Adriana Zilic — 11.08.2026

Bis 2029 werden die Grundbildungen Textilpraktiker EBA und Textiltechnologin EFZ totalrevidiert. Damit will die Branche den Nachwuchs fit für die künftigen Anforderungen des Arbeitsmarkts machen. Swiss Textiles sprach mit dem Bildungsexperten Michael Berger über seine erste Ausbildung, weshalb die Überarbeitung der Grundbildung «dringend nötig» war und warum der Beruf dadurch attraktiver für den Markt wird.

Michael Berger

«Einerseits brauchen die Betriebe Menschen mit einer breiten Ausbildung und textilem Grundwissen, andererseits ist auch Spezialwissen gefragt», weiss Bildungsexperte Michael Berger. Bild: Aladin Klieber

In der Deutschschweiz beginnen diesen Sommer 20 Jugendliche eine Lehre in der Textil- und Bekleidungsbranche. Zehn davon entfallen auf die Textiltechnologin EFZ, sechs auf den Textilpraktiker EBA und vier auf den Laboranten EFZ Textil. Diese lassen sich noch nach dem alten System ausbilden, denn die beiden Berufe Textiltechnologin und Textilpraktiker sollen bis in drei Jahren totalrevidiert werden.

Zu diesem Entschluss kamen Swiss Textiles, die Kommission für Berufsentwicklung und Qualität (B&Q) sowie Vertreterinnen und Vertreter von Bund und Kantonen in einer Untersuchung. Diese haben das neue Qualifikationsprofil, also das Grundkonzept der Berufe, bereits genehmigt. Darauf bauen sowohl der Bildungsplan und als auch die -verordnung auf, die bis 2029 entwickelt werden.

Michael Berger, du bist seit elf Jahren bei Swiss Textiles für das Thema Bildung zuständig und Präsident der Kommission für Berufsentwicklung und Qualität. Erinnerst du dich noch an deine erste Ausbildung?

Ja, das war die Hotelfachschule in Luzern von 1996 bis 2001. Da war ich 23 alt und kam aus dem Militär. In Luzern kam ich zum ersten Mal mit dem dualen Bildungssystem in Berührung. Was ich im Kurs gelernt habe, setzte ich in den Praktika um. Das ist genau das, was das Erfolgsrezept der Schweiz ist, und was wir Studierende wirklich gelebt haben. Das ist auch bei der Bildung und der Lehre der Fall.

Was bedeutet für dich «gelebt»?

Zu erleben, was es heisst, wenn Theorie und Praxis miteinander verknüpft sind. Dadurch habe ich eine Struktur bekommen, und das hat mir unglaublich gut gefallen. Genauso wie die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis. Ich habe mich immer auf den nächsten Kurs und das nächste Praktikum gefreut. Die Hotelfachschule ist eine Allrounder-Ausbildung. Du vertiefst dich zwar in keinem Fach, aber du hast am Schluss ein sehr breites Wissen und kannst selbst entscheiden, wo du es anwendest. So habe ich in alle Bereiche Einblick erhalten, die sonst nicht möglich gewesen wären: Service, Küche und Management. Ich habe so übrigens auch Kochen gelernt.

Michael Berger

Auch digitale Fähigkeiten, Führungs- sowie Sozialkompetenzen gewinnen stärker an Bedeutung, genauso wie das Thema Nachhaltigkeit.
Foto LAP

Das «Poly» im neuen Berufstitel soll ab 2029 die Vielfältigkeit der Branche und die Kompetenzen betonen: Diplomierte Textiltechnologinnen und -technologen an der STF aus 2026

Das «Poly» im neuen Berufstitel soll ab 2029 die Vielfältigkeit der Branche und die Kompetenzen betonen: Diplomierte Textiltechnologinnen und -technologen an der STF aus 2026

2024 03 Landkarte Lehrbetriebe

So viele Branchenbetriebe bilden derzeit in der Deutschschweiz aus.

So viele Branchenbetriebe bilden derzeit in der Deutschschweiz aus.

2026 07 Anzahl LN

So hat sich die Anzahl der Lernenden in den beiden Grundbildungen seit 2013 in der Deutschschweiz entwickelt.

