Mirjam Matti Gähwiler — 04.06.2021

Immer am Puls der Zeit, lebendig, inspiriert und voller Ideen. So stellen wir uns die Arbeit der Designschaffenden vor. Aber wie geht das, wenn in Zeiten von Corona so vieles von dem entfällt, was normalerweise eine Quelle der Inspiration ist? Ein Gespräch mit dem freischaffenden Textildesigner und Künstler Christoph Hefti.

Ich treffe mich mit Christoph Hefti zum virtuellen Gespräch. Er sitzt bei einem befreundeten Designer in dessen Atelier in Zürich, wo er während seiner Zürich-Aufenthalte eine neue Heimat gefunden hat. Christoph Hefti lebt und arbeitet in Zürich und Belgien und pendelt zwischen beiden Orten – oder reist für die verschiedenen Jobs dahin, wo es ihn gerade braucht. In Zeiten von Corona gar nicht mehr selbstverständlich.

Christoph, welche Auswirkungen der Pandemie spürst du derzeit noch am meisten?

Ich reise viel weniger, kann nicht mehr spontan entscheiden, ob ich noch ein paar Tage in Zürich bleibe und dann an den nächsten Ort gehe. Aber damit kann ich leben. Mir fehlt viel mehr der persönliche Austausch. Wenn man zusammenkommt, zusammen entwirft, ausprobiert, dann entsteht Zufälliges. Das kann ein digitaler Austausch nicht ersetzen. Es ist wie Tanzen ohne Musik.

Du bist für verschiedene Mode-Labels tätig, auch für Marken im Luxusbereich und siehst in unterschiedliche Firmen. Was hat sich verändert?

Es ist alles sehr schwammig geworden. Man entwirft, es wird gearbeitet ohne Plan, dann wieder verworfen. Nie weiss man, ob das schliesslich eine Kollektion gibt oder doch nicht. Als viele Produktionsbetriebe in Europa wegen der Pandemie geschlossen waren, ist mir klargeworden, dass wir als Designer nicht ins Blaue hinaus entwerfen können ohne zu wissen, wer das produziert. Es muss Hand in Hand gehen.

Die Modeindustrie ist ja schon länger unter Druck, nachhaltiger zu werden. Hat die Pandemie hier etwas bewegt?

Das Thema Nachhaltigkeit war zwar schon vor der Pandemie da, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht glaube, dass eine nachhaltige Veränderung durch oder wegen der Pandemie erfolgen wird. Die Pandemie hat zwar schon das Bewusstsein nach nachhaltigen Produkten geschärft, aber wir reden hier ja von grossen Modekonzernen, die mit monatelangen Lockdowns in Europa riesige Verluste eingefahren haben. Da stand ja zuerst im Fokus, die eigene Firma zu retten.

Also eine Illusion?

Einzelne, kleine Firmen, die schon immer auf Nachhaltigkeit setzten, profitieren sicher vom wachsenden Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten und leisten einen wichtigen Beitrag. Aber das sind nicht die Game Changer. Ich sehe aber ein grosses Potenzial in der heranwachsenden Generation an Designschaffenden. Die jetzigen Studierenden haben einen ganz anderen Mindset und werden diesen Paradigmenwechsel pushen. Die Mode ist etwas sehr Fragiles, aber sie hat immer neue Wege gesucht und gefunden. Das wird auch hier der Fall sein.

Ich wünsche mir, dass wir als Designschaffende wieder viel stärker in die Prozesse eingebunden werden und unsere Vielfalt an Kompetenzen einsetzen können.

Neben der Mode bist du ja inzwischen seit vielen Jahren auch als Künstler von Teppichen bekannt. Befruchten sich diese beiden Tätigkeiten?

Ja, das Kreieren und Produzieren von Teppichen ist schon eine spezielle Leidenschaft. Das ist auch ein ganz anderer Schlag von Menschen, der sich in diesem Bereich tummelt. In der Mode ist man kosmopolitisch unterwegs in New York, London und Paris. Im Teppichgeschäft heisst es: Istanbul, Teheran, Kathmandu. Ich liebe den Wechsel zwischen diesen Welten.

Welche Auswirkungen der Pandemie spürst du da?

Dadurch, dass die Menschen so viel zu Hause sind, investieren sie viel mehr in ein schönes Zuhause. Das kam mir natürlich zugute, denn meine Teppiche wurden viel mehr nachgefragt. Es ist ein Glücksfall, dass ich verschiedene Standbeine habe, denn wie ich schon sagte, in der Mode wurde vieles unverbindlich, dafür konnte ich mich mehr auf die Teppiche konzentrieren. Und ich habe Keramik gemacht, die auch über meine Galerie verkauft wird.

Wie geht es weiter?

