Peter Flückiger/ az — 28.02.2023

Eine ungewisse Energielage, hohe Preise und der starke Franken forderten die Textil- und Bekleidungsbranche auch im vierten Quartal 2022 heraus. Die Unternehmen meisterten dieses aber grösstenteils gut. Der Blick in die Zukunft ist derweil zweigeteilt: Während die verarbeitende Industrie positiv eingestellt ist, sind die Erwartungen im Grosshandel durchzogen.

NEU: Erstmals präsentieren wir Ihnen die Branchenzahlen als Video – zusammengefasst von Peter Flückiger.

Die Lage der Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche

Die Textil- und Bekleidungsbranche stemmte sich auch im vierten Quartal und anfangs 2023 mehrheitlich erfolgreich gegen die schwierigen Umstände: hohe Preise für Energie, Transport und Rohstoffe sowie die Unsicherheit aufgrund des Ukraine-Kriegs, der Nachfrageschwäche in Europa und der Energiesituation.

Unterschieden wird nachfolgend zwischen der verarbeiteten Textil- und Bekleidungsindustrie sowie dem Textil- und Bekleidungsgrosshandel.

So sank die Kapazitätsauslastung der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsindustrie im vierten Quartal leicht. Ein klarer Aufwärtstrend war jedoch bei der Geschäftslage sowie beim Auftragsbestand sichtbar.

Schwieriger gestaltet sich die Situation dagegen im Textil- und Bekleidungsgrosshandel. Die allgemeine Geschäftslage verschlechterte sich im vierten Quartal – wenn auch schwächer als im halben Jahr zuvor. Die Geschäftslage bewegt sich derzeit knapp unter der Nullgrenze. Im gesamten Grosshandel steigt der Geschäftslageindikator erstmals seit einem halben Jahr wieder.

Zwar haben sich die Nachfrageerwartungen der Unternehmen im Grosshandel insgesamt kaum verändert. Das Problem der Lieferfähigkeit verliert aber deutlich an Brisanz. Leistungen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels wurden weniger nachgefragt und haben sich demjenigen des Schweizer Gesamtgrosshandels angenähert.

Inflation bleibt Sorgentreiber – Schweiz steht international gut da

Trotz minimer Entspannung liegt die Hauptherausforderung in der Inflation. Diese zeigt sich in den Handelszahlen. Wertmässig ist der Handel von Textilien und Bekleidung im Jahr 2022 gewachsen, die Volumen haben aber abgenommen. Mit einer Inflation von etwa 3 Prozent steht die Schweiz im internationalen Vergleich relativ gut da. In unserem wichtigsten Absatzmarkt Deutschland liegt die Teuerung aber dreimal höher. Die Haushalte müssen sich spürbar einschränken.

Trotz Krise mehr Bekleidung exportiert

Die Bekleidung ist unter den Konsumgütern am stärksten betroffen. Konsumentinnen und Konsumenten kaufen weniger ein oder weichen auf günstigere Brands aus. Für die Bekleidungsfirmen stellt sich die schwierige Frage, ob und wie stark sie die höheren Beschaffungs- und Produktionskosten weitergeben können. Es verwundert denn auch nicht, dass die Exporte nach Deutschland sowohl bei Textilien (-4 Prozent) als auch bei Bekleidung (-1.5 Prozent) 2022 abgenommen haben, bei einem sonst erfreulichen Exportanstieg. Die Textilexporte wuchsen weltweit um 3.5 Prozent – den stärksten Anstieg zeigten Gewebe und Gewirke. Die Bekleidungsexporte legten korrigiert um die Rückwaren im letzten Jahr um 5.7 Prozent zu. Die USA und der mittlere Osten machten die Nachfrageschwäche in Europa und auch in China dabei mehr als wett.

Historisch hohe Beschäftigungslage

Erfreulich ist die historisch tiefe Arbeitslosenquote von 2.5 Prozent in der verarbeitenden Industrie und 2.6 Prozent im Grosshandel. Auch hier gibt es eine Kehrseite der Medaille: In der Textil- und Bekleidungsbranche wird es noch schwieriger, qualifizierte Mitarbeitende zu rekrutieren. Jedes einzelne Unternehmen ist gefordert, attraktive Arbeitsbedingungen anzubieten.

Konjunkturindikatoren

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Beschaeftigte Lage Arbeitsmarkt Winter 2022
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Kapazitaetsauslastung in Prozent Verarbeitende Industrie Winter 2022

Die Kapazitätsauslastung der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsbranche sank im vierten Quartal leicht und liegt nun bei etwas über 82 Prozent. Die Kapazitätsauslastung der Schweizer Gesamtindustrie verringerte sich ebenfalls minim auf gut 84 Prozent.

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Geschaeftslage Saldo Verarbeitende Industrie Herbst 2022

Nach einem starken Taucher in den letzten zwei Monaten des Jahres 2022 hat sich die Geschäftslage der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsunternehmen gemäss der Januar-Umfrage deutlich verbessert. Sie befindet sich wieder im positiven Bereich. Ebenfalls einen Aufwärtstrend verzeichnete die Gesamtindustrie, die mit einem Saldo von +24 rund zehn Punkte höher als unsere Branche liegt.

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Auftragsbestand Saldo Verarbeitende Industrie Herbst 2022

Der Rückgang beim Auftragsbestand der Schweizer Gesamtindustrie setzte sich – wenn auch leicht abgeschwächt – im vierten Quartal fort. Zum ersten Mal seit Frühling 2021 befindet dieser sich wieder im negativen Bereich. Umgekehrt verhält es sich bei den verarbeitenden Textil- und Bekleidungsunternehmen: Der Auftragsbestand wird zwar mehrheitlich immer noch als zu klein beurteilt; die Situation verbessert sich jedoch seit August 2022 stetig.

