Adriana Zilic — 01.02.2023

Wo Prominente und Luxushäuser ihre Teppiche anfertigen lassen: Zu Besuch bei Teppichproduzent Ruckstuhl AG in Langenthal. Swiss Textiles blickt mit Geschäftsführer Adrian Berchtold hinter die Kulissen und spricht mit ihm über Diversity, Sessellifte als Transportmittel – und holprige Zeiten.

Massanfertigungen für Boutiquen, Yachten und Villen – die Kundschaft der im bernischen Langenthal ansässigen Teppichmanufaktur Ruckstuhl AG ist kaufkräftig. Private, Botschaften, Museen und internationale Mode- und Uhrenhersteller. Teppiche für die Teppichetage sozusagen. Wer diese genau ist, darüber schweigt sich Adrian Berchtold aus: «Wir sind sehr diskret, was unsere Kundinnen und Kunden angeht», sagt der Geschäftsführer und Inhaber mit perfekt sitzender Frisur. Nur so viel: Es befänden sich auch namhafte Personen aus dem Showbiz darunter.

Teppiche im Wert eines Autos

In seiner Produktionshalle, wo unser Gespräch stattfindet, rattert die Webmaschine. Ein Roboter führt gerade einen Auftrag im Wert eines guten Mitteklassewagens für ein Kunstmuseum aus: Zwei Unikate mit mehreren Metern Durchmesser werden getuftet. Die Designs hat eine Künstlerin entworfen. Bei der Tufting-Technik wird das Garn mit einer Pistole in die Grundfläche geschossen.

Beim Tufting wird das Garn nach Vorlage ins Gewebe geschossen. Ein Mitarbeiter überprüft anschliessend, ob die Fläche ebenmässig ist und bessert wo nötig mit der Schere aus.

Tuftingmaschine
Tufting mit nachkontrolle

Adrian Berchtold

Ich höre, ob die Webmaschine richtig läuft.

Ein paar Meter weiter lädt ein Gabelstapler eine frisch produzierte Teppichrolle auf und fährt sie ins Fertigwarenlager nebenan: deckenhohe Regale gefüllt mit Luxusteppichen in Taupe, Blaugrau, Ecru. Es sind so viele, dass man mehrere Fussballfelder bedecken könnte. Einige Wochen Handarbeit und ein beträchtlicher Anteil des Firmenumsatzes lagern hier.

Einen Sisalteppich nach Mass beispielsweise gibt’s ab etwa 2’000 Franken. Nach oben sind die Preise unbegrenzt. Die bislang teuersten Kreationen liegen im fünf- und sechsstelligen Bereich.

Eindrücke wie ein Schwamm aufsaugen

Ruckstuhl produziert hauptsächlich im Inland und verkauft in die ganze Welt. Verwendet werden Naturfasern aus Kokos, Schurwolle, Leinen, Sisal und Holz. Zu den wichtigsten Absatzmärkten gehören die Schweiz, Deutschland und Italien. Inspirieren lassen sich Berchtold und sein Team immer und überall. «Ob während einer Designmesse in Mailand oder einer Reise durch die indische Stadt Varanasi – wir saugen Gerüche, Farben und Formen auf wie ein Schwamm.» Daraus entstünden spannende Ideen für Designs.

Aus den Naturfasern entstehen hochwertige Teppiche. Hier beispielsweise aus Kokos in den aktuellen Trendfarben Grün, Blau und Braun.

Kokosfasern
Kokosfasern nah
Spulen 2

Frauen an tonnenschweren Maschinen

«Eine offene Firmenkultur ist wichtig», so Berchtold, der sich ohne Umschweife zu seiner Homosexualität bekennt. Bei ihnen arbeiteten Menschen aus zwölf Nationen und unterschiedlichen Generationen miteinander. Diversität sei nicht einfach eine Floskel. «Der Männer- und Frauenanteil ist gleich hoch. Alle Angestellten übernehmen dieselben Aufgaben. Unabhängig vom Geschlecht», sagt er und schaut zur tonnenschweren Webmaschine hinüber, an der eine ältere Mitarbeiterin in schwarzen Handschuhen seildicke Garne aus Kokosfasern festzurrt. «Sie ist schon seit 1977 bei uns. In zwei Jahren wird sie pensioniert.»

Die Webmaschine ist schon 80 Jahre alt und inzwischen nicht mehr auf dem Markt verfügbar.

Webmaschine
Webmaschine

Sticking at it

Things had not always been going so smoothly for the two owners, Berchtold and Baumann as it might seem at first sight. Three years ago, the pandemic left him awake at night. Today the industry is facing uncertainty because of energy supply difficulties, the Ukraine conflict and a volatile market. But “In my short time as CEO I have learned not to lose hope even when I am at my wit’s end,” he says. He also tries to see challenges as opportunities. A word of advice that must surely apply to the whole industry.

Adrian Berchtold

Einmal haben wir einen Teppich mit Sessellift und Gondel ins Chalet eines Kunden geliefert.

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«In meiner kurzen Zeit als Geschäftsführer habe ich gelernt, die Hoffnung zu bewahren, auch wenn es dich durchschüttelt», sagt Adrian Berchtold.

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Der 38-Jährige leitet die Manufaktur gemeinsam mit Stefan Howald und Valentin Baumann.

«Wir erfüllen jeden Wunsch», sagt Berchtold und zupft sein braunes Sacco zurecht. Auch die Lagerung und Logistik übernehme man – von Australien bis in die heimischen Alpen. «Einmal haben wir einen Teppich sogar mit Sessellift und Gondel ins Chalet eines Kunden geliefert», erinnert er sich.

Dranbleiben

Nicht immer lief es für das Besitzerduo Berchtold-Baumann so reibungslos, wie es auf den ersten Blick scheint. Vor drei Jahren raubte ihnen die Pandemie den Schlaf. Heute bescheren der Branche die unsichere Energielage, der Ukraine-Konflikt und ein volatiler Markt Ungewissheit. Aber: «In meiner kurzen Zeit als Geschäftsführer habe ich gelernt, die Hoffnung zu bewahren, auch wenn es dich durchschüttelt», erklärt er. Er versuche, in Herausforderungen auch Chancen zu sehen. Ein Ratschlag, der wohl für die gesamte Branche gilt.

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