Die Pandemie hat mir gezeigt, dass man sich immer wieder hinterfragen muss. Sich die Möglichkeiten, die man hat, zurechtlegen und sich fragen: Wie gehe ich weiter, was kann ich, wie kann ich es machen? Ich sage, Designer sein heisst alles sein. Ich bin genauso Forscher und Unternehmer. Heute sind so viele Personen an einem Job beteiligt, der Designer darf dann noch etwas einfüllen, was an Marketing-Meetings besprochen wurde von Menschen, die von Design- und Designprozessen meist wenig Ahnung haben. Ich wünsche mir, dass wir als Designschaffende wieder viel stärker in die Prozesse eingebunden werden und unsere Vielfalt an Kompetenzen einsetzen können. Wir sind ja nicht losgelöst von den Prozessen und kreieren irgendwelche nicht umsetzbare Ideen. Für mich beispielsweise kann auch ein Abgabetermin oder eine Kostenvorgabe Inspiration sein, falls sie im gegenseitigen Dialog entstehen und für alle machbar sind. Anstatt einen überdimensionierten Teppich gibt es dann mehrere kleinere Versionen, dafür das zentrale Stück in einer speziellen Materialität. Das ist nur ein Beispiel, um zu zeigen, dass auch vermeintlich starre Vorgaben in etwas Gutes münden können.

Was nimmst du konkret aus dieser Zeit mit?

In Europa sind wir uns, also unsere Generation und die Jüngeren, solche Krisen nicht gewohnt. Ich denke, wir werden lernen müssen, damit und mit den Auswirkungen zu leben. In Nepal, wo meine Teppiche geknüpft werden, leben die Menschen viel bewusster mit Unvorhergesehenem. Erdbeben, Stromausfall, kein Benzin. Sie haben neben Plan A auch immer einen Plan B und C. – Dann hatte ich Zeit, viel Neues auszuprobieren und ich habe wieder vermehrt analog entworfen. Es ist so einfach, eine Zeichnung am Computer zu verändern und daraus 50 verschiedene Möglichkeiten entstehen zu lassen und dann aus diesen zu wählen. Ich habe mich gefragt, warum kann ich nicht an der einen Möglichkeit so lange arbeiten, bis sie die einzige ist, die ich haben will. Das hat mir wieder mehr Gespür und Bezug zu meinen Entwürfen gegeben.

Kreationen von Christoph Hefti in einer Ausstellung in Dries Van Noten's little house in Los Angeles.

09 Christoph Heftiat Little House Dries Van Noten LA Photoby Andrew Lee FLAUNT

Dries van Noten / Maniera / Christoph Hefti. Foto: Andrew Lee

Dries van Noten / Maniera / Christoph Hefti. Foto: Andrew Lee

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Dries van Noten / Maniera / Christoph Hefti. Foto: Andrew Lee

Dries van Noten / Maniera / Christoph Hefti. Foto: Andrew Lee

03 Christoph Heftiat Little House Dries Van Noten LA FLAUNT

Dries van Noten / Maniera / Christoph Hefti. Foto: Andrew Lee

Dries van Noten / Maniera / Christoph Hefti. Foto: Andrew Lee

Nach seiner Ausbildung zum Textildesigner in Zürich studierte Christoph Hefti Modedesign am Central Saint Martins College in London. Danach begann er seine Karriere als Designer für Jean-Paul Gaultier in Paris und Dries Van Noten in Antwerpen. Für Letzteren war er 13 Jahre lang als kreativer Assistent tätig und für die bedruckten Stoffe verantwortlich, einschliesslich Forschung, Design und Entwicklung. Seit Beginn seiner freiberuflichen Karriere hat Hefti für verschiedene Modehäuser gearbeitet, darunter Lanvin, Balenciaga und Mugler. Daneben entdeckte Christoph Hefti seine Leidenschaft für handgemachte Teppiche, die er in Nepal herstellen lässt.

Wie geht es anderen Designschaffenden in dieser Zeit?

Welche Auswirkungen spüren Sie – und was nehmen Sie langfristig aus dieser Pandemie mit?
Drei Fragen an drei Designschaffende unserer Mitgliedsunternehmen.

1) Reisen ist fast nicht möglich, Kulturbetriebe waren lange geschlossen, Veranstaltungen und Messen fielen aus. Wo holten Sie sich Inspiration?

2) Was war/ist besonders einschneidend in Bezug auf Ihre Arbeit?

3) Glauben Sie, dass die Pandemie Ihre Arbeits(weise) nachhaltig verändern wird?

Eliane Ernst

Eliane Ernst

Création Baumann AG
Produktmanagerin

1) Die Relevanz von Social Media ist sicherlich gestiegen. Ich habe sehr viele Architektur-, Trend- und Modeplattformen abonniert und kann mich grundsätzlich so gut informieren. Aber die Sehnsucht nach realer Inspiration steigt und die Lebendigkeit und Energie von Metropolen wie London und Mailand fehlen schon.