So hat sich die Anzahl der Lernenden in den beiden Grundbildungen seit 2013 in der Deutschschweiz entwickelt.

Bedarf an Fachkraeften nach Bildungsstufen

Am ehesten gefragt sind Personen mit einer Berufslehre oder einer höheren Berufsbildung in der Tasche.

Am ehesten gefragt sind Personen mit einer Berufslehre oder einer höheren Berufsbildung in der Tasche.

Der Bund schreibt den Branchen vor, dass sie ihre Berufe alle fünf Jahre überprüfen und allenfalls Massnahmen ergreifen. Bei der Textil- und Bekleidungsbranche kam die Kommission zum Schluss, dass die Grundbildung revidiert werden muss. Warum?

Wir haben mit der abnehmenden Industrie einen Strukturwandel in der Branche und dadurch einen Handlungsbedarf erkannt. Einerseits entwickeln sich die Technologien laufend weiter oder es kommen neue hinzu. Das hat einen Einfluss auf die Fachrichtungen. Andererseits ist die Ausbildungsstruktur ein hochkomplexes System, denn die Lernenden lernen ihre Inhalte im Betrieb, in der Schule und im überbetrieblichen Kurs. Auch die Ansprüche und Interessen der Jugendlichen und Betriebe haben sich verändert.

Zum Beispiel?

Wir stellen fest, dass Fliessband- und Routinetätigkeiten abnehmen und die Anforderungen an Fachkräfte im Vergleich zu heute weiter steigen werden. Ausserdem werden die Arbeiten technischer, innovativer und designorientierter. Auch digitale Fähigkeiten, Führungs- sowie Sozialkompetenzen gewinnen stärker an Bedeutung, genauso wie das Thema Nachhaltigkeit. Einerseits brauchen die Betriebe Menschen mit einer breiten Ausbildung und textilem Grundwissen, andererseits ist auch Spezialwissen gefragt.

Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Wir haben unsere Betriebe von Swiss Textiles sehr stark einbezogen und sie im Vorfeld zur Revision befragt. Teilgenommen haben Lehrbetriebe, Berufsfachschulen, überbetriebliche Kurszentren, ehemalige Lernende sowie Prüfungsexperten und -expertinnen. Zudem haben wir Zukunftsworkshops mit den Betrieben durchgeführt und eine Arbeitsgruppe gebildet. Dieses Vorgehen machte den Prozess sehr umfassend und gut abgestützt, weil sich alle äussern konnten. Die Kommission und der Vorstand von Swiss Textiles kamen aufgrund der Antworten zum Schluss, dass eine Revision dringend nötig ist. Denn die Branche braucht weiterhin einen eigenen Beruf. Aber die Fachrichtungen haben das Ausbildungssystem verkompliziert, weil das Mengengerüst unserer Branche tief ist. Zudem war es finanziell nicht mehr tragbar.

Michael Berger

Die Lernenden werden mit der Entwicklung, Innovation, Design, Prototyping neue Fähigkeiten erwerben.

Die Betriebe müssen den Lernenden das Fachwissen also künftig selbst vermitteln. Das klingt nach viel mehr Aufwand.

Die fachliche Vertiefung wird im Betrieb und teilweise in den überbetrieblichen Kursen stattfinden – ja. Diese Umstellung sehen wir als Vorteil für die Branche: Erstens können so mehr Betriebe ausbilden. Zweitens ist der Nachwuchs nach seinem Abschluss viel breiter ausgebildet und ein Generalist – natürlich mit einer spezifischen Vertiefung in seinem Lehrbetrieb. Insgesamt wird die Lehre durch die Revision aufgewertet.

Inwiefern?

Künftig wird die Fachfrau, der Fachmann in der dreijährigen Lehre nicht mehr nur eine Maschine oder einen Maschinenpark bedienen, sondern eine erweiterte Schnittstellenkompetenz erlangen. Die Lernenden werden mit der Entwicklung, Innovation, Design, Prototyping neue Fähigkeiten erwerben. Letzteres bedeutet, dass man vorläufige Modelle eines Produkts erstellt, um Ideen zu testen, Feedback einzuholen und Fehler frühzeitig zu erkennen. Das neue Berufsbild wird alle diese Bereiche verbinden. Bei der einfacheren zweijährigen Lehre wird die oder der Lernende ebenfalls mehr Verantwortung übernehmen und die Produktion und Qualität sicherstellen.

