Ideales Timing für den direkten Draht: Kurz bevor der Bundesrat die Botschaft zu den Bilateralen III ans Parlament überweist, trafen sich Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit der Textilbranche zur jährlichen Soirée Textil. Im Zentrum: Die Innovationskraft der Schweiz, eine Branchenlösung für Textilrecycling und ein eindringlicher Appell zur Europa-Politik.
Timing ist bekanntlich alles. Im Fall der Parlamentarischen Gruppe für die Textilwirtschaft hätte sie für ihre Soirée Textil 2026 gestern Abend kein besseres wählen können: Noch in derselben Session überweist der Bundesrat die Botschaft zu den Bilateralen III ans Parlament.
Die Gäste – Vertreterinnen und Vertreter von KMU – nutzten den Abend, um die Dringlichkeit guter Beziehungen zur EU zu unterstreichen. Sie ist die wichtigste Handelspartnerin der Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche. In einer geopolitisch angespannten Lage sind verlässliche Beziehungen mehr denn je ein Wert an sich.
Gerade darin liegt die Bedeutung der Soirée: Sie schafft Raum für Gespräche zwischen Branche und Politik, direkt und ohne grosse Inszenierung. Parlamentarierinnen und Parlamentarier treffen auf Unternehmerinnen und Unternehmer. Positionen werden geschärft, Kontakte neu geknüpft oder vertieft – ob links oder rechts am Tisch.
Es gibt kein Zurück mehr.
Carl Illi nutzte seine Rede denn auch für ein deutliches Plädoyer in europapolitischer Sache. Mit dem Bonmot «l’esprit de l’escalier» – bei der einem die treffende Antwort erst auf der Treppe einfällt – warnte der Präsident von Swiss Textiles vor Fehlentscheiden mit langfristigen Folgen: «Wenn wir die guten Beziehungen zur EU mit einem Ja zur Chaos-Initiative oder später mit einem Nein zu den Bilateralen III gefährden, ist der Schaden irreversibel. Es gibt kein Zurück mehr.»
Dies geht nur gemeinsam, unabhängig einer Parteizugehörigkeit.
Im Hotel Bellevue in Bern warb Illi vor diesem Hintergrund für Zusammenhalt und Offenheit. Während die Welt zunehmend auseinander zu driften scheint und sich das Recht des Stärkeren wieder Geltung verschafft, forderte er: «Wir brauchen offene Märkte, wir brauchen Nachwuchs und ausländische Fachkräfte». Sein Appell: «Dies geht nur gemeinsam, unabhängig von der Parteizugehörigkeit.»
Nationalrätin Regine Sauter stellte als Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe die erweiterte Produzentenverantwortung für Textilien ins Zentrum. Sie soll die Grundlage für eine Branchenlösung im nationalen Textilrecycling schaffen – nach dem Vorbild des PET-Systems.
Swiss Textiles arbeitet dafür mit dem 2024 gegründeten Verein Fabric Loop an einem schweizweiten Sammel- und Verwertungssystem. Finanziert werden soll es über vorgezogene Kreislaufbeiträge. Entscheidend dabei: Das System soll für sämtliche Marktteilnehmer gelten, einschliesslich ausländischer Onlineplattformen wie Temu und Shein.
Dass dies ausgerechnet in einer Woche sichtbar wurde, in der Bern die nächsten europapolitischen Schritte einleitete, verlieh dem Anlass seine eigene Pointe.
Ein gewichtiger Marktplayer ist indessen auch On. Was vor 15 Jahren als überschaubares Schuh-Startup begann, ist heute ein globales Unternehmen mit einem Umsatz von über CHF 3 Milliarden. Mitgründer Caspar Coppetti sprach über ihre Entwicklung, den Wandel von der Werkbank zur Ideenfabrik und die Rahmenbedingungen, die solche Wege in der Schweiz möglich machen.
Die Fashionshow – seit Jahren die stille Hauptattraktion der Soirée – gehörte dieses Mal Pelikamo, Maison Miaki und Solané. Sie zeigten den anwesenden Nationalrätinnen und Ständeräten, was diesen Frühling angesagt ist.
Und so fügte sich gestern Abend vieles zusammen: Wettbewerbsfähigkeit, Kreislaufwirtschaft und Europa. Debatten und Fragen also, die für die Branche nicht irgendwann, sondern jetzt entschieden werden. Dass dies ausgerechnet in einer Woche sichtbar wurde, in der Bern die nächsten europapolitischen Schritte einleitete, verlieh dem Anlass seine eigene Pointe.
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