vorläufige Modelle eines Produkts erstellt, um Ideen zu testen, Feedback einzuholen und Fehler frühzeitig zu erkennen. Das neue Berufsbild wird alle diese Bereiche verbinden. Bei der einfacheren zweijährigen Lehre wird die oder der Lernende weiterhin eine Hilfskraft sein, aber mehr Verantwortung übernehmen und die Produktion und Qualität sicherstellen.
Du hast Nachhaltigkeit erwähnt. Welche Rolle wird sie in der Bildung spielen?
Eine grosse. Wir sind eine prädestinierte Branche für dieses Thema. Darum lassen wir es auch in die Grundbildung einfliessen. Gemeinsam mit unserer Nachhaltigkeitsexpertin im Verband haben wir einen Workshop durchgeführt, in dem wir der Frage nachgingen, welche Inhalte auf Grundbildungsstufe vermittelt werden müssen. Sie sollten konkret sein und Inhalte abdecken, mit denen die Lernenden im Arbeitsalltag tatsächlich in Berührung kommen.
Die dreijährige Lehre heisst aktuell Textiltechnologin EFZ und die zweijährige Textilpraktiker EBA. Werden die Titel auch angepasst?
Ja, wenn von Attraktivität die Rede ist, sind nicht nur die Inhalte des Berufs gemeint, sondern auch die Berufstitel. Diese haben wir in den Workshops und unserer Arbeitsgruppe diskutiert und festgestellt, dass wir von den bisherigen Titeln wegkommen müssen. Wir haben uns darum auf «Polytechnolog Textil» für die dreijährige Lehre und auf «Polypraktiker Textil» für die zweijährige Lehre geeinigt. Die Bezeichnungen sind an die sehr bekannte Poli-Mechaniker-Lehre angelehnt. Das «Poli» soll eben die Vielfältigkeit in unserer Branche und die neuen Kompetenzen aufzeigen: das Technologische, die Innovation, das Design. Die Bildungserlasse sollen 2029 in Kraft treten.
Die Betriebe, die in der Schweiz herstellen, nehmen weiter stark ab. Warum sollte sich jemand auf Lehrstellensuche dennoch für Textil- und Bekleidungsbranche interessieren?
Ja, die industrielle Produktion in der Schweiz nimmt weiter ab. Als ich vor elf Jahren bei Swiss Textiles angefangen habe, waren etwa 45% aller Mitglieder in der Produktion tätig. Jetzt ist es noch ein Drittel. Gleichzeitig werden neue textile Nischenprodukte in der Schweiz entwickelt, die weltweit gefragt sind und für die es neue Berufe mit textilen Kompetenzen braucht. Wer Freude an textilen Materialien, an Maschinen, Apparaten und Instrumenten hat – also handwerklich arbeiten, designen, herumtüfteln und sich Neues überlegen will – der und die ist bei uns richtig. Ob im Labor, der Produktion oder Entwicklung. Die Lernenden stellen ein Produkt her, das die Gesellschaft im Alltag braucht. Ohne Textilien können wir nicht leben. Wir wissen auch, dass den Jugendlichen der Purpose, also die Sinnhaftigkeit, eines Berufs wichtig ist. Und ich glaube, das können wir in der Textilbranche sehr gut abdecken. Ausserdem haben wir sehr gute und engagierte Ausbildungsbetriebe. Es sind zwar nicht so viele wie in grossen Branchen, aber sie sind sehr motiviert. Wer sich weiterentwickeln will und eine gewisse Flexibilität mitbringt, hat unglaublich gute Möglichkeiten.
Mit dem Sommerende beginnen viele Jugendlichen mit ihrer Ausbildung in der Textil- und Bekleidungsbranche. Was gibst du ihnen mit auf den Weg?
Dass sie sich auf die Vielfältigkeit im Betrieb, die neuen Aufgaben und Menschen sowie die Möglichkeit mitzuwirken, freuen dürfen. Dabei helfen Offenheit, Interesse und die Fähigkeit, sich auf Neues einlassen zu können. Besonders, wenn es gelegentlich ein Tief gibt, und das wird bei jeder und jedem einmal vorkommen. Das kennen wir alle. Wichtig ist, nach Lösungen zu suchen und miteinander zu reden.
Sie werden mit der Entwicklung, Innovation, Design, Prototyping neue Fähigkeiten erwerben
Die Betriebe müssen den Lernenden das Fachwissen also künftig selbst vermitteln. Das klingt nach viel mehr Aufwand.
Die fachliche Vertiefung wird ausschliesslich im Betrieb stattfinden – ja. Diese Umstellung sehen wir als Vorteil für die Branche: Erstens können so mehr Betriebe ausbilden. Zweitens ist der Nachwuchs nach seinem Abschluss viel breiter ausgebildet und ein Allrounder – natürlich mit einer spezifischen Vertiefung in seinem Lehrbetrieb. Das macht den neuen Beruf attraktiv für den Markt. Insgesamt wird die Ausbildung durch die Revision aufgewertet.