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Geschaeftslage Saldo Grosshandel Winter 2022

Die Textil- und Bekleidungsgrosshandelsunternehmen setzten die Bewertung ihrer allgemeinen Geschäftslage auch im vierten Quartal herab, und zwar knapp unter die Nullgrenze. Die Korrektur fiel weniger deutlich aus als in den beiden Quartalen zuvor. Der Schweizer Gesamtgrosshandel beurteilte die allgemeine Geschäftslage im Endquartal deutlich besser und stabilisiert sich auf sehr hohem Niveau.

Nachfrage Saldo Grosshandel Winter 2022

Die Nachfrage nach Leistungen des Textil- und Bekleidungsgrosshandels hat sich verringert und demjenigen des Schweizer Gesamtgrosshandels angenähert. Beide bewegen sich noch knapp im positiven Bereich.

Die Geschäftslage stellt den konjunkturellen Gesamtzustand des Unternehmens dar. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage zurzeit insgesamt als gut, befriedigend, schlecht.» Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als gross, normal, zu klein.» Die Nachfrage umfasst die Nachfragen nach Leistungen im In- und Ausland. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Die Nachfrage nach unseren Leistungen ist in den letzten drei Monaten gestiegen, gleichgeblieben, gesunken.»


Ausgewiesen wird für die vier Indikatoren der saisonbereinigte Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. Die Angaben der positiven und negativen Antworten (Prozentzahlen im Text) sind nicht saisonbereinigt. (Quelle: KOF ETHZ)

Aussenhandel

Im vierten Quartal 2022 exportierten die Unternehmen Textilien im Wert von 292 Millionen Franken. Dies entspricht einem Plus von 2.3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Minus von 1.2 Prozent und belaufen sich auf 788 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 13.2 Prozent gestiegen und liegen bei 264.7 Millionen Franken.

In derselben Zeitspanne wurden Textilien im Wert von 525 Millionen Franken importiert. Dies entspricht einem Plus von 0.4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Bekleidungsimporte verzeichnen ein Plus von 0.4 Prozent und belaufen sich auf 2.2 Milliarden Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsimporte um 3 Prozent gestiegen und liegen bei 1.7 Milliarden Franken.

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Entwicklung Textil und Bekleidungsexporte nach Quartal Winter 2022
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Entwicklung Textil und Bekleidungsimporte nach Quartal Winter 2022
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Textilimporte und Exporte nach Wirtschaftsraum Winter 2022
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Bekleidungsimporte und Exporte nach Wirtschaftsraum Winter 2022
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Exporte und Importe nach Warengruppen Winter 2022

Ausblick und Erwartungen

Die Stimmung der Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen für die kommenden Monate ist zweigeteilt. Während die verarbeitende Industrie positiv in die nahe Zukunft blickt, sind die Erwartungen im Grosshandel durchzogen.

Die Geschäftslage und der Auftragsbestand der verarbeitenden Industrie haben sich anfangs 2023 verbessert. Das dürfte zwei Gründe haben: Erstens sind die Energiepreise nicht so stark angestiegen wie befürchtet. Zweitens scheint der Peak der generellen Preissteigerung überschritten. Im Gegensatz zum Oktober 2022, als 62 Prozent der Firmen steigende Preise erwarteten, waren es im Januar 2023 noch 42 Prozent.

Gute Exportaussichten trotz starkem Franken

Die Exportaussichten für die verarbeitende Textil- und Bekleidungsbranche bleiben weiterhin auf gutem Niveau. Vor dem Hintergrund des real starken Frankens gegenüber dem Euro ist das sehr positiv zu werten. 47 Prozent der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsunternehmen rechnen mit höheren, 12 Prozent mit tieferen und 42 Prozent mit unveränderten Ausfuhren. Die Bestellungserwartungen lagen bis im August noch im negativen Bereich. Nun liegen sie leicht im positiven.

Gemäss den Textil- und Bekleidungsunternehmen des Grosshandels ist mit einer Zunahme des Preisdrucks zu rechnen. Kostentreiber sind nach wie vor Rohstoffe, Energie, Logistik und die generelle Unsicherheit. Die Textil- und Bekleidungsgrosshandelsunternehmen senkten ihre Nachfrageerwartungen deutlich. Gingen im Oktober 2022 noch 77 Prozent von einer Erhöhung aus, waren es im Januar 2023 nur noch 46 Prozent.

Textil- und Bekleidungsgrosshandel geht von gleichbleibender Beschäftigung aus

Durchzogen präsentiert sich die Aussicht auf die Beschäftigung. In der verarbeitenden Textil- und Bekleidungsbranche hat sich diese nach einem Einbruch im dritten Quartal 2022 wieder deutlich verbessert und liegt im positiven Bereich. Im Textil- und Bekleidungsgrosshandel stabilisierten sich die Beschäftigungsaussichten. Rund 95 Prozent der Unternehmen gehen von einer gleichbleibenden Beschäftigung aus.

Diese mauen Erwartungen der Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen hätten angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen klar schlechter ausfallen können. Dass dem nicht so ist, überrascht und macht zugleich Mut.

Rückfragen

Peter Flückiger

Peter Flückiger

Vorsitzender der Geschäftsleitung
T: +41 44 289 79 31
peter.flueckiger@swisstextiles.ch

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