2) Alle Prozesse benötigen viel mehr Zeit, die Zusammenarbeit mit externen Partnern verzögert sich, die Lieferketten sind schwerfällig oder unterbrochen. Auch interne Abläufe benötigen wegen der Kurzarbeitszeit(präsenz) mehr Geduld.

3) Ich bin überzeugt, dass wir viel Positives aus dieser Zeit in die Zukunft mitnehmen. Das Bewusstsein für Qualität, für gute Gestaltung und Nachhaltigkeit hat sich intensiviert und wird bleiben. Das wird sich auf unsere Arbeit als Designerinnen und Designer auswirken, wir werden weniger Produkte brauchen und entwickeln. Die Produkte werden funktionaler und sinnvoller und erfüllen höchste Ansprüche an Qualität, Ästhetik und Nachhaltigkeit.

Charlotte Stein

Charlotte Stein

CALIDA
Chief Designer Woman & Kids

1) Für mich ist das Internet eine unglaublich ergiebige Quelle für allerlei Inspirationen – schon vor dem Lockdown. Die Inspirationen in Form von Images sind für lange Zeit und meist in sehr guter Qualität abrufbar. Das finde ich einen grossen Vorteil. Man kann in aller Ruhe alles durchstöbern, unabhängig von Zeit und Ort. Zusätzlich durchforste ich sämtliche interessanten Onlineshops, Blogs, Instagram, Pinterest und sichte die Fotos der neusten Fashionshows.

2) Im Homeoffice ist nicht alles möglich. Farben, neue Stoffe und Spitzen muss ich in echt sehen und anfassen können. Was mir ebenfalls fehlt, sind die Messebesuche. Zwar haben viele Partner und Plattformen hier mittlerweile ein grosses Angebot an digitalen Trendforen und Messealternativen aufgebaut, die Inspirationen und Eindrücke, die man jedoch auf einem Besuch vor Ort bekommt, lassen sich digital einfach nicht wiedergeben.

3) Wir bemerken bereits jetzt stetige und nachhaltige Veränderungen. Wurde Digitalisierung bei uns bereits vorher grossgeschrieben, haben wir durch die Pandemie und den Lockdown hier nochmals einen grossen Schritt vorwärts gemacht. Wir drucken viel weniger. Die Arbeit im Homeoffice hat sich durchgesetzt, was auch weiterhin so umgesetzt wird – nicht ausschliesslich, aber in einem guten Gleichgewicht. Skizzenpräsentationen konnten wir ebenfalls schon mehrmals digital abhalten. Der Fokus und die Konzentration waren hierbei sogar höher als in einem physischen Meeting. Ich finde, das sind tolle Veränderungen und Entwicklungen und hoffe, dass sie sich auch nachhaltig durchsetzen.

Harald Lenzinger

Harald Lenzinger

CALIDA
Designer/Senior Product Manager Men

1) Vieles spielt sich in den digitalen Medien ab: Instagram, Pinterest, Trendforen, digitale Modenschauen. Diese vor allem digitalen Inspirationsquellen waren natürlich bereits vor der Pandemie zentral, wurden aufgrund der Situation aber nochmals stark angeregt und damit vielseitiger. Für mich sind daneben aber auch nach wie vor klassischere Medien wie Print, Zeitschriften und Bücher eine grosse Inspiration und auch unsere Umgebung, die Natur, menschenleere Städte sind Quelle für neue Ideen, Ansichten und Ansätze.

2) In vielerlei Hinsicht erleichtert die digitale Arbeit die Erstellung einer Kollektion, da alle Infos in einem Medium zusammengetragen werden und für alle visuell nachvollziehbar sind. Zudem schafft die Arbeit im Homeoffice Freiräume für persönliche Arbeitsgestaltung. Die persönliche Zusammenarbeit und der Austausch im Team fehlen jedoch sehr. Hinzu kommt, dass wir mit Materialien arbeiten, die man anfassen und fühlen muss. Auch Farben werden über den Bildschirm teilweise verfälscht. Das erschwert die Kommunikation bei der Farbgestaltung und Kollektionserstellung, aber auch die Bedingungen bei Kollektionsvorlagen und -präsentationen.

3) Die Flexibilität, von unterschiedlichen Orten aus zu arbeiten, eröffnet viele neue Möglichkeiten. Digitale Meetings sind in vielerlei Hinsicht effizienter und produktiver. Zudem können unnötige Reisen minimiert werden, da mit den vorhandenen digitalen Infrastrukturen Teilnehmer aus aller Welt problemlos zusammenfinden können. Dies sind alles positive Veränderungen und Alternativen, die sich hoffentlich nachhaltig durchsetzen werden. Auch im Hinblick auf Kollektionsinhalte ergeben sich aus der Pandemie neue Potenziale. Durch das vermehrte Arbeiten im Homeoffice ergeben sich neue Bedürfnisse nach Bekleidung, Materialien und Schnitten, welche uns sicher langfristig beschäftigen und begleiten werden.

Porträt Christoph Hefti: MIKOMIKOSTUDIO

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