Inwiefern?
Künftig wird die Fachfrau, der Fachmann in der dreijährigen Lehre nicht mehr nur eine Maschine oder einen Maschinenpark bedienen, sondern eine erweiterte Schnittstellenkompetenz erlangen. Sie werden mit der Entwicklung, Innovation, Design, Prototyping neue Fähigkeiten erwerben. Letzteres bedeutet, dass man vorläufige Modelle eines Produkts erstellt, um Ideen zu testen, Feedback einzuholen und Fehler frühzeitig zu erkennen. Das neue Berufsbild wird alle diese Bereiche verbinden. Bei der einfacheren zweijährigen Lehre wird die oder der Lernende weiterhin eine Hilfskraft sein, aber mehr Verantwortung übernehmen und die Produktion und Qualität sicherstellen.
Du hast Nachhaltigkeit erwähnt. Welche Rolle wird sie in der Bildung spielen?
Eine grosse. Wir sind eine prädestinierte Branche für dieses Thema. Darum lassen wir es auch in die Grundbildung einfliessen. Gemeinsam mit unserer Nachhaltigkeitsexpertin im Verband haben wir einen Workshop durchgeführt, in dem wir der Frage nachgingen, welche Inhalte auf Grundbildungsstufe vermittelt werden müssen. Sie sollten konkret sein und Inhalte abdecken, mit denen die Lernenden im Arbeitsalltag tatsächlich in Berührung kommen.
Die dreijährige Lehre heisst aktuell Textiltechnologin EFZ und die zweijährige Textilpraktiker EBA. Werden die Titel auch angepasst?
Ja, wenn von Attraktivität die Rede ist, sind nicht nur die Inhalte des Berufs gemeint, sondern auch die Berufstitel. Diese haben wir in den Workshops und unserer Arbeitsgruppe diskutiert und festgestellt, dass wir von den bisherigen Titeln wegkommen müssen. Wir haben uns darum auf «Polytechnolog Textil» für die dreijährige Lehre und auf «Polypraktiker Textil» für die zweijährige Lehre geeinigt. Die Bezeichnungen sind an die sehr bekannte Poli-Mechaniker-Lehre angelehnt. Das «Poli» soll eben die Vielfältigkeit in unserer Branche und die neuen Kompetenzen aufzeigen: das Technologische, die Innovation, das Design. Die Bildungserlasse sollen 2029 in Kraft treten.
Die Betriebe, die in der Schweiz herstellen, nehmen weiter stark ab. Warum sollte sich jemand auf Lehrstellensuche dennoch für Textil- und Bekleidungsbranche interessieren?
Ja, die industrielle Produktion in der Schweiz nimmt weiter ab. Als ich vor elf Jahren bei Swiss Textiles angefangen habe, waren etwa 45% aller Mitglieder in der Produktion tätig. Jetzt ist es noch ein Drittel. Gleichzeitig werden neue textile Nischenprodukte in der Schweiz entwickelt, die weltweit gefragt sind und für die es neue Berufe mit textilen Kompetenzen braucht. Wer Freude an textilen Materialien, an Maschinen, Apparaten und Instrumenten hat – also handwerklich arbeiten, designen, herumtüfteln und sich Neues überlegen will – der und die ist bei uns richtig. Ob im Labor, der Produktion oder Entwicklung. Die Lernenden stellen ein Produkt her, das die Gesellschaft im Alltag braucht. Ohne Textilien können wir nicht leben. Wir wissen auch, dass den Jugendlichen der Purpose, also die Sinnhaftigkeit, eines Berufs wichtig ist. Und ich glaube, das können wir in der Textilbranche sehr gut abdecken. Ausserdem haben wir sehr gute und engagierte Ausbildungsbetriebe. Es sind zwar nicht so viele wie in grossen Branchen, aber sie sind sehr motiviert. Wer sich weiterentwickeln will und eine gewisse Flexibilität mitbringt, hat unglaublich gute Möglichkeiten.
Mit dem Sommerende beginnen viele Jugendlichen mit ihrer Ausbildung in der Textil- und Bekleidungsbranche. Was gibst du ihnen mit auf den Weg?
Dass sie sich auf die Vielfältigkeit im Betrieb, die neuen Aufgaben und Menschen sowie die Möglichkeit mitzuwirken, freuen dürfen. Dabei helfen Offenheit, Interesse und die Fähigkeit, sich auf Neues einlassen zu können. Besonders, wenn es gelegentlich ein Tief gibt, und das wird bei jeder und jedem einmal vorkommen. Das kennen wir alle. Wichtig ist, nach Lösungen zu suchen und miteinander zu reden.