Du hast Nachhaltigkeit erwähnt. Welche Rolle wird sie in der Bildung spielen?

Eine grosse. Wir sind eine prädestinierte Branche für dieses Thema. Darum lassen wir es auch in die Grundbildung einfliessen. Gemeinsam mit unserer Nachhaltigkeitsexpertin im Verband haben wir einen Workshop durchgeführt, in dem wir der Frage nachgingen, welche Inhalte auf Grundbildungsstufe vermittelt werden müssen. Sie sollten konkret sein und Inhalte abdecken, mit denen die Lernenden im Arbeitsalltag tatsächlich in Berührung kommen.

Michael Berger

Wir haben uns darum auf Polytechnologe Textil für die drei- und auf Polypraktikerin Textil für die zweijährige Lehre geeinigt.

Heute heisst die dreijährige Lehre Textiltechnologin EFZ und die zweijährige Textilpraktiker EBA. Werden die Titel auch angepasst?

Ja, wenn von Attraktivität die Rede ist, sind nicht nur die Inhalte des Berufs gemeint, sondern auch die Berufstitel. Diese haben wir in den Workshops und unserer Arbeitsgruppe diskutiert und festgestellt, dass wir von den bisherigen Titeln wegkommen müssen. Wir haben uns darum auf «Polytechnologe Textil» für die dreijährige Lehre und auf «Polypraktikerin Textil» für die zweijährige Lehre geeinigt. Das «Poly» soll eben die Vielfältigkeit in unserer Branche und die neuen Kompetenzen aufzeigen: das Technologische, die Innovation, das Design und das Textil. Die Bildungserlasse sollen 2029 in Kraft treten.

Die Zahl der Betriebe, die in der Schweiz herstellen, schrumpft weiterhin. Warum sollte sich jemand auf Lehrstellensuche noch für die Textil- und Bekleidungsbranche interessieren?

Die industrielle Produktion in der Schweiz nimmt weiter ab, das stimmt. Als ich vor elf Jahren bei Swiss Textiles angefangen habe, waren etwa die Hälfte aller Mitglieder in der Produktion tätig. Jetzt ist es noch ein Drittel. Gleichzeitig werden neue textile Nischenprodukte in der Schweiz entwickelt, die weltweit gefragt sind und für die es neue Berufe mit textilen Kompetenzen braucht.

Du hast die Sicht der Branche beschrieben. Was könnte spannend für die Jugendlichen sein, eine Lehre in einem Textilbetrieb zu machen?

Wir wissen auch, dass den Jugendlichen der Purpose, also die Sinnhaftigkeit, eines Berufs wichtig ist. Und ich glaube, das können wir in der Textilbranche sehr gut abdecken. Die Lernenden stellen ein Produkt her, das die Gesellschaft im Alltag braucht. Ohne Textilien können wir nicht leben. Wer Freude an textilen Materialien, an Maschinen, Apparaten und Instrumenten hat – also handwerklich arbeiten, designen, herumtüfteln und sich Neues überlegen will – der und die ist bei uns richtig. Ob im Labor, der Produktion oder Entwicklung. Ausserdem haben wir sehr gute und engagierte Ausbildungsbetriebe, auch wenn es nicht so viele wie in den grossen Branchen sind. Wer sich weiterentwickeln will und eine gewisse Flexibilität mitbringt, hat unglaublich gute Möglichkeiten.

Mit dem Sommerende starten Jugendliche in ihre Lehren in der Textil- und Bekleidungsbranche. Was gibst du ihnen mit auf den Weg?

Sie dürfen sich auf die Vielfältigkeit im Betrieb, neue Aufgaben und Menschen sowie die Möglichkeit mitzuwirken, freuen. Dabei helfen Offenheit, Interesse und die Fähigkeit, sich auf Neues einlassen zu können. Auch wenn es gelegentlich einmal ein Tief gibt, und das wird bei jeder und jedem einmal vorkommen. Das kennen wir alle. Wichtig ist, nach Lösungen zu suchen und miteinander zu reden.

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